EY Bankenbarometer 2020: Im Sog der Geldpolitik

EY Bankenbarometer 2020: Im Sog der Geldpolitik
Olaf Toepfer, Leiter Banking & Capital Markets bei EY Schweiz. (Foto: EY)

Zürich – «Tiefe Zinsen, tiefe Volatilitäten und hohe Unsicherheiten» – so beschreibt Patrick Schwaller, Managing Partner, Audit Financial Services bei EY Schweiz, das Umfeld, in welchem die Schweizer Banken derzeit operieren. Damit verbunden ist eine Vielzahl von Herausforderungen.

Im wichtigen Zinsdifferenzgeschäft sind die Banken auf normale Zinskurven mit deutlichen Unterschieden zwischen den kurzfristigen und langfristigen Zinssätzen angewiesen. Entgegen den Erwartungen der meisten Bankinstitute in der letztjährigen Umfrage ist jedoch eine Normalisierung der Geldpolitik in weite Ferne gerückt und die Banken sehen sich noch länger mit Negativzinsen und ausserordentlich flachen Zinskurven konfrontiert. «Dies lässt die Zinsmargen weiter schmelzen und trübt die Geschäftsaussichten der Banken», erklärt Olaf Toepfer, Leiter Banking & Capital Markets bei EY Schweiz. Auch im Kommissionsgeschäft leiden die Banken zunehmend unter einem Margenschwund und der Tatsache, dass die geopolitischen Unsicherheiten sowie aufkeimende Konjunktursorgen die Aktivitäten von Investoren und Bankkunden hemmen. Angesichts dieser Entwicklungen überrascht es nicht, dass bereits rund je ein Drittel der Banken im Retail- und Non-Retail-Bereich für die kurz- bzw. mittelfristige Zukunft mit einem Rückgang ihrer Ergebnisse rechnet (Vorjahr: 22 bzw. 16 Prozent). «Insbesondere bei den Retailbanken kam es zu einem bemerkenswerten Stimmungseinbruch», ergänzt Toepfer.

Negativzinsen für Sparer werden immer wahrscheinlicher – Hypotheken mit Minuszinsen bleiben hingegen eher Wunschdenken
Der Margendruck im Zinsdifferenzgeschäft führt dazu, dass die Banken die Negativzinsen zunehmend an ihre Kunden weitergeben. Während im Jahr 2015 noch 70 Prozent der befragten Banken die Weitergabe von Negativzinsen kategorisch ausgeschlossen hatten, sind es inzwischen nur noch 21 Prozent. Zudem geben bereits mehr als die Hälfte der Banken (55 Prozent) – und damit deutlich mehr als im Vorjahr (33 Prozent) – an, dass sie den Schwellenwert, ab welchem Kundenguthaben mit Negativzinsen belastet werden, reduzieren möchten. «Negativzinsen für vermögende Privatkunden sind bereits Realität – wie lange können Banken die Kleinsparer noch vor Negativzinsen verschonen?», gibt Schwaller zu bedenken. In diesem Kontext stellt sich auch die Frage, ob die Schweizer Banken künftig auf breiter Front Negativzinshypotheken anbieten werden. Diesbezüglich besteht unter den Banken weitgehend Einigkeit: 83 Prozent der befragten Institute erachten die Vergabe von negativ verzinsten Hypotheken als nicht realistisch.

Traditionelle Geschäftsmodelle kommen an ihre Grenzen und Banken erkennen, dass sie neue Ertragsquellen erschliessen müssen
Die andauernde expansive Geldpolitik der Zentralbanken und die damit verbundenen tiefen bzw. negativen Zinsen führen dazu, dass die Banken immer mehr Kredite vergeben müssen, um ihr Zinsergebnis stabil zu halten. Obwohl die Schweizer Banken in den letzten Jahren in diesem anspruchsvollen Umfeld eine relativ hohe Widerstandskraft unter Beweis gestellt haben, sehen sie sich mit grundlegenden Fragen im Hinblick auf ihre traditionellen Geschäftsmodelle konfrontiert. Ganz besonders gilt dies für die stark inlandorientieren und auf das Zinsdifferenzgeschäft fokussierten Kantonal- und Regionalbanken. Diese Einsicht scheint sich auch unter den Banken mehrheitlich durchgesetzt zu haben. «Insgesamt 83 Prozent der befragten Banken vertreten die Meinung, dass sie in Zukunft neue Ertragsquellen erschliessen müssen, um ihre Ertragskraft nicht zu verlieren», hält Schwaller fest.

Kundenzentrierung gilt als Schlüssel zum Erfolg
Doch wie kann es gelingen, neue Ertragsquellen zu erschliessen? Die Mehrheit der Banken (60 Prozent) ist sich einig, dass der Schlüssel hierfür in einer höheren Kundenzentrierung liegt. «Diejenigen Banken, die es schaffen, den Kunden noch klarer in das Zentrum ihres Handelns zu rücken, werden langfristig zu den Gewinnern gehören», bemerkt Toepfer. Nur ein geringer Anteil von 19 Prozent glaubt hingegen, dass rein produktzentrierte Massnahmen ausreichen, um zusätzliche bzw. neue Ertragsströme zu realisieren. Diese Einschätzung lässt erwarten, dass die Banken in Zukunft ihre Tätigkeit verstärkt an den Kundenbedürfnissen bzw. der Kundennachfrage ausrichten und nicht mehr an der von ihnen angebotenen Produktepalette.

