Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Scheingenaue Punktlandung

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen (Foto: Raiffeisen)

Wenn wir einkaufen, geht es um Preis und Menge. Und das auf das Genauste. 1 Kilo Schweinefleisch hat einen fixen Preis und wir können genau rechnen, wie viel uns 200 Gramm kosten. Der Liter Milch oder Dieseltreibstoff, die neue Couch fürs Wohnzimmer oder neue Spannbetttücher, alle Preise sind angeschrieben und somit völlig transparent. Wir wissen genau, welchen Geldbetrag wir an der Kasse bereithalten müssen, wenn es ans Bezahlen geht. Und wenn wir – wie dies viele Haushalte in der Schweiz tun (müssen) – scharf kalkulieren, entgeht uns auch nicht, ob der Preis für ein bestimmtes Gut gestiegen oder gefallen ist. Auch für die meisten Dienstleistungen trifft dies zu. Wenn beispielsweise unser Coiffeur teurer wird, realisieren wir das genauso, wie wenn Bankdienstleistungen aufschlagen. Das ist dann Inflation. So weit so gut.

Die gesamtwirtschaftliche Inflationsrate zu berechnen, ist hingegen gar nicht so einfach. Zunächst bedarf es zahlreicher statistischer Strukturerhebungen von Einkommen, Konsumausgaben und Preisen, um überhaupt den Durchschnitt definieren zu können, der dann dazu dient, die Inflationsrate zu bestimmen. Wenn man den Warenkorb, den das Bundesamt für Statistik im Durchschnitt für Frau und Herr Schweizer errechnet, mit seinem eigenen Haushalt vergleicht, wird man sich wahrscheinlich kaum wieder erkennen. Das ist der Kompromiss des Durchschnitts. Auch international sind die statistischen Konzepte zur Messung der gesamtwirtschaftlichen Teuerung nahezu harmonisiert, wohl ein weiterer Kompromiss zu Lasten der Genauigkeit. Die enormen Produktivitätsfortschritte in Preise umzurechnen, die Wohnkosten etwa beim Wandel zum Wohneigentum adäquat zu schätzen und die Warenkörbe auf dem neusten Stand zu halten, sind enorme Herausforderungen an die Statistik.

Obst und Wellness
Eben erst hat das Bundesamt für Statistik an einer Medienkonferenz die Zukunft der Preisstatistik in der Schweiz skizziert. Und dabei unter anderem auch die Änderungen im Warenkorb 2016 aufgezeigt. Mango, Kartoffelgnocchi und Biermischgetränke, Holzscheite, Schmuck, Video und Streaming (jeweils Downloads) sind nun genauso im Warenkorb enthalten wie Eintritte in Spa und Thermalbäder oder Online-Inserate für Private. Diese kleine Aufzählung ist noch lange nicht abschliessend. Nicht mehr im Warenkorb 2016 zu finden sind, ebenfalls nur exemplarisch, Zwetschgen und Auberginen, Nähmaschinen und Trockenständer. Was fast schon zum Schmunzeln bringt, ist statistische Praxis im Detail, genauso wie sich das Gewicht von Tabakprodukten aufgrund einer veränderten Erhebung zwischen 2015 und 2016 verdreifacht hat. Die Statistiker sind nicht zu beneiden. Sie haben einen Auftrag, der eigentlich gar nicht zu bewältigen ist. In der Natur der Praxis liegt es daher, dass ihr bestmögliches Resultat stets scheingenau ist.

Missglückte Punktlandung und ihre Folgen
Das wissen auch die Währungshüter. Dennoch verfolgen die Notenbanken beharrlich Inflationsziele und verfehlen sie trotzdem. Das nun schon etliche Jahre – auch hierzulande. Die Punktlandung auf 1.5% oder 2.0% wird es wahrscheinlich gar nie geben, was nicht weiter verwundert, wenn schon das Höhenmeter nur scheingenau misst. Die prognostizierte Inflationsentwicklung ist trotz alledem immer noch ein wichtiger Parameter der Geldpolitik. Obwohl die Währungshüter ihre eigenen Inflationserwartungen immer wieder nach unten korrigieren mussten. Auch der Finanzmarkt glaubt immer weniger an die Punktlandung der Notenbanken und hinterfragt deren Vorgaben. Mittlerweile hat fast jeder begriffen, dass die Munition der Notenbanken verschossen ist. Die Zinswende in Amerika ist verpufft wie Abenomics gescheitert ist, und in der Schweiz sind wir gemäss angelsächsischen Medien sogar in der Deflation, ob nun fühlbar oder nicht. Die missglückten Punktlandungen der Währungshüter haben sicherlich auch dazu beigetragen, dass die Börse abgestürzt ist, neben den bekannten Unruheherden wie Wachstumssorgen, Verschuldung, Ölpreiszerfall etc. Die negative Marktperformance ist auch die Korrektur einer Scheingenauigkeit. Wie sollen die Notenbanken gegen die Unruheherde ankommen, wenn sie nicht einmal die Inflation im Griff haben? Das fragen sich neuerdings die Märkte, erstmals ernsthaft seit über sieben Jahren – Korrekturen somit durchaus vorbehalten. (Raiffeisen/mc/ps)

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