Aberdeen: Anleger fürchten die falschen Risiken

Aberdeen: Anleger fürchten die falschen Risiken
Karsten-Dirk Steffens, Country Head Switzerland von Aberdeen. (Foto: zvg)

Die Wahrheit ist unbequem: Anleger haben heute kein Informationsproblem. Sie haben ein Mutproblem.

von Karsten-Dirk Steffens, Country Head Switzerland von Aberdeen

Wer derzeit die Schlagzeilen liest, müsste eigentlich davon ausgehen, dass die Börsen längst eingebrochen sind. Krieg in Europa. Eskalation im Nahen Osten. Handelskonflikte. Rekordschulden. Politische Polarisierung. Und dennoch notieren viele Aktienmärkte nahe ihrer Höchststände.

Das irritiert viele Investoren. Noch mehr irritiert sie, dass die erwartete grosse Korrektur seit Jahren ausbleibt.

Die Wahrheit ist unbequem: Die meisten Anleger sind nicht an mangelnder Information gescheitert, sondern an ihren eigenen Ängsten. Sie warten auf den perfekten Einstiegszeitpunkt, auf Klarheit, auf den Moment, in dem die Risiken verschwunden sind. Dieser Moment kommt nie.

Die grösste Gefahr für institutionelle Investoren sind nicht die Risiken der Märkte, sondern die Chancen, die sie aus Angst ungenutzt lassen.

Aktien und Obligationen bleiben unverzichtbar. Sie gehören weiterhin ins Zentrum jeder langfristigen Allokation. Doch wer sein Portfolio auf die USA und Europa beschränkt, ignoriert einen grossen Teil des künftigen Wachstums. Viele Anleger konzentrieren sich auf dieselben Tech-Giganten, während sich in den Schwellenländern die Wachstumsmärkte von morgen entwickeln.

Besonders auffällig ist die nahezu reflexartige Ablehnung Chinas. Die Risiken sind bekannt und real. Wer die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt pauschal für «nicht investierbar» erklärt, betreibt Politik – keine Vermögensanlage.

Der Erfolg aktiver ETFs zeigt zudem, dass immer mehr Investoren erkennen: Blindes Indexinvestieren ist keine Anlagestrategie. In Märkten, die von grossen Indexschwergewichten dominiert werden, kann ein aktiver Ansatz helfen, Chancen jenseits der bekannten Namen zu erschliessen und Risiken gezielter zu steuern.

Investieren bedeutet nicht, Risiken zu ignorieren. Investieren bedeutet, Risiken angemessen zu bewerten. Wer ganze Regionen kategorisch ausschliesst, weil die Schlagzeilen unangenehm sind, betreibt keine Risikosteuerung, sondern Kapitulation vor der Unsicherheit.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, welches Szenario eintritt. Niemand kennt die Antwort. Die entscheidende Frage lautet, ob ein Portfolio robust genug ist, um verschiedene Szenarien auszuhalten.

Die erfolgreichsten Investoren der nächsten Jahre werden nicht jene sein, die jede Krise korrekt vorhergesagt haben. An den Märkten wird nicht der Mut belohnt, Risiken zu ignorieren. Belohnt wird der Mut, trotz Risiken zu handeln. (mc/pg)

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