Hans-Kaspar Scherrer, CEO IBAarau AG, im Interview

Hans-Kaspar Scherrer
Hans-Kaspar Scherrer, CEO IBAarau AG. (Foto: IBAarau)

Hans-Kaspar Scherrer, CEO IBAarau AG. (Foto: IBAarau)

von Robert Jakob

Moneycab.com: Herr Scherrer, mit Wertschriften schaffte die IBAarau in den letzten beiden Jahren jeweils über 8 Prozent Rendite. Sind sie jetzt auch eine Bank?

Hans-Kaspar Scherrer: Nein, wir sind keine Bank: Wir haben aber in guten Zeiten das Geld für die Erneuerung des Wasserkraftwerkes angespart und angelegt. Damit können wir in den kommenden Jahren nun das 120-jährige Aare-Kraftwerk trotz des tiefen Strompreises erneuern und für die nächsten 68 Jahre Betrieb ausrüsten. Entsprechend den Investitionen in die Kraftwerkserneuerung werden also unsere Wertschriften abgebaut werden.

Solarenergie macht rund ein Prozent Ihrer Stromproduktion aus. Das ist ein Tropfen auf dem gesamten Energiemix. Welcher zukünftige Anteil ist realistisch?

Gemäss Energieszenario „Politische Massnahmen“ der Energiestrategie 2050 des Bundes sind im Jahr 2050 rund 14 Milliarden Kilowattstunden Energieproduktion aus Photovoltaik bei einem Verbrauch von 66 Milliarden Kilowattstunden geplant, also über 21%. Ich gehe davon aus, dass der Anteil der Stromerzeugung aus Photovoltaik im Bereich von 10% liegen wird. Solarstrom im Sommer führt zu einem erhöhten Stromüberschuss in einer Jahreszeit, in der wir aufgrund unserer hohen Wasserkraftproduktion keine zusätzliche Produktion benötigen. Solange wir keine saisonalen Speichermöglichkeiten mit zusätzlichen saisonalen Pumpspeicherseen oder Anlagen zur Umwandlung von Strom zu Wasserstoff und Methan (Power-to-Gas) haben, produzieren wir mit teurem Fördergeld für die Halde resp. die Weichenheizungen.

„Wir haben derzeit über 30 Solarblumen geliefert und installiert, weit über 100 Offerten sind in Bearbeitung.“
Hans-Kaspar Scherrer, CEO IBAarau AG

Die IBAarau Elektro AG vertreibt als Installateurdienstleister auch die österreichische smartflower POP. Wieviele der rund 15000 Franken teuren Kleinsolaranlagen für Privathaushalte haben Sie denn bisher verpflanzen können?

Wir haben derzeit über 30 Solarblumen geliefert und installiert, weit über 100 Offerten sind in Bearbeitung. Da in der Schweiz für mobile Anlagen wie die Smartflower ähnliche Bewilligungsunterlagen wie für fest installierte Photovoltaik-Anlagen erstellt werden müssen, dauert die Installation einer Smartflower etwas Zeit und kostet manchmal auch Nerven, vor allem bei der ersten Installation in einer Gemeinde oder Stadt. Die Smartflower ist ein innovatives Photovoltaikprodukt, das gegenüber einer konventionellen, fest installierten Anlage eine um 50% Grad höhere Stromausbeute bei gleicher Fläche erlaubt. Wie bei den anderen erneuerbaren Energieproduktionsanlagen müssen wir uns auch hier wieder den Weg zu einer Baubewilligung mal für mal erkämpfen, obschon die Anlage sehr einfach zu montieren und demontieren ist.

Wo sollte denn der Preis einer privaten Solaranlage bald liegen, damit sich eine Installation nicht nur für das gute Gewissen, sondern auch im Geldbeutel rechnet?

