LGT Kommentar: „Sell in May, Go Away“?

Mikio Kumada
Mikio Kumada. Global Strategist, LGT Capital Management.

Mikio Kumada.

Von Mikio Kumada, Global Strategist LGT Capital Management

Es ist bald Mai. Das Gerede von «sell in May, go away» ist damit vorprogrammiert. Für kurzfristig orientierte Händler können solche saisonalen «Börsenweisheiten» einen gewissen Sinn ergeben und dem einen oder anderen Portfoliomanager mag das Mikrotiming von Preisschwankungen gelegentlich auch zu gelingen. Wer aber in Zeiten einer Hausse solchen «Regeln» zu viel Beachtung schenkt, riskiert grundsätzlich Opportunitäts- und Performanceverluste.

Nur weil etwas immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt wird, muss es nicht wahr sein. Dazu gehört auch der alte Börsenspruch «sell in May, go away» sowie sein Nachtrag «…but remember to come back in September». Einem Realitätstest hält diese «Börsenregel» nämlich nicht ganz bzw. nur bedingt stand.

Der Mai ist ein «durchschnittlicher» Performancemonat
Betrachten wir zunächst die Bewegungen des S&P 500 in den letzten 65 Jahren im Mai. Der Einfachheit halber ignorieren wir die Dividenden. Seit 1949 hat das US-Barometer 28 Mal (also in 43% der Fälle) Kursverluste im Mai verbucht. Das ist sehr nahe am Median für alle Monate (27 Mal), wobei die Werte zwischen 18 und 32 schwanken. Der Medianwert der Performance für die ersten 30 Tage nach dem 1. Mai beträgt 0.9% und ist damit ebenfalls nicht viel tiefer als der Median für alle Monate, welcher bei 1.1% liegt. Historisch gesehen ist der Mai also eher im Performancemittelfeld.

August und September neigen eher zur Schwäche
Der Spruch ist aber insofern korrekt, als dass die Aktienkurse in jedem der vier nachfolgenden Monate, von Juni bis September, etwas öfter zu Verlusten tendieren: Dies war in den letzten 65 Jahren im Juni 30 Mal der Fall, im Juli 28, August 31 und für September 32 Mal. Der Median der Monatsperformance liegt für diese Monate zwischen 0% (September) und 0.8% (Juni). Die Börse erlebt also eine Art «Sommerloch». Dazu kommt, dass es danach häufiger zu «Jahresendrallyes» kommt. Kurzfristig orientierte Anleger, die am 1. Mai immer ihre Aktien verkaufen, könnten daher mit guter Wahrscheinlichkeit dieser potenziellen Schwächephase systematisch aus dem Weg gehen.

Saisonale Regeln als Handlungsanleitungen dennoch nicht sehr hilfreich
Für langfristig orientierte Investoren, die eine gewisse Schwankungstoleranz haben, ist diese Regel als Handlungsanleitung dennoch nicht wirklich hilfreich. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in der Praxis im Mai immer wieder zum idealen Zeitpunkt «aussteigt» und dann im September nochmals den idealen Wiedereinstiegspunkt erwischt, ist sehr tief. Eine systematisch erfolgreiche Anlagestrategie lässt sich aus dieser Börsenweisheit daher kaum schmieden. So dürften auf Dauer Opportunitätsverluste (z.B. späterer Einstieg zu einem höheren Kurs) und Transaktionskosten überwiegen.

Wer ruhigen Blutes «dabei» bleibt, fährt oft besser
Dazu kommt, dass selbst wenn die Zeit von Mai bis September tatsächlich mal schwach ausfallen sollten, die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass sich die Märkte bis Ende Jahr wieder erholen. Seit 1949 hat der S&P 500 zwischen dem 1. Mai und 31. Dezember in 70% der Fälle Kursgewinne verbucht, wobei der Mittelwert der Kursgewinne bei 5.8% (8.8% p.a.) liegt. Die Werte für die Zeit vom 30. September bis 31. Dezember liegen bei 78% bzw. 5% (21.9% p.a.). Auf Basis der annualisierten Performance scheint der Börsenspruch also wieder zu stimmen.

In der Praxis könnte er aber trotzdem ebenso gut «don’t sell in May, just remember to stay long through December» lauten. Denn wer am 1. Mai verkauft, dem «entgehen» die bis Ende September anlaufenden Kursgewinne von im Schnitt 2.5%. So dürfte auf Dauer der Anleger, der die ganze Zeit hindurch im Markt investiert bleibt, doch besser fahren. Während klassischer Aktienhaussen sollten saisonale Muster ausserdem mit zusätzlicher Skepsis betrachtet werden – insbesondere in einem Umfeld ohne übertrieben hohe Aktienbewertungen, mit unterschätztem Gewinnwachstum und einem gleichzeitig stattfindenden zyklischen Aufschwung in den meisten entwickelten Volkswirtschaften.

Die Historie zeigt: Im Mai sollte man eher investiert bleiben oder kaufen
Die Kursveränderung des S&P 500 während ausgewählter Zeiträume nach dem 1. Mai seit 1949 zeigt, dass die Median-Performance für alle Perioden positiv ist. Die Performance in den ersten 30 und 60 Tagen nach dem ersten Mai ist allerdings vergleichsweise häufig negativ (in 43% bis 46% der Fälle). Am nächsthäufigsten sind Verluste in der Mai-September-Periode (35.4%). Dennoch, die Kernbotschaft lautet: Die profitabelste Vorgehensweise ist wahrscheinlich jene, welche den Spruch «ignoriert» und am 1. Mai in Aktien investiert bleibt (oder zukauft) und bis Ende Jahr nicht aussteigt: Denn wer am 1. Mai tatsächlich verkauft, dem «entgehen» à la Longue die knapp 2.5%, die im Schnitt zwischen Mai und September erzielt werden.

Saisonales Muster auch im letzten Jahrzehnt nicht sehr stark ausgeprägt
Die Kursentwicklung des MSCI World Index in der Zeit vom 1. Mai bis zum 31. Mai zeigt in jedem der vergangenen zehn Jahre, dass das Ergebnis auch in diesem kleineren Zeitfenster von «nur» einem Jahrzehnt durchaus vergleichbar ist mit den oben genannten Ergebnissen aus 65 Jahren für den S&P 500. Der Weltaktienindex hat seit 2004 nur in zwei von zehn Fällen über den Zeitraum vom 1. Mai bis 31. Dezember Verluste ausgewiesen – im Krisenjahr 2008 und 2011 (als das Kreditrating der USA im Zuge des politischen Haushaltsstreits herabgestuft wurde und die «Eurokrise» zu eskalieren schien). Damit zeigt sich, dass dieses vermeintliche saisonale Schwächemuster insbesondere im Rahmen einer intakten Hausse in den meisten Fällen stark relativiert werden kann und muss.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.