Kann die Schweizer Wirtschaft die EUR/CHF-Parität bald verkraften?

Kann die Schweizer Wirtschaft die EUR/CHF-Parität bald verkraften?
(Bild: Schlierner / Adobe Stock)

Zürich – Die Ökonomen der Credit Suisse belassen ihre Prognose für das Schweizer Wirtschaftswachstum 2019 bei 1,5%. Der Privatkonsum bleibt vergleichsweise solide, auch weil die Zuwanderung wieder etwas anzieht. Die Industrie wird sich jedoch nach einem guten Start ins laufende Jahr mit einer schwachen Nachfrage konfrontiert sehen. Wie die heute veröffentlichte Ausgabe des «Monitor Schweiz» aufzeigt, muss die Industrie zudem längerfristig mit einem Trend Richtung EUR/CHF-Parität rechnen. Dafür sind die einzelnen Branchen heute jedoch unterschiedlich gut gerüstet. Nicht zuletzt deshalb ist davon auszugehen, dass sich die Schweizerische Nationalbank in nächster Zeit weiterhin einer CHF-Aufwertung widersetzen wird. Die Ökonomen der Credit Suisse erachten dabei eine Zinssenkung als eher unwahrscheinlich, rechnen hingegen mit punktuellen Interventionen am Devisenmarkt.

Die Schweizer Wirtschaft ist stark ins Jahr 2019 gestartet – der Ausblick ist gemäss den Ökonomen der Credit Suisse aber verhaltener. So dürfte sich das Exportwachstum im weiteren Jahresverlauf abschwächen. Da eine verhaltene Exportnachfrage in der Regel mit einer flauen Investitionsneigung einhergeht, sind auch vonseiten der Ausrüstungsinvestitionen keine zusätzlichen Wachstumsimpulse zu erwarten. Gleichzeitig dürften steigende Leerstände am Mietwohnungsmarkt das Wachstum der Bauinvestitionen dämpfen. Weiterhin vergleichsweise komfortabel präsentiert sich die Ausgangslage für den privaten Konsum: Die nach wie vor gute Arbeitsmarktlage und die leicht stärkere Zuwanderung wirken bis auf weiteres stützend. Das dynamische Konsumwachstum wird aber den nachlassenden Schwung der Exportwirtschaft nicht kompensieren können, weshalb sich das Wirtschaftswachstum gemäss Prognose der Credit Suisse insgesamt abschwächen wird.

Rückkehr zu positiven Zinsen in weiter Zukunft
In einem global unsicheren Umfeld und angesichts der Andeutungen sowohl der US-Notenbank Fed wie auch der Europäischen Zentralbank, dass die Geldpolitik eher weiter gelockert als gestrafft werden könnte, scheint es auch längerfristig zunehmend unwahrscheinlich, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Zinsen erhöhen wird. Unwahrscheinlich scheint jedoch auch eine weitere Zinssenkung, wenngleich hier gemäss den Ökonomen der Credit Suisse noch etwas Spielraum besteht. Wahrscheinlicher sind punktuelle Interventionen am Devisenmarkt, um allfälligen Aufwertungsdruck auf den Franken zu dämpfen. Die SNB wird die Schweizer Exportindustrie vorerst kaum einem erneuten Wechselkursschock aussetzen wollen.

Der Mythos des fortwährend zu teuren Frankens
Wie die Ökonomen der Credit Suisse im Fokusartikel der Studie aufzeigen, ist jedoch über einen längeren Zeithorizont durchaus mit einer weiteren Aufwertung des Frankens zum Euro zu rechnen. Die Wechselkursmodelle der Credit Suisse signalisieren derzeit nur eine leichte Überbewertung gegenüber dem Euro. Die ökonomischen Treiber, eine tiefere Teuerung und ein hoher Aussenbilanzüberschuss, deuten auf eine Fortsetzung des langjährigen Aufwertungstrends hin. Ein überbewerteter Franken gegenüber dem Euro ist gemäss den Analysen der Credit Suisse indes ein relativ neues Phänomen: Zwischen 2003 und 2010 lag der EUR/CHF-Kurs gemäss Berechnungen der Credit Suisse deutlich höher, als gemäss damaligem Fair Value eigentlich angemessen gewesen wäre. Der Franken war folglich gegenüber dem Euro jahrelang unterbewertet, und die Schweizer Wirtschaft fand in diesem Zeitraum ungemein günstige Währungsbedingungen vor. Ein Teil der Kapazitäten, die jüngst unter dem Druck des überbewerteten Frankens abgebaut werden mussten, ist wohl in diesen günstigen Jahren aufgebaut worden. Gemäss der Einschätzung der Credit Suisse Ökonomen war es demnach auch nicht die moderate Überbewertung an sich, welche die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft überstrapazierte, sondern der abrupte Wechsel von einer Unterbewertung des Frankens, hin zu einer Überbewertung.

Für Mehrheit der Branchen ist der Franken immer noch überbewertet
Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht dürfte selbst ein Schweizer Franken, auf Paritätsniveau zum Euro, in rund fünf Jahren nicht mehr als deutlich überbewertet gelten. Eine branchenspezifische Betrachtung der Ökonomen der Credit Suisse zeigt jedoch, dass für die meisten Branchen selbst der heutige Wechselkurs eindeutig zu teuer ist. Die Anpassung an den zu schwachen Euro ist je nach Industriebranche unterschiedlich weit fortgeschritten. Gemäss den Analysen der Credit Suisse steht die Pharmaindustrie in dieser Hinsicht insgesamt am besten da: Ihr branchenspezifischer EUR/CHF-Fair Value ist nicht mehr überbewertet, ihre Abhängigkeit gegenüber dem Euroraum ist gering und sie verfügt über eine grosse Preissetzungsmacht. Ähnlich vorteilhaft präsentiert sich die Situation der Uhrenindustrie. Die Schweizer Maschinenbauer sind gemäss den Ökonomen der Credit Suisse zwar nach wie vor mit einer Überbewertung konfrontiert, doch scheint ihre Preissetzungsmacht verhältnismässig hoch, während sie global vergleichsweise gut diversifiziert sind. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so positiv, ist die Ausgangslage für die Elektrotechnik.

Weitere Verlagerungen in „traditionellen“ Industriebranchen zu erwarten
Ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit beinahe zurückgewonnen haben gemäss der Credit Suisse Analyse die Chemie- und die Metallindustrie. Beide verfügen aber über eine etwas geringere Preissetzungsmacht als die vorstehend genannten Branchen. Die Metallindustrie ist zudem stark europazentriert. Schwieriger ist die Lage für Teile der Nahrungsmittel-, Textil-, Fahrzeug- und Lebensmittelindustrie sowie generell für die Branchen Papier und Kunststoff. Hier ist entweder die Preissetzungsmacht gering, die Überbewertung hoch oder der Euroraum dominant (oder es ist sogar eine Kombination mehrerer dieser Faktoren zu finden). In diesen Branchen ist deshalb gemäss den Ökonomen der Credit Suisse auch eine weitere Verlagerung der Tätigkeit ins Ausland zu erwarten. Es sei denn, sie können die Auswirkungen des preislichen Wettbewerbs ausgleichen, indem sie weniger preissensible Nischenprodukte entwickeln und damit ihre Marktposition verbessern. (Credit Suisse/mc/ps)

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