EY: Versicherungsbranche vor radikalem Umbruch

Yamin Gröninger
Yamin Gröninger, Leiterin Insurance Business Development bei EY Schweiz. (Foto: EY)

Yamin Gröninger, Director bei EY Financial Services Schweiz und Studienleiterin. (Foto: EY)

Zürich – Die Schweizer Versicherungsbranche steht vor einem radikalen Umbruch. Während sich das Marktumfeld verschlechtert und das Versicherungsgeschäft stagniert, setzen sich die Unternehmen ehrgeizige Wachstumsziele. Das führt zu einem intensiven Verdrängungswettbewerb: Bis ins Jahr 2030 werden höchstwahrscheinlich 45 Prozent der Schweizer Versicherer aus dem Markt gedrängt. Sollten sich die disruptiven Trends weiter fortsetzen und beschleunigen, werden bis zu 70 Prozent der heutigen Versicherer vom Markt verdrängt. Zu diesem Resultat kommt eine aktuelle Studie von EY.

Die Schweizer Versicherer blicken zu optimistisch in die Zukunft, ihre aktuellen Wachstumsprognosen liegen weit über der erwarteten Marktentwicklung. Die Studie des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens EY zeigt, dass die Unternehmen im Schnitt um jährlich 5 Prozent wachsen wollen. Doch die Realität sieht anders aus: «Die Wachstumsmöglichkeiten des Versicherungsmarktes sind beschränkt, selbst ein Rückgang des Volumens ist denkbar», sagt Achim Bauer, Insurance Leader EY Schweiz.

Stagnierender Versicherungsmarkt
Mehrere Treiber hemmen das Marktwachstum für Versicherungen: «Der starke Franken verhindert, dass das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz wächst», sagt Yamin Gröninger, Director bei EY Financial Services Schweiz und Studienleiterin. Gleichzeitig reduzieren sich die Haushaltsvermögen gemäss einer Prognose von EY bis 2018 um 0,1 Prozent. Dies dämpft die Nachfrage nach Versicherungsprodukten weiter. Hinzu kommt, dass sich die Zunahme der Schweizer Wohnbevölkerung, bis anhin ein wichtiger Wachstumstreiber der Branche, durch die Masseneinwanderungsinitiative höchstwahrscheinlich abschwächen wird.

Auch das politische und regulatorische Umfeld für Versicherungsunternehmen wird anspruchsvoller. Diverse politische Vorstösse wie die «Altersvorsorge 2020» drohen die Marktentwicklung zu bremsen, während neue Regulierungen wie Solvency II, Swiss Solvency Test oder der Common Reporting Standard für steigende Kosten sorgen. Die Negativzinsen stellen gerade für Lebensversicherer eine ernsthafte Gefahr dar. Das Niedrigzinsumfeld wird Prognosen zufolge noch länger anhalten: So weisen auch die Franken-Swapsätze bis zu einer Laufzeit von zehn Jahren negative Werte auf.

Bereits heute ist der Schweizer Versicherungsmarkt gesättigt. Die Versicherungsausgaben in der Schweiz belaufen sich auf 7.267 Schweizer Franken pro Haushalt und Jahr, was 11 Prozent des Einkommens entspricht. Weltweit liegen die Ausgaben nur in Luxemburg höher.

Yamin Gröninger: «Auch Schweizer Konsumenten werden in Zukunft vermehrt versuchen, die Ausgaben für ihren Versicherungsschutz zu optimieren. Unterstützt werden sie dabei von neuen, technologie- und datengetriebenen Geschäftsmodellen auf Seite der Versicherungen, die Kunden situativ relevante und gezieltere Angebote unterbreiten und Technologien, welche die Preistransparenz im Markt erhöhen.»

Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Die Diskrepanz zwischen der prognostizierten Marktentwicklung einerseits und den Unternehmenszielen andererseits wird letztendlich zu weitreichenden Umwälzungen führen. Um profitabel zu wachsen, werden die Schweizer Versicherer gezwungen sein, sich mit Konkurrenten zusammenzuschliessen oder diese aus dem Markt zu drängen. Der verschärfte Wettbewerb lässt erwarten, dass bis ins Jahr 2030 45 Prozent der Schweizer Versicherer ihr Geschäft aufgeben müssen, so das durch die Studie von EY ermittelte Szenario.