Die Eigenproduktion von privaten Anlagen kann als Eigenverbrauch angerechnet werden, sofern Produktion und Verbrauch zu gleichen Zeit anfallen. Sind die Produktionskosten der PV-Anlage unter 16-18 Rappen pro Kilowattstunde, kann eine grössere oder kostengünstig aufgestellte PV-Anlage bereits heute ohne Fördergeld rentabel sein. Mit preiswerteren Speichern kann in Zukunft die Eigenverbrauchsmenge noch erhöht werden, indem der Überschuss der Mittagsproduktion bis zum Abend oder bis zur Nacht gespeichert werden kann. Für die saisonale Speicherung braucht es aber noch andere Ansätze, da genügen die kleinen Haushaltsspeicher nicht. Mit dem Einmal-Förderbeitrag bei kleineren Photovoltaikanlagen und der KEV-Fördergelder für die Anlagen über 30kWp-Leistung wird die Wirtschaftlichkeit der Anlagen noch zusätzlich erhöht.

Welches Ihrer alternativen Stromliefermodelle hat denn im Moment die grösste Zuwachsrate: Solar, Swan oder Eagle Power?

Eagle Power, unser Strom aus Aarauer Wasserkraft, der nach TÜV EE02 zertifiziert ist, findet mit Abstand den grössten Absatz (Anteil am Oekostrom-Absatz bei über 90 Prozent) und auch die grösste Zuwachsrate, ist aber mit einem Mehrpreis von einem Rappen pro kWh auch das günstigste Oekostrom-Produkt. Derzeit wählen 7.8 Prozent unserer Kunden eines unserer Oeko-Angebote als Stromprodukt. Unser Ziel ist es bis 2020 eine Steigerung auf einen Anteil von 20 Prozent zu erreichen. Der Anteil von Solarstrom oder Swan Power, ein Mix aus Wasserkraft, Wind und Sonne, liegt derzeit bei 2 Prozent des Oekostrom Absatzes.

2014 wurden die Investitionen der IBAarau Trinkwasser AG quersubventioniert. Ist Ihr Verteilsystem jetzt à jour?

Die Trinkwasserversorgung weist seit 1994 konstante Tarife auf. Operativ wird immer noch ein kleiner Gewinn erwirtschaftet, der derzeit keine Tarifanpassungen erlaubt. Mit dem Ersatzbau des Reservoirs Gönhard kommen neue Investitionen auf die Trinkwasserversorgung zu. Allerdings profitieren wir derzeit auch von Lieferungen an die Nachbargemeinde Schönenwerd, was zu zusätzlichen Einnahmen führt. Es kann also durchaus noch ein paar Jahre dauern, bis die Trinkwassergebühren angehoben werden müssen.

„In den nächsten 7 Jahren werden wir zusätzlich zu den „regulären“ Erneuerungs-Investitionen 200 Millionen Franken investieren.“

Die Umweltschützer fordern nochmals verbesserte Fischwanderungs-Lösungen an Ihrem Laufkraftwerk an der Aare. Dadurch verzögern sich die benötigten Umbauarbeiten. Ist so etwas nicht kontraproduktiv?

Aus unserer Sicht schon. Solange wir mit der bestehenden Anlage weiterproduzieren dürfen, ist zumindest kein direkter finanzieller Schaden vorhanden. Ein Gerichtsentscheid mit weitergehenden Forderungen an die bereits sehr vorteilhafte Abstiegslösung durch die neuen langsamlaufenden Turbinen kann jedoch zu massiven Mehrkosten und einer umfassenden Überarbeitung oder sogar Neuerarbeitung des Projekts führen. Unabhängig aller Diskussionen und Verfahren wird so oder so jeder Kraftwerksbetreiber die Fischfreundlichkeit seiner Komponenten und Anlagen laufend dem Stand der Technik anpassen müssen. Lassen sich also in 10 Jahren Fischlenkungsmassnahmen oder andere Verbesserungen erfolgreich einsetzen, wird auch die IBAarau solche Lösungen nachbauen.

Wasserkraft ist die umwelttechnisch idealste Stromlösung. Aber die Schweiz ist leider punkto Wasserkraft bereits reichlich zugebaut. Können technische Neuerungen da irgendwo für mehr Gigawatt sorgen?

