Lucas Betschart, Präsident Bitcoin Association Switzerland, im Interview

Lucas Betschart
Lucas Betschart, Präsident Bitcoin Association Switzerland. (Foto: zvg)

von Patrick Gunti

Moneycab.com: Herr Betschart, kein Tag ohne spektakuläre Kurssprünge des Bitcoins, kein Tag, ohne neue Entwicklungen und kein Tag ohne Kritiken und Warnungen. Wie beurteilen Sie den aktuellen Hype um die Digitalwährung?

Lucas Betschart: Der Hype erzeugt kurzfristig enorme Kurssprünge, was Spekulanten anzieht. Langfristig jedoch, wenn sich der Preis wieder normalisiert, werden nur diejenigen Investoren übrig bleiben, die von der Idee hinter Bitcoin überzeugt sind. Wie jeder der vorangegangenen Hypes um Bitcoin führt auch dieser zu einer schnelleren technologischer Entwicklung und Adaption von Bitcoin. Dies wird ihn langfristig zu einer echten Alternative zu traditionellen Währungen machen, und nicht nur als Kurzzeit-Investment.

Welches waren die wichtigsten Treiber des rasanten Kursanstiegs seit Jahresbeginn?

Das erhöhte Interesse von HNWIs führte dazu, dass erste Finanzinstitute, wie in der Schweiz Vontobel, Leonteq, Falcon und Swissquote, Bitcoin-Produkte anbieten, was zur Legitimation von Bitcoin beigetragen hat. Dies bewirkte zusammen mit dem steigenden Interesse der Medien einen Kursanstieg, was wiederum zu mehr Interesse durch die Medien führt und mehr neue Investoren zu Bitcoin bringt. Es entsteht eine Aufwärtsspirale.

Sie sind auch Gründer der Consulting Firma Blockchain Source. Blockchain ist die Technologie hinter Bitcoin, inwieweit hat diese sich zuletzt verändert – auch hinsichtlich der Gefahr, gehackt zu werden?

Die Blockchain-Technologie findet auch ausserhalb von Bitcoin Verwendung, wenn auch erst im experimentellen Stadium. Daran hat sich auch in den letzten Monaten eher wenig geändert. Die Gefahr einer Blockchain, gehackt zu werden, hängt von deren Implementierung ab. Da die Bitcoin-Blockchain sich nur auf das Senden von Bitcoins fokussiert und keine komplexen Features für andere Anwendungsfälle bereitstellt, gilt sie als sehr sicher und wurde noch nie gehackt. Generell gilt: umso komplexer eine Blockchain (oder deren Smart Contracts) ist, desto höher das Risiko eines Hacks.

Der Energieverbrauch ist enorm. Experten berechnen den Stromverbrauch durch das Bitcoin-System auf derzeit 32,5 Terawattstunden im Jahr. Wie kommt es zu diesen enormen Werten?

Der Energieverbrauch ergibt sich aus dem Bitcoin-Mining. Dabei berechnen tausende von Spezial-Computer mathematische Rätsel, um neue Bitcoins zu generieren und das Bitcoin-System abzusichern. Mining ermöglicht erst das dezentrale System hinter Bitcoin, in dem es die finanziellen Anreize, um gegen das System zu handeln, extrem teuer macht und in der Praxis verunmöglicht.

„Bitcoin-Futures sind der erste Schritt, um Bitcoin in das traditionelle Finanzsystem zu integrieren.“
Lucas Betschart, Präsident Bitcoin Association Switzerland

Seit Anfang letzter Woche gibt es an der US-Börse CBOE den ersten Future auf den Bitcoin an einem von der Aufsicht regulierten Handelsplatz. Einerseits können sich dadurch Käufer und Verkäufer gegen Preisschwankungen absichern, andererseits sind auch Spekulationen auf Kursentwicklungen möglich. Welche Bedeutung hat der Schritt aus Ihrer Sicht?

Bitcoin-Futures sind der erste Schritt, um Bitcoin in das traditionelle Finanzsystem zu integrieren. Ich rechne damit, dass in den kommenden Monaten auch die ersten Bitcoin ETFs in den USA zugelassen werden. Beides führt voraussichtlich zu einer Stabilisierung des Preises.

Für welche Investoren ist der Bitcoin interessant?