Gleichzeitig drängen neue Anbieter in den Schweizer Markt, wodurch weitere Unternehmen bedroht werden. InsurTechs und branchenfremde Grosskonzerne haben das Potenzial, erhebliche Marktanteile zu gewinnen. Bis 2030 ist es daher denkbar, dass bestehende und neue Konkurrenten gemeinsam bis zu 70 Prozent der bisherigen Versicherungsunternehmen verdrängen. «Diese Entwicklung ist durchaus wahrscheinlich, das hat sich in anderen Branchen gezeigt», sagt Achim Bauer. «Als die Umsätze im Mobiltelefonmarkt stagnierten, traten neue Konkurrenten auf, mit dem Resultat, dass sich sämtliche der zuvor führenden Hersteller zurückziehen mussten. Den gleichen Umbruch hat die Reiseindustrie durchlebt, wo Online-Plattformen die traditionellen Reiseagenturen aus dem Markt gedrängt haben. Vergleichbare Veränderungen stehen dem Versicherungsmarkt bevor.»

Chancen und Risiken der Digitalisierung
Die Digitalisierung hat den Versicherungsmarkt erfasst. Die neuen Technologien haben die Position der Konsumenten sprunghaft verbessert, mit spürbaren Folgen: Das Preisbewusstsein steigt, die Loyalität nimmt ab. Dadurch entwickelt sich das Versicherungsgeschäft zu einem Consumer-to-Business-Modell (C2B). «Kundennähe, genaue Kenntnisse und schnelles Adressieren der Bedürfnisse werden zu Kernkompetenzen», sagt Yamin Gröninger. «Wer den Trend verpasst, gerät in ernsthafte Schwierigkeiten, während sich neuen Anbietern dadurch Chancen eröffnen.»

Bereits haben sich InsurTechs etabliert, welche die traditionellen Geschäftsmodelle in Frage stellen und die Wertschöpfungskette aufbrechen. Schon heute sorgen sie für mehr Wettbewerb und für tiefere Preise. Noch stärker vermögen branchenfremde Konzerne in den Versicherungsmarkt einzugreifen.

«In fast allen Geschäftsbereichen gibt es mindestens einen Anbieter, der die Versicherungskunden besser kennt als die Versicherer selbst», sagt Yamin Gröninger. «Entsprechend gross ist das Risiko für traditionelle Anbieter, den Zugang zu den eigenen Kunden zu verlieren. Ein Beispiel dafür sind Motorfahrzeugversicherungen, hier wissen die Autohersteller viel genauer über die Bedürfnisse der Kunden Bescheid.»

Zeit zum Handeln
Angesichts der Umwälzungen stehen den Schweizer Versicherern verschiedene Optionen offen: Sie können konsequent auf Skalierbarkeit setzen, um ihre Effizienz zu steigern und Preisvorteile zu generieren. Sie können Partnerschaften mit InsurTechs eingehen und deren Innovationspotenzial nutzen. Sie können massgeschneiderte persönliche Services anbieten, bei denen digitale Wettbewerber nicht mithalten können. Oder sie beschränken sich darauf, als Zulieferer für einen branchenfremden Konzern zu agieren. Unabhängig von der gewählten Stossrichtung: «Zentral ist, dass die Versicherer jetzt energisch handeln», sagt Achim Bauer. «Nun ist der letzte Moment, die Strategien zu überdenken und Klarheit über die eigenen Stärken zu gewinnen. Auf diese Kompetenzen sind sämtliche Aktivitäten zu fokussieren.» Die Schweizer Versicherer müssen auch risikobewusst entscheiden, wie radikal sie die Veränderung anstreben wollen. Eine evolvierende Strategie führt zum vorübergehenden Überleben des Umbruchs, während eine grundlegende strategische Neuorientierung langfristige Wettbewerbsvorteile sicherstellt. (EY/mc/ps)

Informationen zur Studie
Die vorliegende Studie wurde von Analysten und Branchenexperten von EY auf Basis wissenschaftlicher Methodik durchgeführt. Grosse Datenmengen sind ausgewertet worden, darunter makroökonomische und demografische Kennzahlen wie auch Geschäftsberichte und Investorenpräsentationen der Versicherer. Zudem sind eigene Modellierungen sowie Erkenntnisse aus zahlreichen nationalen und internationalen Mandaten für Versicherungsunternehmen eingeflossen. Die Studie deckt die Bereiche Leben, Nicht-Leben und Krankenversicherung ab; der Rückversicherungsmarkt wurde ausgeschlossen. Auf segmentspezifische Analysen wird verzichtet, vielmehr konzentriert sich die Untersuchung auf Veränderungen und Bedrohungen, denen sich alle Versicherer stellen müssen.

Über die globale EY-Organisation
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Die EY-Organisation ist in der Schweiz durch die Ernst & Young AG, Basel, an zehn Standorten sowie in Liechtenstein durch die Ernst & Young AG, Vaduz, vertreten. «EY» und «wir» beziehen sich in dieser Publikation auf die Ernst & Young AG, Basel, ein Mitgliedsunternehmen von Ernst & Young Global Limited.

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