LGT: Ölpreis fundamental nicht gerechtfertigt

Bayram Dincer
Bayram Dincer, Rohstoff Analyst LGT Capital Management.

Bayram Dincer, Rohstoff-Analyst LGT.

Pfäffikon – Der in einigen europäischen Ländern geführten Diskussion um überhöhte Benzinpreise könnte zwischenzeitlich der Wind aus den Segeln genommen werden. Die gegenwärtig hohen Ölpreise sind durch fundamentale Daten nicht gerechtfertigt.

Die Öl- und damit auch die Benzinpreise sollten daher zurückgehen, sobald der Konflikt um das iranische Atomprogramm in eine Phase der Entspannung mündet. Die LGT Capital Management rechnet mit einer Normalisierung und einem Rückgang der Risikoprämie beim Erdöl.

Das geopolitische Risikoszenario dominiert den Ölpreis
Unter Berücksichtigung der fundamentalen Marktdaten lässt sich der weiterhin hohe Ölpreis nicht erklären. Die hohen Preise am Ölmarkt sind vielmehr vor allem dem geopolitischen Konflikt um das iranische Atomprogramm geschuldet. Aus Sicht der LGT Capital Management sollte der Konflikt in absehbarer Zeit allerdings nicht militärisch eskalieren. Im Gegenteil: Mit den Istanbul-Gesprächen zwischen dem Iran und den involvierten internationalen Playern (5 +1-Gruppe) sind die Konfliktparteien nach einer Phase des Säbelrasselns einen ersten Schritt aufeinander zugegangen. Sowohl der Iran als auch die 5+1-Gruppe bewerteten das Treffen positiv. In der Atomfrage gab es eine zaghafte Annäherung, die nach Jahren des Streits als Erfolg gewertet werden kann. Eine Fortsetzung der Gespräche wurde für den 23. Mai in Bagdad vereinbart.

Aktuelle Skepsis übertrieben
Der Markt hat auf diese Gesprächsoffensive bisher nur sehr schwach reagiert. Die Preise für Öl der Sorten Brent und WTI befinden sich nach wie vor in luftigen Höhen. Noch sind die Markteinehmer von einer Entspannung nicht wirklich überzeugt. Diese Skepsis teilen wir nicht. Vielmehr geht die LGT Capital Management von einer Normalisierung der Situation in den kommenden Wochen aus. Sollte sich dies realisieren, könnte der Ölpreis um zehn Prozent fallen. Das Interesse der involvierten Parteien an einer Einigung sollte letztendlich grösser sein, als eine Fortführung des Konflikts mit militärischen Mitteln. Ein Anhalten der Spannungen nutzt weder dem Iran noch den westlichen Industriestaaten. So sanken nach Angaben der IEA die täglichen Ölexporte des Iran infolge der Krise von 2,6 auf 2,0 Fass. Eine Verschärfung des Konflikts passt zudem nicht in die fragile Lage der Weltwirtschaft. Weiter steigende Rohölpreise wären Gift für die Volkswirtschaften. Als vorbeugende Massnahmen wird daher bereits über eine Freigabe der strategischen Erdölreserven spekuliert, damit sich die Erdölpreise und die Situation auf dem internationalen Erdölmarkt kurzfristig entspannen.

Hohe Benzinkosten erhöhen den Druck auf die Politik
In den USA befindet sich Präsident Barak Obama im Wahlkampf. Obwohl er eine militärische Option ausdrücklich nicht ausschliesst, beinhaltet die Rolle als „Peacemaker“ die grössten politischen Chancen. Politischer Druck kommt zudem von den amerikanischen Autofahreren, die an den Tankstellen inzwischen Preise von rund vier Dollar pro Gallone bezahlen müssen. Auch in Europa sind die hohen Benzinpreise ein Thema, das die Politik beschäftigt. Wenngleich Gegenmassnahmen einstweilen vor allem mit Blick auf die Mineralölindustrie diskutiert werden, besteht darüber hinaus jedoch ein vitales Interesse daran, die Ölpreise insbesondere über eine Entschärfung des Iran-Konflikts nach unten zu bringen. Auch dieser Aspekt dürfte für zusätzlichen Verhandlungsdruck sorgen. (LGT/mc/hfu)

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