Die Sicht des Raiffeisen-Chefökonomen: Weihnachtsfrau

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Das war wohl nichts mit der von vielen heraufbeschworenen Jahresendrallye. Eher das Gegenteil ist der Fall. Aus heiterem Himmel brachen die Aktienmärkte Anfang Monat auf breiter Front weg und dies ohne wirklich befriedigende Erklärungen. Aus Sicht der Performance wird 2015 voraussichtlich nicht als historisch bemerkenswertes Jahr in die Annalen eingehen. Dabei könnte es sich im Nachhinein durchaus als solches herausstellen. Denn Konjunkturängste, China oder Arbeitsmarktdaten aus den USA waren nicht der Ursprung der Korrekturen an den Aktienmärkten in den letzten Tagen.

Ausgerechnet vor Weihnachten schmelzen auch noch die letzten Gewinne an den Börsen weg. Den Märkten widerstrebt offenbar, dass – zumindest in den USA – die Zeit ultratiefer Zinsen zu Ende ist. Nachdem auch Mario Draghi für einmal die Märkte Anfang Dezember enttäuschte und die Aktienmärkte damit stark verunsicherte, warten nun alle gespannt darauf, was Janet Yellen morgen tun wird. Es ist unglaublich, welch lange Schatten dieser Event bis heute geworfen hat. Nun harren alle gebannt der Worte, welche die amerikanische Notenbankchefin an die Finanzmarktgemeinde richten wird. Dieses Jahr gibt es keinen Weihnachtsmann, sondern eine Weihnachtsfrau.

Wie gewonnen, so zerronnen
Ihre Wünsche an die Weihnachtsfrau formulieren die Märkte mit ausgesprochener Vehemenz: bloss keine unberechenbaren Sachen unter den Christbaum, wenn möglich. Eine moderate Zinserhöhung und allenfalls die vage Ankündigung der Weihnachtsfrau, sie werde maximal eine weitere ins Auge fassen, sind des Guten genug. Mehr wollen die Märkte von Yellen morgen nicht hören, bloss nicht. Denn auch in den USA traut man dem Markt trotz Hochkonjunktur und nahezu Vollbeschäftigung nicht mehr allzu viel zu ohne geldpolitische Rückendeckung.

Moderate Kost steht zuoberst auf dem Wunschzettel der Aktienmärkte, zweifellos. Die geldpolitische Wende sollte nach Wunsch der Märkte möglichst zart über die Bühne gehen. Das wird aber kaum gelingen.

Gedächtnislücke
Seit 2008 wissen die Finanzmarktakteure die Währungshüter auf ihrer Seite. Auch der Eurokrise machte bekanntlich die Geldpolitik den Garaus, von Griechenland ganz zu schweigen. Und nun wähnen sie sich offensichtlich schon im Stich gelassen, obwohl ihr Schicksal kaum von einer schwachen Drehung der Zinsschraube in den USA abhängen wird. Und doch: diese Korrektur im Dezember muss zur Vorsicht mahnen. Eingepreist, wie viele von uns dachten, war die Zinswende im Markt offenbar doch nicht. Wer das Gedächtnis aber etwas bemüht, wird schnell einmal fündig, dass kaum je eine Zinserhöhung – vor allem in den USA – an den Märkten ohne Korrekturen mit teilweise heftigen Turbulenzen vorübergeht. Genau das erleben wir nun einmal mehr.

Wenn sich der ganze Rauch um die Zinswende in den USA einmal verzogen hat, und das wird noch dieses Jahr der Fall sein, wird sich der Markt nur noch dafür interessieren, in welchem Tempo es nun weiter geht. Konkret: wie viele weitere Erhöhungen in welchem Zeitraum? Parallel wird er sich vermehrt den realwirtschaftlichen Grössen zuwenden. Die übernehmen so ja vielleicht wieder die Signalfunktion und lösen die Geldpolitik ab. Das wäre eigentlich das schönste Weihnachtsgeschenk und bei mir zuoberst auf dem Wunschzettel. Mehr Markt, weniger (Geld)Macht. (Raiffeisen/mc)

Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen

Raiffeisen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.