Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Bitte, bitte Europa

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen (Foto: Raiffeisen)

Es keimt ein kleiner Funken Hoffnung auf an der Börse. Die arg gebeutelten Finanzmärkte scheinen nach zwei Monaten erstmals in diesem Jahr ein bisschen Halt gefunden zu haben. Im Verlauf der letzten Tage konnten sich die weltweiten Börsen etwas erholen, bei allerdings nach wie vor sehr hoher Volatilität. Für eine grössere Aufholjagd fehlen dem Markt wohl konkrete Anhaltspunkte.

Noch immer suchen die Anleger nach Antworten auf die Frage, wieso die Korrektur so unerwartet einsetzte und so heftig ausfiel. Entsprechend traut man dem kleinen Rebound der jüngsten Vergangenheit auch nicht so richtig. Denn der ist genau so wenig nachvollziehbar wie die Korrektur davor. Die einfachste Erklärung für den jüngsten Kursauftrieb ist wohl, dass sich diese Erkenntnis auch am Markt durchgesetzt hat, sprich die Einbrüche seit dem Jahresauftakt vielleicht doch etwas übertrieben waren und nun teilweise rückgängig gemacht werden. Darauf würde ich aber noch nicht wetten. Positiv ist sicher, dass sich der Ölpreis wieder etwas erholt hat, was die Märkte dahingehend interpretierten, dass die Konjunkturängste vielleicht doch etwas übertrieben gewesen sein könnten. Doch allein diese verquere Argumentation zeigt das Dilemma der Märkte. Wieso sollten die Player an den Rohstoffmärkten mehr wissen als die Börsianer selbst?

Technischer Markt
Der wieder etwas gestiegene Ölpreis ist aus fundamentaler Sicht sicherlich keine Begründung für die jüngsten Kursavancen. Die zu Grunde liegenden Daten liefern aber auch sonst wenige Indizien, welche Richtung der Markt eigentlich einschlagen sollte. So haben die gestern erschienenen Einkaufsmanagerindizes für Euphorie gesorgt, obwohl sie sowohl positiv überraschten als auch enttäuschten, je nachdem auf welches Land und welchen Sektor man fokussiert. Augenscheinlich orientiert sich der Markt aber in den letzten Wochen und Tagen entlang der Entwicklung des Ölpreises. Steigende Ölpreise werden beim inzwischen erreichten tiefen Niveau vom Markt äusserst positiv aufgenommen und das ist schon ziemlich paradox.

In meiner Jugend schaffte es die OPEC noch, die ganze Weltwirtschaft in den Abgrund zu ziehen. Heute ist das ehemalige Kartell nur noch ein Haufen zerstrittener und zahnloser Greise, die vergeblich versucht haben, die unliebsamen Fracker aus dem Markt zu werfen und sich damit selbst an den Rand des Abgrunds manövriert haben. Normalerweise lösten steigende Rohstoffpreise jeweils Ängste an den Finanzmärkten aus. Heute tun dies fallende Ölpreise, weil diese nicht als willkommenes Konjunkturprogramm interpretiert werden, sondern als Vorläufer eines bevorstehenden tiefen konjunkturellen Einbruchs. Das zeigt uns einerseits wie wenig weit wir seit der Finanzkrise fortgeschritten sind und andererseits, dass die Zeiten wirklich andere sind.

Kein Fortschritt seit dem Lehman Debakel
Dass wir fast zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise noch immer an deren Folgen nagen, ist höchst bedenklich. Dies ist auch ein Zeichen von Politversagen. Nach der Fiskal- versagt nun auch die Geldpolitik, einen nachhaltigen Aufschwung zu generieren. Das werden Draghi und Co. zwar nie zugeben, aber die aufgeblähten Zentralbankbilanzen stehen längst in keiner Relation mehr zum bescheidenen Wachstum, das damit angekurbelt werden sollte. Zu viel verpufft an den Finanzmärkten, das billige Geld erreicht(e) die Realwirtschaft gar nie. Es sieht nun ganz danach aus, dass das den Marktteilnehmern allmählich auch klar wird. Von einer Konsolidierung der Staatsfinanzen, die im Nachgang zum Finanzmarktcrash endgültig aus dem Ruder liefen, sind wir heute weiter entfernt denn je.

Die Finanzindustrie ist die zweite grosse Baustelle, denn der marode Bankensektor ist noch dermassen labil, dass es unendlich anmutender monetärer Stütze bedarf, um die kranken Institute einigermassen über Wasser zu halten. Daneben zahlen etliche Institute wieder Boni, als hätte es nie eine Finanzkrise gegeben. Das ist wohl ein Grund dafür, dass die Bankentitel am meisten Federn lassen mussten.

Kommt drittens hinzu, dass die Hochkonjunktur in den USA gerade einmal für eine Minizinserhöhung ausreichte, die mittlerweile am Markt schon wieder völlig verpufft ist. Ein Blick auf die Rendite der 10-jährigen Eidgenossen kann viertens keine Zweifel mehr offen lassen, dass da etwas schief läuft. Nicht mehr die Null regiert die Welt, sondern Negativzinsen sind nun der Weisheit letzter Schluss. Verschuldet sich der Bund heute für zehn Jahre, so erhält er jährlich ein halbes Prozent Zins von seinen Gläubigern. Das ist alles, nur nicht normal. Und dann wäre da noch die ganze geopolitische Unsicherheit, die jederzeit eskalieren könnte.

Kein Wunder ist die Stimmung nicht berauschend. Darum können wir alle nur inständig darum bitten, dass uns Europa nicht auch noch enttäuscht. Das Europa, das in den vergangenen 12 Monaten gerade mal einen zaghaften und sehr uneinheitlichen Aufschwung hingekriegt hat. Das Europa, auf dem heute sehr viele Hoffnungen ruhen – nicht nur die der Flüchtlinge, sondern auch der Investoren. Schwer vorstellbar, dass das zerstrittene und übersättigte Europa diesen Erwartungen gerecht wird.

Da hilft auch lieb bitten nur sehr wenig, vielleicht aber beten? (Raiffeisen/mc/ps)

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