FlowBank: Ausblick auf 2022 – Die Erholung setzt sich fort

Esty Dwek
Esty Dwek, CIO von FlowBank. (Foto: FlowBank)

Genf – Omikron hat vorerst noch keinen Einfluss auf den Marktausblick von FlowBank für 2022. Das Wachstum bleibt solid und die Inflation hoch, allerdings nur vorübergehend. Starke Fundamentaldaten und das Gewinnwachstum dürften «Risk on»-Anlagen weiterhin unterstützen:

«Während das Jahr 2021 noch einmal mit einer Überraschung aufwartete – Stichwort Omikron – blicken die Anleger*innen in Erwartung einer starken Marktperfomance auf das kommende Jahr – ausser es kommt noch zu einem Crash bis Ende Jahr. Das erwarten wir allerdings nicht.

Jedes Mal, wenn wir glauben, die Pandemie (beinahe) hinter uns gelassen zu haben, schlägt diese mit Wucht zurück. So erstaunt es nicht, dass das Auftauchen der Omikron-Variante die Anleger*innen beunruhigt. Aber noch ist es zu früh, um abzuschätzen, ob Omikron die Marktaussichten wesentlich verändern wird. Sowohl die Beta- als auch die Delta-Varianten haben weniger Schaden angerichtet als ursprünglich erwartet, zumal die Impfungen weiterhin sehr gut vor schweren Verläufen schützen. Ausserdem haben die Hersteller der mRNA-Impfstoffe erklärt, sie könnten diese in wenigen Monaten an die neue Variante anpassen.

Wir schreiben diesen Ausblick daher unter der Annahme, dass Omikron die monatelange Konjunkturerholung nicht rückgängig machen wird, aber verzögern könnte.

Erholung ist auf Kurs
Covid scheint allmählich endemisch und weniger pandemisch zu werden. Die meisten Länder dürften deshalb lernen, damit zu leben – ähnlich wie mit der Grippesaison. Wir erwarten daher, dass das Weltwirtschaftswachstum 2022 Fahrt aufnimmt und solide bleiben wird.

Blicken wir nun auf die USA, den Taktgeber der Weltwirtschaft. Die Demokraten dürften bei den kommenden Zwischenwahlen die Mehrheit verlieren. Deshalb werden sie kaum unpopuläre Massnahmen beschliessen, die den Republikanern in die Hände spielen und das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen könnten. Der Aufschwung könnte allerdings etwas an Schwung verlieren. Wir erwarten weiter, dass die Demokraten ein 1,75 Billionen USD schweres «Build Back Better»-Paket und ein sogenanntes neues Reconciliation-Gesetz zur Anhebung der Schuldenobergrenze verabschieden werden. Damit würden die laufenden Ausgaben steigen, wenn auch nicht in der Grössenordnung von 2020/2021.

Lieferkettenengpässe lassen nach
Während die meisten Länder versuchen, die Eindämmungsmassnahmen zu begrenzen, verfolgt China unverändert eine Null-Covid-Strategie. Die Lieferkettenengpässe werden deshalb für einige Zeit bestehen bleiben – und das lokale Wachstum begrenzen.

Da jedoch die meisten asiatischen Länder allmählich lernen, mit dem Virus zu leben, und weltweit immer mehr Menschen geimpft sind, gehen wir davon aus, dass diese Störungen im Laufe des ersten Halbjahres 2022 abklingen werden. Bereits jetzt hören wir Verbesserungen aus einer Reihe von Sektoren. Die Engpässe verkomplizieren die aktuelle Situation zwar, den Wirtschaftsaufschwung werden sie aber wahrscheinlich nicht zum Erliegen bringen.

Immer noch «vorübergehend»?
Bis zu den Nachrichten über die Omikron-Variante war die Inflation die grosse Sorge an den Finanzmärkten. Diese wird nicht verschwinden. Allerdings erwarten wegen der neuen Situation weniger Marktteilnehmer*innen eine galoppierende Inflation und als Folge eine aggressive Straffung der Geldpolitik des Federal Reserve.

