Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: What’s next?

Martin Neff
von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

Von Martin Neff, Chefökonom Raiffeisen (Foto: Raiffeisen)

Kein deutschsprachiger Titel für heute, aber er drückt perfekt aus, was im Moment an den Märkten läuft. Konfusion wäre fast noch ein besserer Ausdruck. Doch beginnen wir von vorn. Bedenken kannte der Markt bisher nur ganz wenige. Denn wenn immer es irgendwo brenzlig wurde, waren die Geldhüter zur Stelle. Brenzlig im Sinn der Beinahe-Pleite Griechenlands, des China-Crashs, der «Gefahr» eines konjunkturellen Abschwungs in den USA oder der Deflationssorgen in Japan. Ausgeblendet wurde stets die geopolitische Unsicherheit, die über dem Erdball schwebt – seit Jahresbeginn ist aber bekanntlich alles anders.  

Nix ist im Öl
Aktuell orientiert sich der Aktienmarkt sehr stark an den Rohstoffmärkten, namentlich dem für Öl. Was aber da an Begründungen für den Zerfall der Preise angeführt wird, ist mindestens so haarsträubend, wie die eigentliche Entwicklung des Rohölpreises. Und daher ist der Rohstoffmarkt wahrscheinlich nicht der richtige Gradmesser für den Aktienmarkt. Der allein ist schon schwer genug zu verstehen, aber was sich am Ölmarkt zurzeit abspielt, entbehrt jeglicher Vernunft. Allein, dass sich das Volumen spekulativer Kontrakte in einem Masse erhöht hat, das historisch seinesgleichen sucht, zeigt, dass dort mehr Nervosität denn Vernunft im Spiel ist. Während sich die saudi-arabisch dominierte, aber längst nicht mehr dominante OPEC zusehends als Hort der Uneinigkeit und Unvernunft mausert, entpuppen sich die amerikanischen Fracker als wichtige Spielverderber im globalen Geschäft mit Rohöl. Und dass der Iran sich dem Westen zusehends öffnet, spricht auch dafür, dass der Ölpreis eigentlich kein Indiz der absehbaren Kursentwicklung an den Börsen liefert. Es spricht dafür, dass der Börse Impulse abhandengekommen sind, die sie jetzt verzweifelt sucht, nach über sieben Jahren Aufwärtsdrang.

Eine Spur Vernunft
Vielleicht ist ja die Tatsache, dass es wenig fundamentale Beweggründe der jüngsten Kursbewegungen an den Börsen gibt, ein Zeichen gestiegenen Unbehagens? Darüber, dass sich in jüngster Zeit offensichtlich etwas ereignet, was zunehmend Unbehagen auslöst. Verschuldung? Kein Thema mehr, denn die Flüchtlingskrise dominiert Europa und wird es vielleicht nicht nur spalten, sondern sogar trennen. Derweil weichen die Mitgliedstaaten der Währungsunion die Defizitgrenze weiter auf. Die Konjunktur in den USA? Geht unter, in einem Wahlkampf, der von Hollywood nicht besser inszeniert werden könnte, nur dass er Realität ist. Chinas Wachstumsmodell? Wird tunlichst nicht mehr hinterfragt, so lange nicht neue «bad news» aus dem Reich der Mitte kommen, das wir ohnehin nur oberflächlich kennen. Dieser Verdrängungsmechanismus der letzten Jahre scheint nun nicht mehr zu funktionieren. Eine Spur Vernunft kehrt so zwangsläufig an die Märkte zurück. Das wird auch die EZB einsehen müssen. Selbst wenn es ihr gelingen sollte, diese Woche nochmal ein kleines Feuerwerk zu entfachen, obwohl das sehr unwahrscheinlich ist. Es ist dem Markt doch längst klar geworden, dass Liquidität nicht das Allerheilmittel ist.

Kein Geld verlieren
Im Nullzinsumfeld bleiben Aktienanlagen unumstritten alternativlos, denn immerhin kann man auf eine Dividendenrendite setzen. Wer aber (erst) anfangs Jahr zu dieser Erkenntnis gelangte und investierte, sitzt heute auf happigen Buchverlusten. Und wer schon länger in Aktien investiert ist, bereut wahrscheinlich insgeheim, dass er den SMI bei einem Indexstand über 9’000 nicht verkauft hat. Zeit, einmal mehr in Erinnerung zu rufen, dass heute nicht Geld verliert, wer nicht investiert. Es herrscht überhaupt kein Anlagedruck, denn Inflation, die ein Vermögen schmälern könnte, ist wohl bis auf weiteres kein Thema. Daher ist die Formel ziemlich einfach: wer heute nicht investiert, der vergibt kaum eine einzigartige Gelegenheit. Es ist vielmehr, davon auszugehen, dass sich bessere Einstiegsmöglichkeiten finden. Vorerst müssen mal die Unsicherheiten abgearbeitet werden, auch die geldpolitischen. Der Börsenzug wird daher 2016 kaum abfahren – Hektik fehl am Platz. (Raiffeisen/mc/ps)

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