Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Immer das gleiche Spiel

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Es mag ja menschlich sein und wohl deshalb alles andere als vernünftig: Mit unangenehmen Fragen setzen wir uns natur­gemäss ungern auseinander. Mühsame Aufträge schieben wir auf die lange Bank, getreu dem Motto „nur nicht heute“. Man denke da nur an die Steu­erklärung. Ich kenne ganz viele seriöse und professionelle Be­rufsleute, die damit regelmässig zu spät dran sind – ebenso wie die Profis an den Märkten.

Pennäler an den Finanzmärkten
An den höchstens vermeintlich hochprofessionellen Fi­nanzmärkten ist das keinen Deut besser. Die dort tätigen Akteure verhalten sich genauso naiv wie mässig eifrige Schüler, die nahezu unbekümmert ihren täglichen Ver­gnügungen nachgehen, obwohl sie wissen, dass wichtige Prüfungen vor der Tür stehen und die Zeit allmählich davonläuft. Halt eben wie die Finanzmärkte, die in der zweiten Maiwoche zu einem unerklärlichen Höhenflug ansetzten und über sieben Prozent zulegten. Das verleite­te viele dazu, wieder die rosarote Brille aufzusetzen. Doch die Zeit läuft bekanntlich unaufhaltsam und schon erleben wir ein Déjà-vu wie im Sommer vor einem Jahr. Auch damals wussten die meisten Finanzprofis längst, dass die Griechen Anfang Juli pleite sein würden. Sie ignorierten auch den Börsencrash in China und wähnten sich in liquiditätsgepolsterter Sicherheit, um dann doch und aus heiterem Himmel in Panik zu verfallen. Dasselbe Muster spielt aktuell.

Boulevard und Klatsch mangels besseren Wissens
Niemand weiss, ob die Briten für oder gegen den Brexit stimmen werden und schon gar nicht welche Folgen ein Austritt Grossbritanniens – für wen auch immer – haben könnte. Trotzdem herrscht ganz plötzlich Panik. Was neben dem jüngsten Stimmungsumschwung das Fass zum Überlaufen gebracht hat, war wohl der gestrige Aufruf der britischen Boulevardzeitung „The Sun“, die allen Ernstes ihre Leser aufforderte, für den Austritt aus der EU zu stimmen. Mit dem Titel „SUN SAYS We urge our readers to beLEAVE in Britain and vote to quit the EU on June 23“ diktiert nun auch noch der Boulevard aktiv das Geschehen an den Märkten mit. Das zeigt einmal mehr wie die Horde an den Finanzmärkten tickt: nervös und unstet, wider jeglicher Vernunft. Denn unmittelbar wird ein Austritt Grossbritanniens aus der EU kaum Fol­gen haben, weder für das Land selbst, noch für die EU.

Maus und Elefant
Sicherlich ist eine Boulevardzeitung, die auch schon mal ihre Leser dazu ermutigte, einen Schweizer Unparteiischen zu belästigen, weil er den Engländern – völlig zurecht – an der EM 2004 im Spiel gegen Portugal das Siegtor aberkannte, worauf hin diese heimreisen mussten, nicht das Mass aller Dinge. The Sun erzielt aber Wir­kungstreffer – auch an den Märkten und wohl auch nur wegen des Mangels an Vorstellungen, was der Brexit tatsächlich auslösen könnte. Mal wieder typisch Markt oder die Angst des Elefanten vor der Maus. Dass Brüssel sozusagen einen Maulkorb verpasst bekam und sich auf Geheiss des britischen Premierministers David Cameron aus der Debatte um den Brexit heraushalten und schon gar nicht in London für die EU werben soll, birgt hinge­gen höheren Informationsgehalt. Offenbar ist der briti­sche Premier der Auffassung, dass sich die EU an Aussen­stehende oder solche, die es vielleicht werden (wollen), nur sehr schlecht verkaufen lässt.

Armutszeugnis
Die Angst des britischen Premiers vor einer Brüsseler Roadshow für den Verbleib Grossbritanniens in der EU ist ein Armutszeugnis. Und egal ob es nun zum Brexit kommt oder nicht, das Verhältnis zwischen London und Brüssel bleibt auch in Zukunft schwierig. Mit dieser Frage wollen sich die Märkte zwar erst beschäftigen, wenn der 23. Juni vorüber ist. Sie täten aber gut daran, dies früher als sonst an die Hand zu nehmen. Aber typisch Markt beschäftigt der sich mit Fragen, die er ohnehin nicht beantworten kann: Werden die Briten austreten und welche Konsequenzen hätte dies? Es ist daher sinnvoll, sich auf das zu besinnen, was man weiss. Wenn Brüssel also glaubt, nach einem Nein zum Brexit sei die Angele­genheit vom Tisch, wird sich das als Täuschung erweisen. Allein die Tatsache, dass ein gewichtiges Land mit dem Gedanken spielt, der EU den Rücken zuzukehren, müsste dieser ernsthaft zu denken geben. Anstatt sich Gedanken zu machen wie es so weit kommen konnte, hoffen die Offiziellen in Brüssel nur darauf, dass der Spuk bald vor­bei ist – keine Spur der Selbstkritik. Vage und sowieso nur hypothetische Reformüberlegungen kennzeichnen das aktuelle Stimmungsbild einer ziemlich verstrittenen EU, die in den letzten Jahren zur experimentellen Impro­visationswiese verkommen ist, dabei jegliche Verbindlich­keit eingebüsst hat und trotz Vertragsbrüchen und Durchmogeln auch noch auf fremde Hilfe angewiesen ist. Längst hat die EU das Zepter aus der Hand gegeben und lebt das Prinzip Hoffnung. Hoffen auf ein Nein der Briten, auf die Türkei oder Mario Draghi – was für ein Armuts­zeugnis. Das wissen die Märkte zwar schon, aber ist das auch eingepreist? (Raiffeisen/mc/ps)

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