Beim Wasserkraftwerk Aarau planen wir dank zahlreicher Massnahmen und Optimierungen eine Produktionssteigerung von 17 Prozent, dies trotz Verdoppelung der Restwassermenge. Womit bewiesen ist, dass wir auch die bestehenden Kapazitäten noch optimieren können. Ein Zubau an neuen Wasserkraftwerksstandorten ist aber nicht realistisch. Ohne Versorgungsnot wird die Landschaft und der Gewässerschutz heute als wichtiger erachtet gegenüber der erneuerbaren ganzjährigen Stromproduktion.

Rund 50 Millionen betrug das gesamte Investitionsvolumen der IBAarau AG. Wird es in den nächsten Jahren weiter zunehmen?

Wir gehen derzeit aufgrund unserer Grossprojekte Neubau Werkhof und Bürogebäude, Kraftwerkserneuerung und Ausbau Wärme-/Kältenetze in Aarau von rund 200 Millionen Franken aus, welche wir in den nächsten 7 Jahren zusätzlich zu den „regulären“ Erneuerungsinvestitionen in unsere Netze investieren werden. Wir werden dementsprechend in den nächsten Jahren weiterhin jährliche Investitionen von 50-60 Millionen Franken tätigen. Gut die Hälfte dieser Investitionen können wir aus eigenen Mitteln (Finanzanlagen und Gewinnanteile) finanzieren, den Rest finanzieren wir über Darlehen.

„Dass wir nebst Wärme auch noch Kälte liefern können, entpuppt sich an vielen Orten als wertvoller Türöffner.“

Im Aargauer Torfeld betreiben Sie neu eine Wärme/Kälte-Verbundanlage auf Basis Wärmepumpe mit zusätzlicher Gasheizung für die Spitzenlastzeiten. Gehört solchen Huckepacklösungen die Zukunft der Energieversorgung?

Mit dem Energieplan der Stadt Aarau haben die Stimmbürger der Stadt Aarau einem ehrgeizigen CO2-Absenkungsregime zugestimmt, bei dessen Umsetzung nun der IBAarau eine Schlüsselrolle zukommt. Mit den Wärme-/Kältenetzen der ersten Ausbauetappe kann ein Viertel des Wärmebedarfs der Stadt Aarau von 400 Millionen Kilowattstunden innert weniger Jahre auf erneuerbare Energieträger umgestellt werden. Dass wir nebst Wärme auch noch Kälte liefern können, entpuppt sich an vielen Orten als wertvoller Türöffner, kämpfen doch immer mehr gut gedämmte Gebäude im Sommer mit Kühlungsproblemen.

Gerade in dicht überbauten Städten kann durch den Einsatz von Fernwärme und auch Fernkälte der Ersatz von Öl- und Gasheizungen rasch und vor allem sehr umweltschonend umgesetzt werden. Rund 85 Prozent der gelieferten Energie ist erneuerbar und wird aus erneuerbarem Strom und Grundwasser produziert. Als Redundanzlösung und an extrem kalten Wintertagen kann der Gas-Spitzenlastkessel den Wärmeverbund unterstützen und zusätzliche Heizenergie einspeisen.

Zur Person:
Der Schweizer Hans-Kaspar Scherrer ist verheiratet und hat drei Kinder. Der Reservist im Range eines Hauptmanns studierte Maschinenbau mit Vertiefung Mechanik und Regelungstechnik (1982-1987) an der ETH Zürich, wo er auch 1993 am Institut für Robotik mit einer Arbeit über eine Sensorhand für intelligentes Greifen mit Robotern promovierte. Seine Berufskarriere startete Hans-Kaspar Scherrer bei ABB ehe er 2006 Chef der Andritz-3Sys AG (Umwelttechnologie, Klärschlammtrocknung) in Wohlen wurde. Seit 2009 ist er CEO der IBAarau. Er ist Miglied verschiedenster Verwaltungsräte, u.a. amtet er als Präsident von Swisspower. Hans-Kaspar Scherrer ist passionierter Rad- und Motorradfahrer.

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