Vor der langfristigen Neuausrichtung wird kurzfristig an der Kostenschraube gedreht
Obwohl die Banken anerkennen, dass sie ihre Geschäftsmodelle grundlegend überdenken müssen, steht kurzfristig wieder die Kosteneffizienz vermehrt im Fokus. 39 Prozent der Banken (Vorjahr: 32 Prozent) sehen das Thema Kosten als Schwerpunkthema für die kommenden
12 Monate. Das ist der höchste Wert der letzten drei Jahre. Die stärkere Fokussierung auf die Kosten zeigt sich auch bei der Frage nach den zukünftigen Vergütungen im Bankensektor. Beinahe drei Viertel (71 Prozent) der befragten Institute geben an, dass die Vergütungen in der Finanzbranche in Zukunft geringer ausfallen werden.

Das Thema Nachhaltigkeit spielt bislang nur bei der Geldanlage eine grössere Rolle – nicht aber bei der Kreditvergabe
Das Thema «nachhaltige Anlagen» ist in den letzten Jahren vermehrt in den Blickpunkt der Investoren und Kunden gerückt. Dabei sind sich die Banken weitgehend einig, dass es sich bei diesem Thema nicht um einen Hype handelt, sondern dass der Trend zu nachhaltigen Anlagen dauerhaft fortbestehen wird (81 Prozent). Zudem geht zumindest eine knappe Mehrheit der Banken (55 Prozent) davon aus, dass sie einen wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels leisten kann. Folglich überrascht es nicht, dass 70 Prozent der Banken ihr Angebot an nachhaltigen Anlagen künftig ausweiten möchten. Obwohl diese Befragungsergebnisse erkennen lassen, dass die Banken das Thema nachhaltige Anlagen für sich entdeckt haben, zeigt sich, dass diese Erkenntnis noch nicht flächendeckend in ihre Beratungs- und Investmentprozesse sowie Berichterstattung eingeflossen ist: So ist das Thema Nachhaltigkeit bei noch nicht einmal einem Drittel der Banken (30 Prozent) ein Pflichtbestandteil des Beratungsprozesses und lediglich 9 Prozent der Banken geben an, ihre Kunden im Rahmen von regelmässigen Berichterstattungen über die Nachhaltigkeit mittels ESG Scores (Environmental, Social, and Governance) ihrer Portfolios zu informieren.

«Bei der Kreditfinanzierung durch Banken spielt das Thema Nachhaltigkeit heute hingegen noch keine grosse Rolle», merkt Schwaller an. Nur eine Minderheit von 19 Prozent der befragten Banken gibt an, dass sie ESG Faktoren in ihrer Kreditvergabe berücksichtigt und nur 25 Prozent geben an, diese Kriterien in Zukunft berücksichtigen zu wollen.

Bankkunden sind grundsätzlich zufrieden mit ihrer Bank – aber nur 2 von 3 Bankkunden glauben, dass die Banken stets im Kundeninteresse handeln
Die grosse Mehrheit der Bankkunden (85 Prozent) sind mit der Leistung ihrer Hausbank grundsätzlich zufrieden. Dies ist ein durchaus erfreuliches Ergebnis für die Schweizer Banken und untermauert ihre hohe Service- und Beratungsqualität. Bei der Frage, ob die Banken im Interesse ihrer Kunden handeln, zeigt sich hingegen ein weniger positives Bild für die Banken. «Denn nur 2 von 3 Bankkunden sind davon überzeugt, dass sich die Banken stets an den Kundeninteressen orientieren», erläutert Toepfer. Damit zeigt immerhin ein Drittel der befragten Kunden Zweifel bei dieser für die Banken sehr zentralen Fragstellung. (EY/mc/ps)

Informationen zur Studie
Das EY Bankenbarometer basiert auf der Befragung von 100 Führungskräften (Mitglieder der Geschäftsleitung) von verschiedenen Banken in der ganzen Schweiz. Auch die Schweizer Einheiten der zwei Grossbanken wurden befragt; ihre Einschätzungen sind in die generellen Auswertungen eingeflossen, wurden aber in den Auswertungen nach Bankentyp nicht berücksichtigt. Bei 38 Prozent der befragten Institute handelt es sich um Regionalbanken, bei 28 Prozent um Privatbanken und bei je 17 Prozent um Kantonalbanken und Auslandsbanken. 79 Prozent der Institute stammen aus der Deutschschweiz, 14 Prozent aus der Westschweiz und 7 Prozent aus dem Tessin. Die Befragung wurde im November 2019 durchgeführt. Die Erhebung und Auswertung der Daten erfolgte durch EY in der Schweiz. Im Rahmen der diesjährigen Studie wurden zudem 2’000 Bankkunden befragt. Die Umfrage wurde gemeinsam von EY und der Initiative «Redesigning Financial Services» (RFS) durchgeführt.

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