Devan Kaloo, Aberdeen Asset Management, im Interview

Devan Kaloo, Aberdeen Asset Management, im Interview
Devan Kaloo, Head of Global Emerging Markets Equities, Aberdeen Asset Management (Bild: Aberdeen)

Markus Baumgartner: Herr Kaloo, wie wird sich die Präsidentschaft von Donald Trump auf die Schwellenländer auswirken?

Devan Kaloo: Über die künftige Politik Trumps sind bisher nur wenige Einzelheiten bekannt. Im Wahlkampf hat er jedoch höhere Infrastrukturausgaben bei einem steigenden Haushaltsdefizit und protektionistische Massnahmen in Aussicht gestellt, die den Handel belasten dürften. Wenn er seine Ankündigungen wahr macht, ist dies eindeutig negativ für die Schwellenländer und insbesondere Lateinamerika, wo ein grösserer Anteil der Exporte in die USA geht als in jeder anderen aufstrebenden Region. Wenn Trump das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) einschränkt, wird Mexiko darunter leiden. Allerdings hätte eine solche Politik auch Auswirkungen für die Binnenwirtschaft, eine höhere Inflation und ein langfristig geringeres Wachstum sind nur zwei wahrscheinliche Effekte. Dies könnte eine Neubewertung erzwingen. Die Aufnahme von Schulden zur Finanzierung höherer Staatsausgaben und die mögliche Beeinflussung von Entscheidungen der USNotenbank (Fed) hätten Auswirkungen auf den US-Dollar und auf die Anleiherenditen.

„Wenn Trump seine Ankündigungen wahr macht, ist dies eindeutig negativ für die Schwellenländer und insbesondere Lateinamerika, wo ein grösserer Anteil der Exporte in die USA geht als in jeder anderen aufstrebenden Region.“ Devan Kaloo, Head of Global Emerging Markets Equities

Hiervon wären nicht nur die Aktienmärkte der Schwellenländer, sondern alle Aktienmärkte rund um den Globus betroffen. Allerdings dürften die meisten Schwellenländer heute besser in der Lage sein, diese Unsicherheiten zu verkraften, als 2013, als der Kurswechsel in der US-Geldpolitik eingeleitet wurde.

Fliesst wieder mehr Kapital in die Schwellenländer?

Ja, in diesem Jahr (2016) gab es laut Daten von EPFR Global Nettozuflüsse in SchwellenländerAktienfonds von 10,1 Mrd. US-Dollar (Stand: 28. September). Es könnte das erste Jahr seit 2012 mit Nettozuflüssen werden. In den Schwellenländern wurde (anders als in den Industrieländern) eine weitgehend orthodoxe Wirtschafts- und Geldpolitik betrieben. Dies zahlt sich nun allmählich aus. Die Inflation geht zurück bzw. ist unter Kontrolle, was Zinssenkungen der Zentralbanken ermöglicht. Dies dürfte auch zur Wachstumserholung beitragen und ist somit positiv für Anleihen, Aktien und Währungen. In Brasilien und Russland wird 2017 mit einem positiven BIPWachstum gerechnet, nachdem beide Länder über Jahre in der Rezession steckten.

Rohstoffexportierende Länder profitieren von den höheren Rohstoffpreisen. Dies hat sich positiv auf die Kaufdynamik ausgewirkt. Die Schwellenmärkte erscheinen günstig, da sie mit einem hohen Abschlag gegenüber den Märkten der Industrieländer gehandelt werden. Die Anlegerstimmung ist jedoch nach wie vor fragil: Anleger bevorzugen börsennotierte Indexfonds, was auf einen Mangel an Überzeugung hindeutet.

Wann rechnen Sie mit einer Zinserhöhung in den USA?

Die Märkte in Asien reagierten heftig, als klar wurde, das Donald Trump das Rennen um das Weisse Haus gewinnen würde. Obwohl sich die Finanzmärkte anschliessend erholten, besteht angesichts des Wahlausgangs eine gewisse Unsicherheit, die die für Dezember erwartete Zinserhöhung in den USA fraglich macht. Die Fed dürfte erneut gezwungen sein, die Verfassung der internationalen Märkte zu berücksichtigen, bevor sie die Zinsen wie erwartet um 25 Basispunkte erhöht. Ausserdem sind sich die Entscheidungsträger in den USA darüber im Klaren, dass eine zu schnelle Zinserhöhung die allmähliche Erholung abwürgen könnte: Abgesehen von einigen Ausnahmen stagnieren oder sinken die Unternehmensgewinne, das Beschäftigungswachstum verlangsamt sich, obwohl der Lohndruck zunimmt.

Wie schätzen Sie China ein?

Die Wirtschaft und die Finanzmärkte in China haben sich in diesem Jahr nach der Einführung weiterer Stimulierungsmassnahmen stabilisiert. Die Nachfrage am Wohnimmobilienmarkt verbessert sich, das Angebot an Bestandsimmobilien sinkt und die Häuserpreise steigen (trotz der Beschränkungen in sogenannten Tier 1-Städten, um den Preisanstieg einzudämmen); die Bautätigkeit ist ähnlich positiv. Gleichzeitig sind die Infrastrukturinvestitionen im laufenden Jahr um etwa 18% gestiegen und dürften weiterhin gestützt bleiben, da die Regierung ein Wirtschaftswachstum von 6,5% erreichen will.

