Derivatmarkt Schweiz

Derivatmarkt Schweiz

Von Martin Raab , Derivative Partners AG, www.payoff.ch

Ein Törn ohne Wind ist wenig spannend. Eine Fahrt durch den Sturm lebensgefährlich. Die Anleger im hiesigen Markt für Strukis und ETFs lassen derzeit ihre Portfolios eher sicher vertaut. Eine Stimmungsanalyse über bescheidene Renditewünsche und hohe Handelsströme.

Obwohl rund 2’300 Kilometer zwischen Griechenland und der Schweiz liegen, sind die am Peloponnes erzeugten Wellen in den letzten Wochen auch überdeutlich hierzulande zu spüren. Das nervenaufreibende «Hick-Hack» um einen Austritt der Griechen aus der Eurozone hat Aktienbarometer wie den SMI und den DAX deutlich ausgebremst. Anleger flüchten sich hinter schützende Kaimauern von bonitätsstarken Schuldnern oder bleiben im Geldmarkt. «Wenn man als Investor an das System Deutschland glaubt, gibt es zu Bundesanleihen keine Alternative. Diesen Adressen ist der Grexit egal», heisst es im Treasury einer deutschen Grossbank. Wenig verwunderlich, dass es in der Schweiz ähnliche Sichtweisen gibt: «Derzeit herrschen vergleichsweise geringe R    enditeanforderungen seitens der Kunden. Kein Verlust ist schon ein Gewinn», so die nüchterne Logik am Equity-Sales-Desk eines Emittenten in Zürich. Wie stark heimische Anleger auch über fünf Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise immer noch an vermeintlich sicheren Geldmarktanlagen orientiert sind, zeigt eine aktuelle Studie von BlackRock Asset Management (siehe auch Interview). Derzeit horten die hiesigen Anleger bis zu einem Drittel des Vermögens auf dem Cash-Konto. Unverzinst – aber glücklich.

SFI-Derivatstudie schafft Klarheit

Die zweite bemerkenswerte Studie kommt vom Swiss Finance Institute. Im Auftrag des Schweizerischen Verbands für Strukturierte Produkte wurden Kosten (April 2012 bis April 2014) und Performance (2008 bis 2014) von Strukturierten Produkten minutiös untersucht. Die Datenbasis der Studie stammt von der SIX und Derivative Partners. In Sachen Kosten konnte damit wieder einmal mehr klar bewiesen werden, dass die mancherorts debattierten «verstecken Gebühren und Aufschläge» bei Strukis eine Geisterdebatte sind. Der Median-TER, sprich die durchschnittlichen Kosten für Tracker-Zertifikate betragen 0,3% pro Jahr, für Kapitalschutzprodukte 0,6% p.a., Bonus-Zertifikate kommen mit 1% Kosten aus und Barrier-Reverse Convertibles haben ein Median-TER von 1,7% pro Jahr. Auch bei der Wertentwicklung sprechen die Zahlen für Strukturierte Produkte: 80% oder mehr der in 2012 bis 2014 emittierten Produkte verhalfen den Anlegern zu positiven Renditen. «Es ist damit wissenschaftlich belegt, wie es wirklich um die Vorteile der Strukturierten Produkte steht», unterstrich SVSP-Präsident Georg von Wattenwyl bei der Vorstellung der Studie. Das vollständige Whitepaper ist auf www.sfi.ch/whitepaper downloadbar.

UBS baut Marktanteil aus

Mit viel Rückenwind – trotz eingangs erwähnter Sturmmeldungen von der Ägäis – verliefen die letzten Wochen für das Struki-Schwergewicht UBS. Ihr Gesamtanteil bei kotierten Produkten ist nach aktuellsten Daten im Mai 2015 um 10% auf 37% gewachsen. Eingebüsst haben die Mitbewerber, insbesondere die Bank Vontobel (-7%). «Das zunehmende Absicherungsbedürfnis der Anleger sorgt für ein reges Geschäft, auch an der Börse. Insbesondere nehmen aber die Handelsströme in unseren Put Warrants und Short Mini-Futures zu», erläutert Robin Lemann, Head Public Distribution Switzerland gegenüber payoff. «Die täglichen News rund um einen möglichen Ausstieg von Griechenland oder perspektivisch sogar ein EU-Exit Grossbritanniens beschäftigen die Anleger. In Summe spürt man eine steigende Risikoaversion», so Lemann weiter. In Sachen Produkte prüft UBS die Lancierung verschiedener Indizes, unter anderem solche, die auf lokale Unternehmen ausgerichtet ist, welche von der Auflösung des Währungsbandes zum Euro profitieren könnten. Möglicherweise wird ein Tracker auf den «Eurokursgewinner» schon bald vom Stapel gelassen.

