BlackRock Marktkommentar: Das Märchen von David gegen Goliath

BlackRock Marktkommentar: Das Märchen von David gegen Goliath
Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock.

Die Finanzmärkte sind immer wieder für Überraschungen gut. Diesmal aus dem Kapitel „Social Media“. Könnten eigentlich, so fragten sich private Kleinanleger auf einer Zockerplattform des US-Mediums Reddit, gut abgesprochene Käufe vieler Einzelner die grossen Wetten institutioneller Investoren aushebeln? Was in der Aktie des Onlinespielehändlers Gamestop begann, deren Aktie von diversen Analysten als überbewertet eingestuft und daher von Hedgefonds in grossem Umfang leer verkauft worden war, weitete sich auf andere Unternehmen aus, nämlich die konzertierte Wette unzähliger Kleinanleger gegen ebendiese Short-Positionen.

Die entsprechenden Kursanstiege zwangen einige Leerverkäufer, ihre Positionen mit mehr Kapital zu unterlegen (sogenannte Margin Calls) bzw. die leer verkauften Aktien zu einem absurd hohen Preis zu kaufen, um zum Verfall des Kontrakts nicht vertragsbrüchig zu werden. Einige Hedgefonds erlitten dabei heftige Verluste, ein grösserer verlor fast die Hälfte seines verwalteten Vermögens und musste von Kapitalgebern mit über 2,5 Mrd. US-Dollar gestützt werden. In vielen Kommentaren waren Jubel und Häme gross: Der Kleinanleger-David hatte es dem bösen Hedgefonds-Goliath mal so richtig gezeigt.

Problematisch ist nur, dass sehr viele dieser vermeintlich siegreichen Kleinanleger noch einen grossen Teil ihres eingesetzten Geldes verlieren werden. Am extremen Fall der Gamestop-Aktie wird dies deutlich. Die Aktie ging am Freitag mit 325 US-Dollar aus dem Markt, die meisten Investmentbanken schätzen den fairen Wert der Aktie jedoch auf nur rund 10 US-Dollar. Dazu kommt, dass trotz des Short-Squeeze der letzten Woche, bei dem liquiditätsschwächere Hedgefonds durch die massiven Kursanstiege aus ihren Leerpositionen herausgepresst wurden, der Grossteil der Leerverkäufer noch im Markt ist. Zudem das nun so offensichtlich überhöhte Kursniveau der Aktie weitere anziehen wird. Und so wird es wohl für die vielen Privatanleger, denen jetzt langsam dämmert, dass sie auf horrend überteuerten Positionen sitzen, keine Käuferseite geben. Das Ergebnis dürfte eine Kursimplosion sein, von der genau wer profitiert? Richtig, Goliath.

Und während im Netz schon die parteiübergreifende Solidarität der Kleinanleger gefeiert wird, sammeln sich in Washington D.C. die Truppen der von Kapitolsturm und Georgia-Wahl heftig gebeutelten Republikaner. Deren Anführer im Senat, Mitch McConnell, von dem man kurzfristig annehmen konnte, er habe seinen legendären Kompass für maximal ertragreichen Opportunismus verloren, gewann sichtbar seine Fassung zurück, indem er zuerst einen Antrag auf Aufhebung des Impeachmentverfahrens gegen Trump unterstützte und nun begonnen hat, heftige Opposition gegen das 1,9 Billionen US-Dollar umfassende Covid-Hilfsprogramm der Biden-Regierung zu orchestrieren. Damit begibt sich McConnell zurück auf Start, denn schon vor der Wahl im November hatte er Joe Biden für den Fall, dass dieser wirklich gewinnen sollte, Fundamentalopposition angekündigt. Dies bedeutet auch, dass McConnells zwischenzeitliches Abrücken von Trump der Vergangenheit angehören dürfte, was wiederum darauf hindeutet, dass die Republikaner zumindest für die MidtermWahlen Ende 2022 noch voll auf Trumps Wählerbasis setzen. Präsident Bidens wichtigstes Vorhaben, nämlich das gespaltene Land zu einen, könnte ein ferner Traum bleiben.

Was das für Anleger bedeutet
Die Zentralbanken Fed und EZB reagierten Anfang Januar in schönem Parallelschwung auf die Markteuphorie, die sich zu jenem Zeitpunkt infolge von Impfstoffzulassungen und der gestiegenen Wahrscheinlichkeit des 1,9 Billionen-US-Dollar-Hilfspaketes in den USA breitmachte, indem sie nämlich beide die Spekulationen von frühzeitigerem „Tapering“, also einem Herunterfahren ihrer Anleihekäufe, unwidersprochen liessen. Zwar relativierte Christine Lagarde in der vorvergangenen Woche für die EZB diese Position, indem sie andeutete, man werde den 1,85 Billionen Euro grossen Umfang des PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) nur dann nicht voll ausschöpfen, wenn vor Mitte 2022 alle Ziele erreicht seien. Was nicht so klang, als glaube sie selbst daran. Und Jerome Powell legte letzte Woche für die Fed nach: Für Tapering sei es noch zu früh. Aber der Geist ist aus der Flasche. Die Prüfung dürfte anstehen, sollte wirklich mit Aussicht auf ein Ende der Pandemie und Wirksamwerden aufgestauter Nachfrage die Inflation kräftig anziehen. Erst wenn die Zentralbanken auch dann cool bleiben, dürften Marktteilnehmer Vertrauen fassen in das, was wir für die wahrscheinlichste Variante halten, nämlich dass in der post-Covid-Zeit die Zinsen relativ zur Inflation viel länger niedrig bleiben als in früheren Aufschwungphasen. Angesichts der dann weiter extrem niedrigen, möglicherweise sogar weiter sinkenden Realzinsen, wären dies positive Nachrichten für Aktien und weitere reale Anlagen. (BlackRock/mc/ps)

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