„Der massive Anstieg der Staatsverschuldung (in China) von 164% des BIP im Jahr 2008 auf 247% im letzten Jahr ist zweifellos ein Risiko, das nicht ignoriert werden darf.“

Der massive Anstieg der Staatsverschuldung von 164% des BIP im Jahr 2008 auf 247% im letzten Jahr ist zweifellos ein Risiko, das nicht ignoriert werden darf. Es werden jedoch Massnahmen ergriffen, um die Risiken einer zu hohen Verschuldung zu mindern. Der Staatsrat unterstützt Zusammenschlüsse, Insolvenzen und die Verbriefung von Forderungen – zum Beispiel die Umwandlung von Bankforderungen in Eigenkapital –, um die Verschuldung von Unternehmen zu reduzieren. Bei den Unternehmenskrediten wurde in diesem Jahr ein Rückgang verzeichnet.

Indien entwickelt sich gut. Hat sich der Wechsel in der RBI positiv ausgewirkt?

Die Ernennung von Urjit Patel zum neuen Gouverneur der Reserve Bank of India (RBI) ist ein klares Zeichen, dass die eingeschlagene Richtung beibehalten wird: Bekenntnis zu einem Inflationsziel und geldpolitischer Disziplin. Patel war Vorsitzender des Ausschusses, der die Einführung eines expliziten Inflationsziels empfahl. Obwohl die Zentralbank die Zinsen im letzten Monat gesenkt hat, was die erste Entscheidung des neuen geldpolitischen Ausschusses war, verfügt sie dank des Rückgangs der Verbraucherpreise noch über Spielraum für weitere Lockerungen. Patel dürfte unserer Einschätzung nach den Kurs seines Vorgängers Raghuram Rajan fortsetzen und staatseigene Banken zwingen, ihre Probleme mit faulen Krediten anzupacken. Das ist wichtig, damit die Kreditinstitute zur Infrastrukturentwicklung beitragen können. Eine bessere Koordination zwischen Geld- und Fiskalpolitik war eines der Hauptanliegen von Rajan. Wir rechnen mit einer intensiveren Kommunikation zwischen der RBI und der Regierung, zumal Patel in der Vergangenheit bereits mit der Regierung zusammengearbeitet hat. Er ist beispielsweise Mitglied eines Regierungsausschusses, der die Einführung einer Zielspanne für das Haushaltsdefizit prüft.

Gibt es Grund für Optimismus auf Unternehmensebene?

Ein Schwachpunkt in den Schwellenländern war das geringe Gewinnwachstum, das unter anderem auf die schwachen Rohstoffpreise zurückzuführen war. Doch das Blatt könnte sich wenden, da der Konsens nun für die nächsten zwölf Monate von einer positiven Gewinnentwicklung in den Schwellenländern ausgeht. Unterstützend wirkt die Aussicht auf eine zumindest allmähliche Erholung des realen BIP-Wachstums in den nächsten Jahren. Die Rohstoffpreise scheinen sich stabilisiert zu haben, und die meisten Länder und Unternehmen haben ihre Budgets entsprechend angepasst. Gleichzeitig ist eine erhöhte Kosten- und Investitionsdisziplin zu beobachten. Dies dürfte die Erholung der Gewinne und Eigenkapitalrenditen stützen.

Was haben die jüngsten CorporateGovernance-Aktivitäten erbracht?

Wir haben uns bei China Mobile für die Rückzahlung von überschüssigem Kapital an die Aktionäre eingesetzt, vor allem wenn der Investitionsbedarf des Unternehmens weniger hoch ist. Die Geschäftsleitung kündigte nach der Veröffentlichung der Halbjahresergebnisse eine Neubewertung ihrer Dividendenpolitik an. Wir sprachen auch mit SABMiller über die Fusion mit ABI. Wir teilten den beteiligten Parteien mit, dass das Angebot unter dem Unternehmenswert liegt und die Transaktion daher keine sinnvolle Entscheidung wäre. Wir nutzten unterschiedliche Medien, einschliesslich Radio- und Fernsehinterviews, um unsere Einschätzungen einem breiten Publikum zugänglich zu machen. ABI erhöhte daraufhin den Angebotspreis.

Welche Veränderungen wurden am Modellportfolio vorgenommen?

Wir haben eine Position in dem grössten Brauunternehmen Lateinamerikas Ambev aufgebaut. Der Konzern hat Betriebsstätten in 18 Ländern der Region und ist einer der grössten unabhängigen Abfüller für PepsiCo. Es handelt sich um ein solides Unternehmen mit hohen Margen und stabilen Cashflows. Wir stockten angesichts der Kursschwäche auch unsere Position in BIM auf. Unser Engagement in Femsa erhöhten wir angesichts attraktiver Bewertungen und positiver Wachstumsaussichten bei den OxxoLäden des Konzerns. Ausserdem stockten wir unsere Position in MTN auf, da nun die Unsicherheit über die Geldstrafe vom Tisch ist, die das Unternehmen an Nigeria zahlen muss, und die Geschäftsleitung signalisiert hat, die Corporate Governance-Praktiken verbessern zu wollen. Auch die Position in Truworths erhöhten wir nach der jüngsten Schwäche, die unter anderem auf Sorgen um das hohe Engagement des Unternehmens in Grossbritannien zurückzuführen ist.

Der Gesprächspartner:
Devan Kaloo ist Head of Global Emerging Markets Equities und berät den Aberdeen Global – Emerging Markets Equity Fund, den zugrunde liegenden Fonds des in Singapur zugelassenen Aberdeen Global Emerging Markets Fund.

 

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