Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Das verflixte siebte Jahr

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Crash im Januar an der Börse, nur sagt es noch keiner. Auch die Medien bemühen das schlagzeilenträchtige Wort kaum. Alle hoffen wohl, dass es bald schon wieder aufwärts geht und das Ganze dann in der Retroperspektive nur als überfällige Korrektur in die Bücher eingeht. In Tat und Wahrheit ist aber schon das bisher Geschehene historisch einzigartig für einen Jahresauftakt. Der Börsenzug scheint fürs Erste einmal abgefahren. Denn was wir aktuell erleben, dürfte mehr als einer der zahlreichen periodischen Betriebsunfälle sein, an die man sich die letzten Jahre gewöhnt hatte und die jeweils genutzt wurden, um zuzukaufen. Wie geschehen anlässlich der Eurokrise 2011 oder nach der Ankündigung Bernankes 2014, das QE zurückzufahren oder nach der Beinahe-Pleite der Griechen. Danach ging es jeweils wieder zackig nach oben – Geldpolitik sei Dank. Selbst den Wechselkursschock vom 15. Januar 2015 hatte der Schweizer Markt schnell weggesteckt. Ein Kauf direkt danach entpuppte sich sogar als Schnäppchenjagd – zumindest vorübergehend.  

Was sich im Sommer 2015 abzeichnete, niemand aber richtig wahrhaben wollte, ist jetzt eingetreten. Eine einzigartige und fundamental nur schwer begründbare Börsenrally findet ihr vorläufiges Ende – nach einem siebenjährigen Höhenflug. Darüber dass das bald der Fall sein könnte, wurde schon länger gemunkelt. Richtig laut sprach das aber kaum jemand aus. Die Heftigkeit der aktuellen Korrektur mag ja übertrieben sein. Die Rally davor war dies aber mindestens genauso. Ich würde daher nicht darauf setzen, dass es das schon war mit den Kurseinbussen. Es scheint fast so, dass an den Märkten allmählich Rationalität einkehrt. Rationalität an den Finanzmärkten heisst vor allem, sich nicht (mehr) auf andere zu verlassen bzw. auf fremde Hilfe zu hoffen und auf die Fundamentaldaten zu achten. Denn auch die Geldpolitik ist nicht allmächtig. Das ist wohl die wichtigste Erfahrung, welche die Märkte jetzt machen müssen. Als Rettungshilfe nach dem Lehman Debakel waren monetäre Massnahmen vielleicht geeignet, nicht aber als Langzeittherapie eines chronisch kranken Patienten.

Wo liegt das „Problem“?
Egal welche mögliche Begründungen für den Crash seit Beginn des Jahres über den Ticker laufen. Sie sind nicht die Ursache für den Stimmungsumschwung an den Märkten. Es ist nicht der Ölpreiszerfall. Es ist auch nicht China, ebenso wenig wie der absehbare „Haircut“ in Griechenland (der dann nur nicht so heissen dürfte) oder die Gefahr eines zyklischen Abschwungs in den USA. Nicht einmal die unzähligen geopolitischen Unsicherheiten haben den Markt aus der Bahn geworfen. Denn das sind alles keine Neuigkeiten. Neu ist nur, dass sich die Märkte jetzt ernsthaft mit all diesen Unwägbarkeiten auseinander setzen. Obwohl längst absehbar, macht sich aus heiterem Himmel – wie bei jedem Börsencrash – die Einsicht breit, dass sich eine ziemlich explosive Mischung zusammengebraut hat, die jederzeit detonieren könnte. Und was geschieht dann, wenn die Geldhüter nicht mehr ihre schützende Hand darüber halten? Es ist nicht die Sorge um die globale Konjunktur, sondern die Sorge darüber, was passiert, wenn die aktuelle Skepsis der Märkte für 2016 bestätigt wird. Die Märkte verstehen plötzlich: Die Geldpolitik ist komplett ausgeschossen. In den USA hätte es gerade mal Raum für eine kleine Zinssenkung, falls die Konjunktur stocken sollte, und man wäre wieder im alten Nullregime. Dass das die Konjunktur wieder in Schwung bringt, daran glaubt heute kaum ein Marktteilnehmer mehr. Das ist das Problem.

Schmerzhaft, aber überfällig
Im Grunde ist der jetzige Einbruch durchaus heilsam. So weh er auch tun mag. Er war überfällig. Er bringt die Märkte ein gehöriges Stückchen näher Richtung Realität und relativiert, was den Markt in den letzten Jahren künstlich hochgehalten hat. Nicht zuletzt die sogenannte Alternativlosigkeit der Aktien im Nullzinsumfeld hat immer wieder dazu geführt, dass es nach Korrekturen zu Käufen kam. Diese Alternativlosigkeit ist nach wie vor ein Argument, vor allem für strategische Investoren. Allerdings schmelzen auch Dividendenrenditen wie das Eis im Frühling, wenn die Konjunktur schwächelt, weshalb aus taktischer Warte noch Vorsicht angebracht scheint. Genau das ist wohl der Grund für die Nervosität am Aktienmarkt. Die könnte übrigens noch länger andauern, denn die Währung der Weltuntergangspropheten Gold hat gestern die 1100 USD-Grenze per Unze nach oben durchbrochen, was als kleines Panikmass herbeigezogen werden kann. Wirklich alternativlos ist aktuell nur Gold. Und Cash natürlich. Also besser warten, bis die Nervosität sich wieder deutlich gelegt hat. Das ist nicht Warten auf Godot, aber vielleicht Warten auf den Frühling. Dann wissen wir mehr, vor allem aus Amerika. (Raiffeisen/mc/ps)

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