Die Debatte über den «vorübergehenden» Charakter der der Inflation tobt nun bereits seit sechs Monaten und sie könnte nochmals genauso lange dauern. Allerdings hängt viel von der Definition des Begriffs «vorübergehend» ab, und die Investor*innen scheinen sich nicht einig zu sein, was das denn nun konkret bedeutet.

Hawks vs. Realität
Letzten Endes hängt alles vom Fed ab. US-Treasury-Renditen stiegen nach der Wiederernennung von Jerome Powell, von dem man annimmt, dass er eher handeln wird als seine Vorgängerin, sollte sich die Inflation als «hartnäckiger» erweisen als bisher angenommen.

Wir glauben jedoch nicht daran, dass bereits im nächsten Frühsommer die Zinsen erhöht werden – auch nicht, wenn Omikron nicht aufgetaucht wäre. Die fiskalische Unterstützung wird trotz Bidens Ausgabenprogramms zurückgehen und der Wirtschaftsaufschwung dürfte nächsten Sommer enden, weshalb sich das Wirtschaftswachstum in der zweiten Jahreshälfte abschwächen dürfte. Das dürfte für das Fed kein Grund für eine Zinserhöhung sein. Ausserdem erwarten wir und das Fed, dass die Inflation im kommenden Jahr allmählich zurückgehen wird, da Lieferkettenunterbrechungen langsam abklingen, der Lagerbestand wieder aufgebaut wird und die aufgestaute Nachfrage nachlässt.

Zinserhöhungen sind möglicherweise nicht die Lösung für die aktuellen Herausforderungen. Der derzeitige Inflationsdruck ist angebotsgetrieben und kann damit nicht über die Zinsen gesteuert werden. Zudem verfügen die Verbraucher*innen über Billionen von zusätzlich Erspartem – höhere Kreditkosten hätten in diesem Umfeld kaum eine Wirkung. Höhere Preisniveaus dürften die Nachfrage viel eher beeinflussen. Und nicht zuletzt macht das Fed normalerweise keine Politik. Daher wird es so kurz vor den Zwischenwahlen im November kaum die Zinsen aggressiv erhöhen.

Bleibt die Inflation monatelang auf dem aktuellen Niveau, müsste das Fed zeigen, dass es nicht schläft und die Situation genau beobachtet, inklusive einer möglichen Beschleunigung des Taperings im ersten Quartal 2022. Aber wir erwarten nicht, dass eine solche Kampagne im Sommer beginnen wird.

Höhere Renditen in Sicht
Die Frage nach der Höhe der Anleiherenditen bleibt die grösste Herausforderung für Vermögensverwalter. Mit negativen realen Renditen in den USA und negativen nominalen Renditen in vielen Industrieländern bleiben die Renditeaussichten für die kommenden Jahre schlecht. Vor diesem Hintergrund dürften die Renditen nur eine Richtung kennen: nach oben.

Bei den Staatsanleihen bleiben wir vorsichtig, obwohl wir mit Blick auf die geschilderten Faktoren nicht mit einem schnellen Zinsanstieg rechnen. Dennoch ziehen wir das Kreditrisiko dem Durationsrisiko vor. Die Credit Spreads sind in diesem Jahr auch in den meisten Phasen der Aktienvolatilität stabil geblieben – das wird sich unserer Meinung nach 2022 fortsetzen.

Risk on
Die Aktienrenditen könnten in den kommenden Jahren tiefer ausfallen als in den vergangenen Jahren. Dennoch sehen wir weiteres Aufwärtspotenzial. Die Fundamentaldaten bleiben solide und die Erträge dürften dank einer beeindruckenden Anpassungsfähigkeit der Unternehmen bis 2022 sehr robust bleiben.

Der Aktienmarkt eskomptiert noch nicht den gesamten Aufschwung, dass sollte zyklische Werte unterstützen. Denn diese haben noch viel Aufholpotential. Energie, Rohstoffe und Finanzwerte dürften besonders vor dem Hintergrund eines kalten Winters und einer sich erholenden Industrieproduktion profitieren.