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Produkttaufe bei Julius Bär

Etwas Neues aus der Taufe gehoben hat die Bank Julius Bär kürzlich. Konkret heisst die neue Struktur «Barrier Reverse Convertibles mit Lock-In». Dazu wurde ein klassischer Multi-BRC mit Lock-In bei 103% auf Richemont, UBS und Roche mit einer Laufzeit von zwei Jahren lanciert. «Schliessen alle drei Titel bei einer monatlichen Betrachtungsweise über 103% vom Referenzwert, wird das Produkt quasi zur CHF 4,2% nachrangigen Obligationsanleihe von Julius Bär — unabhängig wie sich die drei Basiswerte dann weiter entwickeln würden. Kommt es nicht zum Lock-In-Fall, ist das Produkt wie ein normaler Multi Barrier Reverse Convertible», erklärt Willi F. X. Bucher, Head Sales and Advisory Structured Products bei Julius Bär, den Mechanismus. «Für mich ist das eines der besten Innovationen seit es Strukturierte Produkte gibt», freut sich Derivatexperte Bucher. Erfahrungsgemäss wird es jedoch etwas Zeit benötigen, bis man den Kunden die veränderte Auszahlungsstruktur näher bringt. «Diese Herausforderung nehmen wir gerne an und werden die nächsten Wochen das Produkt weiter vermarkten», gibt Bucher einen Ausblick.

BNP Paribas bald mit Rohstoff-Schub

Herausforderungen erfolgreich zu meistern, kennt man auch bei der BNP Paribas. Die Integration der ehemaligen Royal Bank of Scotland Derivat-Einheit ist fast abgeschlossen. Hinter den Kulissen wird jetzt anscheinend fieberhaft an neuen Produkten gearbeitet. Schon bald sollen auch unter der Flagge der BNP Paribas Hebelprodukte auf Rohstoff-Basiswerte emittiert werden, einem nicht zu unterschätzenden Umsatztreiber. «Unsere tradingaffinen Kunden nutzen zurzeit schwerpunktmässig die Chancen im Energiemarkt. Mini-Futures auf Öl sind derzeit gefragt», kommentiert Florian Stasch, Head Exchange Traded Solutions, das aktuelle Marktgeschehen. Zu den anderen Produkten in der Pipeline hält sich Stasch allerdings noch bedeckt. «Wir werden in Kürze interessante neue Produkte für Investoren lancieren.» Man darf also gespannt sein, was da aus dem Trockendock ins Wasser gelassen wird.

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Vontobel expandiert in Europa

Expansiv zeigt sich die Bank Vontobel. In geografischer Hinsicht läuft der Ausbau des Geschäfts in Skandinavien auf Hochtouren. «Der schwedische Markteintritt Anfang 2015 war ein grosser Erfolg. Jetzt ist Finnland an der Reihe. Dort befinden wir uns in den Endzügen der Vorbereitung», gibt Eric Blattmann, Head Public Distribution bei der Bank Vontobel, bekannt. Gesteuert wird die Expansion an der skandinavischen Börse NGM von der Niederlassung in Frankfurt aus. Doch möchte man nicht nur nordische Trader mit Hebelprodukten begeisterten, parallel arbeitet man hinter den Kulissen an der Erschliessung weiterer westeuropäischer Länder. Mit Blick auf den Schweizer Markt stellt Derivateveteran Blattmann klar, «dass sich die Anleger nicht mehr in erster Linie mit der Aussicht auf hohe Kursgewinne beschäftigen, sondern vermehrt mit Risikoaspekten». Tiefe Barrieren und ausgeprägte Sicherheitspuffer verkaufen sich gut. Passend dazu hat man auf www.derinet.ch eine visuelle Renditematrix lanciert. Wie bereits im payoff magazine 06/2015 berichtet, geht auf der Produkteseite der Ausbau der Constant Leverage-Zertifikate weiter. Nach den Rohstoff-Futures (u.a. Brent und WTI) werden bald Währungspaare in Angriff genommen – in direkter Konkurrenz zur Commerzbank und deren Faktor-Zertifikate.

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Commerzbank lanciert Faktoren auf SwissDOTS

Die sieht es sportlich und freut sich über die Ausweitung der Commerzbank-Produktpalette auf der OTC-Handelsplattform SwissDOTS (Swissquote Bank). Dort wurden Anfang Juli die ersten Faktor-Zertifikate bzw. Constant Leverage Zertifikate angeboten. «Das ist Neuland, bis dato sind auf SwissDOTS keine Constant Leverage-Zertifikate im Angebot gewesen. Anleger profitieren von tiefen Gebühren und langen Handelszeiten bis 22 Uhr», erklärt Andreas Stocker, zuständig für Public Distribution bei der Commerzbank in Zürich. Grosse Nachfrage bei den SIX-kotierten Commerzbank Faktor-Zertis zogen im vergangenen Monat die Basiswerte Brent-Öl, Roche, Swatch und Credit Suisse auf sich. Bei SwissDOTS dominierten derweil Turbo-Zertifikate auf DAX und Euro Stoxx 50. Ansonsten herrscht business as usual am Utoquai.

