Franken wird stärker und stärker – Schweiz machtlos

Jan-Egbert Sturm

KOF-Direktor Jan-Egbert Sturm.

Bern – Selbst die Einigung über ein Hilfspaket für Griechenland am Euro-Sondergipfel stärkt den Euro gegenüber dem Franken nur unwesentlich: Bereits wird darüber spekuliert, dass die Schweizer Währung bald gleich viel wert sein könnte wie der Euro.

Laut Medienberichten wetten Devisenhändler weiterhin auf einen noch stärkeren Franken. Und in Analystenkreisen ist schon längst kein Verrückter mehr, wer von einer Euro-Franken-Parität spricht. Damit rechnet Jan-Egbert Sturm, der Direktor der Konjunktur-Forschungsstelle der ETH Zürich (KOF), allerdings nicht.

KOF erwartet keine Parität Franken – Euro
Es sei klar, dass der Euro derzeit unterbewertet sei. Eine Parität zwischen Franken und Euro sei deshalb nicht zu erwarten, sagte er in einem Interview mit der Zeitung «Der Sonntag». Seine These gestützt sieht Sturm durch die Entscheidungen der Euro-Länder am Sondergipfel in Brüssel. Der Gleichgewichtskurs zum Euro liegt für ihn zwischen 1,30 und 1,40 CHF. Für den Konjunkturforscher ist es allerdings nur eine Frage der Zeit, bis es in den Exportbranchen zum Abbau von Stellen kommt. Von einer existenziellen Krise der Schweiz mag Sturm dennoch nicht sprechen: «Es ist nicht zuletzt ein Zeichen der Stärke, dass der Franken solche Höhen erklimmt». Solange die Arbeitslosigkeit nicht steige, könne von einer Krise der Exportindustrie, nicht aber von einer gesamtschweizerischen Krise gesprochen werden.

Zinsschritt würde Franken noch attraktiver machen
Den zahlreichen Vorschlägen, wie die Schweiz Gegensteuer zur momentanen Entwicklung auf den Devisenmärkten geben könnte, erteilt der KOF-Direktor indes allen eine Abfuhr. Man müsse realisieren, dass die Schweiz derzeit nicht sehr viel tun könne, sagte er. Für die Koppelung des Frankens an den Euro sei jetzt, da der Euro 1,17 CHF koste, nicht der richtige Zeitpunkt. Und eine Zinserhöhung wäre zwar für die boomende Binnenwirtschaft angebracht. Für die Exportwirtschaft bedeutete ein Zinsschritt aber einen weiteren Dämpfer, weil so der Franken noch attraktiver würde. Steuererleichterungen für die vom starken Franken gebeutelte Exportindustrie schliesslich sind für Sturm längerfristig nichts anderes als Subventionen, welche strukturelle Veränderungen blockieren und falsche Anreize setzen würden.

Gewerbeverband für längere Arbeitszeiten
Um auf die Frankenstärke wenigstens reagieren zu können, propagiert der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) längere Arbeitszeiten. Solche haben einzelne Unternehmen wie etwa der Pharma- und Biochemiekonzern Lonza oder der Verpackungshersteller Model bereits eingeleitet oder umgesetzt. Mit längeren Arbeitszeiten bei gleichem Lohn lasse sich die Produktivität in der Exportwirtschaft steigern, sagte SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler in einem Interview im «SonntagsBlick». Für Bigler sind demnach aber auch Lohnsenkungen als Reaktion auf den währungsbedingten Verlust der Wettbewerbsfähigkeit kein Tabu. Kämen wegen des starken Frankens die Löhne in der Schweiz unter Druck, würde der Ruf nach günstigeren Preisen für Importgüter noch lauter.

Mehrwertsteuer abschaffen?
Auf radikale und schon fast abenteuerliche Art und Weise gegen die hohen Preise für aus dem Ausland eingeführte Waren würde der Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger vorgehen. Er schlägt vor, die Mehrwertsteuer abzuschaffen und den Postversand zu deregulieren, um die Parallelimporte und Auslandseinkäufe anzukurbeln und so die Schweizer Importeure zu Preissenkungen zu zwingen, wie er in einem am Samstag veröffentlichten Interview mit der «Neuen Luzerner Zeitung» sagte. Die durch den Wegfall der Mehrwertsteuer verursachten Einnahmeausfälle könnten in seinen Augen mit dem Verzicht auf die Subventionierung des öffentlichen Verkehrs kompensiert werden. «Wenn die Bürger wüssten, dass sie im Gegenzug überhaupt keine Mehrwertsteuer mehr zahlen müssten, dann wäre das politisch mehrheitsfähig», so Eichenberger. (awp/mc/ps)

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