Dieser Umstand dürfte auch den europäischen Vermögenswerten zugutekommen, die strukturell einen Value-Bias haben. Wegen der stärkeren Wachstums- und Ertragsaussichten in den USA könnte es sich für sie jedoch als schwierig erweisen, US-Aktien während des ganzen Jahres zu übertreffen. Auch die Gewinnmargen haben weniger Spielraum als in den USA. Die europäischen Märkte brauchen ein starkes chinesisches Wachstum, das aber in den kommenden Quartalen ausbleiben könnte, und das obwohl die chinesische Regierung die Zügel etwas lockern dürften, sobald die Olympischen Winterspiele vorbei sind.

Schwellenländeraktien befinden sich in einer ähnlichen Situation. Mit ihnen kann vom globalen Aufschwung profitiert werden, sie sind aber weiterhin von China abhängig, wo die verschärften Regulierungen weiterhin auf die Stimmung drücken. Darüber hinaus dürfte die Nachfrage nach Schwellenländeraktien aufgrund der befremdlichen Entwicklungen in der Türkei, Russland und Brasilien begrenzt sein.

Wir behalten unsere Präferenz für die Barbell-Strategie mit zyklischen Werten auf der einen Seite und Tech-Aktien auf der anderen bei. Das nachhaltige Gewinnwachstum der US-Tech-Firmen sowie ihr defensiver Charakter in einem volatilen Umfeld bleiben weiterhin attraktiv für Anleger*innen.

Trotz hoher Bewertungen ist die Stimmung am Markt gut, zudem sind die Cash-Bestände nach wie vor hoch. Und obwohl die Zentralbanken und Regierungen ihre Unterstützung im Vergleich zu den Pandemie-Notfallausgaben reduzieren werden, bleibt sie bestehen – sei es durch das Infrastrukturpaket, das «Build Back Better»-Programm, den EU-Konjunkturfonds oder die Reinvestition der QE-Erlöse durch die Zentralbanken.

Das Portfolio abrunden
Trotz einer Verlangsamung des chinesischen Wachstums sollten die Rohstoffpreise stabil bleiben. Das gilt besonders für Rohöl, da sich die Nachfrage erholt, und das Angebot durch die OPEC+ beschränkt bleibt. Obwohl für 2022 ein Überschuss erwartet wird, sehen wir noch Aufwärtspotenzial für die Spotpreise – sofern Omikron nicht zu weitverbreiteten Lockdowns führt. Die Reiseeinschränkungen werden wahrscheinlich nur von kurzer Dauer sein, da sich die Variante bereits auf allen Kontinenten verbreitet.

Sobald die Produktion mit der Nachfrage gleichzieht, werden Basismetalle eine anhaltende Nachfrage erfahren, die aber später im Jahr wieder abflauen könnte. Edelmetalle haben trotz der erwarteten Inflation nicht profitiert. Das dürfte so bleiben.

Wir mögen zudem die «Dollar Smile»-Theorie. Sorgen über die globalen Konjunkturaussichten, ein stärkeres US-Wachstum als in anderen Regionen und die Erwartungen einer schnelleren Straffung der US-Geldpolitik – im Vergleich zu anderen grossen Zentralbanken – dürften den Greenback unterstützen. Der grösste Teil der Aufwärtsbewegung liegt wohl aber bereits hinter uns.

Auch Kryptowährungen dürften beliebt bleiben, da einerseits die Nachfrage – unter anderem auch von institutionellen Investoren – steigt und es immer einfacher ist, in die Anlageklasse zu investieren. Es sind aber grosse Schwankungen und starke Korrekturen von einzelnen Kryptowährungen zu erwarten.

Fazit
Der Ausblick auf 2022 wird neben der Omikron-Variante noch von einigen weiteren Wolken überschattet. Der Übergang in eine Post-Covid-Welt wird wahrscheinlich nicht ganz reibungslos verlaufen, aber mit starken Fundamentaldaten, hohem Gewinnwachstum der Unternehmen und der anhaltenden, expansiven Unterstützung durch die Geldpolitik bleiben wir 2022 zuversichtlich für «Risik on»-Anlagen.» (FlowBank/mc)

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