Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Wachstumspolitischer Herbst

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Der Sommer, der sich in der Schweiz gar nie richtig einstellte, ist nun vorbei und der angebrochene Herbst gibt uns in der Schweiz zumindest frühmorgens schon einen ersten Vorgeschmack auf die kalte Jahreszeit.

Die globale Konjunktur folgte 2014 mit Ausnahme der USA exakt den Jahreszeiten. Der milde und freundliche Frühling ist längst vergessen. Da sah es noch danach aus, dass die europäische Konjunktur allmählich wieder auf die Beine kommt, auch wenn das Gefälle zwischen Kerneuropa und seiner Peripherie noch immer ausgeprägt war. Japans Experiment mit Abenomics schien aufzugehen, die Schwellenländer wieder Fuss zu fassen und die USA hatten sich sowieso längst abgekoppelt und einen Vorsprung erarbeitet, der sie zur globalen Konjunkturlokomotive machte. Die Schweiz schien eine Sonderkonjunktur zu geniessen, konnte bis Ende Frühjahr an der europäischen Wachstumsspitze mitlaufen, im Sommer dann aber wie Deutschland kaum mehr zulegen. Mittlerweile sieht es weltweit noch etwas düsterer aus, denn die jüngsten vorauslaufenden Konjunkturindikatoren haben sich mit wenigen Ausnahmen ziemlich eingetrübt – herbstlich.

Tempo klein, Sorgen gross  
Dynamisch kann man die Konjunktur eigentlich nur noch in den USA bezeichnen, die ein richtig gehendes konjunkturelles Solo hinlegen. Kanada oder Schweden verlieren an Momentum, sind aber noch einigermassen komfortabel in der Wachstumszone unterwegs, wie die Niederlande oder das Vereinigte Königreich, wo der Wind aber im September auch spürbar gedreht hat. Deutschland läuft aktuell Gefahr, in die Stagnation abzugleiten, aus der sich Frankreich noch immer vergeblich heraus zu arbeiten versucht und Italien fiel jüngst erneut in die Rezession zurück, zum dritten Mal seit 2008. Die wenigen Lichtblicke in Europa kommen ausgerechnet von der iberischen Halbinsel, wo sich die Konjunktur wenigstens so weit zu stabilisieren scheint, dass ein Rückfall in die Rezession unwahrscheinlicher geworden ist. Japan tut sich schwerer als ursprünglich angenommen, die jüngste Mehrwertsteuererhöhung zu verkraften, die doch Spuren in der Konjunkturdynamik hinterliess. Und in China ist mittlerweile weniger das Wachstum ein Thema, sondern vor allem die Frage, wie die chinesische Regierung mit den regimekritischen Aufständischen in Hongkong umgehen wird.

Dass die globale Konjunktur nun schwächelt, kommt im Grunde genommen gar nicht so überraschend. Erstaunlich war doch viel eher, wie lange sie sich gegen jegliches Ungemach behaupten konnte, das sich in den letzten Monaten so zusammengebraut hatte. Von der Krimkrise und dem darauf folgenden Krieg in der Ukraine, Aufständen in Libyen oder Syrien, generellen Unruhen im Zuge eines  „arabischen Herbstes“, dem israelisch palästinensischen Konflikt im Gaza-Streifen und der Gefahr des IS-Terrors liess sich die globale Konjunktur kaum aus der Bahn werfen, doch scheint nun ein Punkt erreicht, an dem dieser gefährliche geopolitische Cocktail nicht mehr so einfach ignoriert wird. Warum ausgerechnet jetzt?

Hoffnung statt Zauber
Der Herbst ist vor allem ein geldpolitischer Herbst und das könnte erstens dem an den Finanzmärkten herrschenden Überschwang einen Dämpfer verpassen und zweitens der Realwirtschaft das Genick brechen. Denn die jüngsten Auftritte der Geldhüter waren alles andere als überzeugend. Waren sie in der Vergangenheit jeweils für Zaubertricks zu haben, wenn an den Finanzmärkten die Laune umzukippen drohte, nutzen diese mittlerweile kaum mehr. Während Frau Janet Yellen seit Monaten über den Zeitpunkt und die Voraussetzungen für eine erste Zinserhöhung philosophiert, nehmen in Europa die Zweifel zu, ob Mario Draghis Medizin wirklich die richtige ist. Seine jüngsten Ideen zur Ankurbelung des Kreditzyklus sind alles andere als originell und dazu noch inkonsistent. Erstens sind die ins Auge gefassten ABS-Käufe nicht die Problemkredite der Eurozone und zweitens kann es nicht Sinn der Makroaufsicht sein, die Banken auf Teufel komm raus zu animieren, Kredite an Schuldner zu vergeben, die solche entweder nicht nachfragen oder eine schwache Bonität aufweisen.

Allmählich zeigt sich, dass Draghis Bazooka Ladehemmung hat und die Politik nicht mehr ausnahmslos hinter ihm steht – eine gefährliche Konstellation. Es ist zu befürchten, dass schon bald wieder über Wachstumspakete und Konjunkturprogramme diskutiert wird in Europa. Es gab bereits Anspielungen Draghis, die Regierungen müssten mehr unternehmen, um das Wachstum anzukurbeln – auf Pump natürlich, wie gewohnt. Die Zeit, die Draghi für die über ihre Verhältnisse lebenden Politiker/innen gekauft hatte, genügte offenbar nicht und jetzt, da sein Pulver verschossen ist, schiebt er den schwarzen Peter wieder an den Absender zurück. Frau Yellen hat aktuell zwar etwas bessere Karten, dafür aber jede Menge Staatschulden auf ihrer Bilanz. Da können die beiden nur noch auf einen milden Winter hoffen. (Raiffeisen/mc/ps)

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