Stabiles Geschäft bei der Credit Suisse

Auf der Suche nach Mehrrendite zuckt es auch bei der Credit Suisse wieder verstärkt an der Angel. «Alle Bereiche der Renditeoptimierungsprodukte sind weiterhin stark nachgefragt, gefolgt von Partizipationsprodukten, insbesondere Tracker und Drop-Back-Zertifikate. Auch die Umsätze bei den Credit Linked Notes sind erfreulich», gibt Thomas Schmidlin, Managing Director im Bereich Cross Asset Derivatives Sales Switzerland, einen Einblick in den derzeitigen Geschäftsbetrieb. Das Thema US-Leitzinsanpassung lässt seine Kunden eher kalt. «Es gibt vereinzelte Verschiebungen der USD-Volumen in Floating-Coupons, um an einer potenziellen Zinserhöhung zu partizipieren.» In der Produktküche der Credit Suisse sind verschiedene interessante Themen-Produkte in Planung. Mehr dazu soll schon bald veröffentlicht werden.

Neues Tool für Couponjäger bei Leonteq

Ähnliche Nachfrageschwerpunkte gab es in den letzten Wochen bei Leonteq Securities. «Die Kunden greifen bei Lock-In-Zertifikaten sowie Reverse Convertibles mit tiefem Ausübungspreis verstärkt zu. Professionelle Marktteilnehmer stocken dagegen wegen des tiefen Zinsumfeldes bei Credit Linked Notes auf», fasst Manuel Dürr, Head Public Distribution bei Leonteq Securities, die Lage zusammen. Mit Blick auf beliebte Basiswerte laufen die Bereiche IT-Security, Fintech und wertvolle Marken auf den Spitzenplätzen. Beim bekannten Online-Tool von Leonteq, dem «Constructor», wurde vor mehreren Wochen eine Optimierungsfunktion für die Schweizer Kunden live geschalten. «Hier können Kunden jetzt innerhalb Sekunden aus einem im Vornhinein definierten Universum die Kombination mit der höchsten Couponzahlung bei gegebener Barriere berechnen», erklärt Frontmann Manuel Dürr.

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 Rating-Upgrades für Morgan Stanley, Goldman mit Re-Opening in Zürich

Über gute Rating-News freut man sich unterdessen bei Morgan Stanley. Der in der Schweiz eher als Boutique-Emittent tätige Finanzkonzern konnte vom jüngsten Upgrade profitieren. So wurde das Emissionsvehikel Morgan Stanley International um zwei Rating-Stufen auf A1 hochgestuft, die Muttergesellschaft Morgan Stanley & Co. von Baa2 auf A3. Doch regnet es deswegen nicht gleich unzählige Trade-Tickets. «Die defensive Ausrichtung unserer Kundschaft überwiegt derzeit. Was nicht heisst, dass es nicht kreative Anfragen für anspruchsvolle Strukturen gibt», weiss Martin Kummer, Executive Director bei Morgan Stanley, zu berichten. Ein Upgrade in Sachen Dienstsitz wartet auch auf Kummer persönlich. Der langjährige Derivat-Statthalter in Zürich wird im August mit der gesamten Familie nach London umziehen und dort vom Europa-Hauptquartier Morgan Stanleys in Canary Wharf das Schweizer Derivatgeschäft leiten. Den Weg rückwärts macht Goldman Sachs. Dort wird nach Informationen aus London die Repräsentanz des Kapitalmarktbereichs Goldman Sachs International in Zürich wiedereröffnet. Die Strukturierungsteams selbst bleiben aber an der Themse.

Grexit als reinigendes Gewitter?

Mit Blick auf die nächsten Monate herrscht in der hiesigen Finanzbranche grosse Hoffnung auf eine Klärung der Grosswetterlage. Der «Grexit» wird inzwischen sogar als reinigendes, makroökonomisches Gewitter von vielen Marktteilnehmern angesehen. Doch wird die Politik in Berlin und Brüssel dies wahrscheinlich verhindern – auch aus Fairnessgründen gegenüber der reformwilligen EU-Staaten und wegen der eisernen Hand von Madame Lagarde und des IWF. Dennoch: An Ideen und Meinungen von Schönwetterkapitänen mangelt es unterdessen nicht. So kommentierte vor wenigen Tagen Prof. Hans-Werner Sinn vom Münchener Ifo Institut, dass «der Staatsbankrott für die Griechen hart wird, aber der Grexit ist nach dem Bankrott die Rettung». Der linke Ministerpräsident Bodo Ramelow des deutschen Bundeslandes Thüringen sieht aus Optik des deutschen Steuerzahlers das Thema Grexit sehr nüchtern: «Das Geld ist weg, bestenfalls kriegen wir einen Teil wieder, wenn wir jetzt das Richtige tun und eine Pleite verhindern». Wie stark der Seegang in den nächsten Wochen tatsächlich wird, ist derzeit reine Spekulation. Hoffen wir, dass die Kaimauern im jeweiligen Portfolio halten, falls sie gebraucht werden.

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