Generell gilt: Man sollte nicht mehr in Bitcoin investieren als soviel, wie man gewillt ist zu verlieren. Bitcoin ist ein Hochrisiko-Investment. Vor allem IT-Investoren, wie die Self-Made-Milliardäre Peter Thiel (Paypal, Facebook) und Mark Cuban (MicroSolutions, Broadcast.com) sehen ein grosses Potential in Bitcoin. Doch auch Mark Cuban meint: „Only invest if you’re prepared to lose your money.“ – ein Ratschlag, der natürlich auch für andere risikoreiche Investments gilt. Da der Bitcoin-Preis bis jetzt nicht mit anderen Investments korreliert, kann man Bitcoins auch als Hedge einsetzen. Jedoch sollte Bitcoin nur kaufen, wer sich damit auseinandergesetzt hat und die Chancen und Risiken versteht.

Und für was können Bitcoins überhaupt verwendet werden?

Heute werden Bitcoins hauptsächlich zur Wertaufbewahrung verwendet. Gerade in Ländern, die unter starker Inflation leiden, ist Bitcoin eine attraktive Alternative. Im Alltag findet Bitcoin hauptsächlich dort Verwendung, wo seine Pseudonymität von Vorteil ist, wie dem Bezahlen im Internet. Dies ermöglicht es online einzukaufen, ohne die Kreditkarte und andere persönliche Informationen preiszugeben. Mittlerweile kann man online so ziemlich alles für Bitcoins kaufen, von Pizza über eine Hotelbuchung bis zum Tandemflug.

„Gerade in Ländern, die unter starker Inflation leiden, ist Bitcoin eine attraktive Alternative.“

Die „Welt“ berichtete vergangene Woche, dass gerade einmal 112 Investoren knapp 20 Prozent aller Bitcoins besitzen. Diese Machtkonzentration könnte Manipulationen Tür und Tor öffnen…

Die Aussage basiert auf der falschen Annahme, dass man von der Anzahl Bitcoins auf einer Bitcoin-Adresse auf deren Besitzer zurückschliessen kann. Eine Bitcoin-Adresse kann jedoch Bitcoins beinhalten, die mehreren Investoren gehören, wie das bei Börsen und diversen Web-Wallet-Anbietern der Fall ist. Umgekehrt kann ein Investor mehrere tausend Adressen generieren und seine Bitcoins auf diese aufteilen.

An Warnungen fehlt es nicht – oft ist von einer Blase die Rede. Teilen Sie diese Ängste?

Kurzfristig ja. Egal ob im Restaurant oder im Zug, ich hör immer mehr Leute darüber sprechen, Bitcoins zu kaufen, ohne dass sie sich genügend damit auseinander gesetzt haben. Langfristig seh ich das Potenzial von Bitcoin als native Wahrung des Internets jedoch als sehr gross.

Geht es um Kryptowährungen ist meist vom Bitcoin die Rede, oder noch vom Ethereum. Es gibt aber etwa 1300 Kryptowährungen. Wieso diese hohe Anzahl?

Es ist sehr einfach, basierend auf der Technologie von Bitcoin oder Ethereum eine neue, eigene Kryptowährung zu erstellen. Langfristig nachhaltig sind jedoch nur die wenigsten, da für die kontinuierliche Entwicklung einer Kryptowährung viel Knowhow und Manpower notwendig ist. Viele der in den letzten sechs Jahren gelaunchten Kryptowährungen sind heute verwaist und werden von niemandem mehr aktiv betreut.

„Bitcoin ist die älteste Kryptowährungen. Sie läuft seit mehr als neun Jahren ohne Unterbrechung – eine kleine Sensation für ein IT-System.“

Der Wert aller Kryptowährungen weist mittlerweile einen Wert von über einer halben Billion Dollar auf. Rund die Hälfte davon entfällt auf den Bitcoin. Wie unterscheidet sich der Bitcoin von anderen Kryptowährungen?

Bitcoin ist die älteste Kryptowährungen. Sie läuft seit mehr als neun Jahren ohne Unterbrechung – eine kleine Sensation für ein IT-System. Deshalb vertrauen die Investoren darauf, dass sie auch weiterhin funktioniert. Auch hat Bitcoin mit mehr als 500 Entwicklern und Kryptografen die mit Abstand grösste Anzahl Beitragender, was dessen langfristiges Bestehen sichert. 90% der anderen Kryptowährungen werden nur gegen Bitcoin gehandelt, was Bitcoin zu einer Art Leitwährung in der Kryptowelt macht, ähnlich der Stellung des US-Dollar auf den internationalen Finanzmärkten.

Ihre Firma ist in Zug im sogenannten „Crypto Valley“ angesiedelt. Welche Rolle spielt die Schweiz im Zusammenhang mit Kryptowährungen?

Dank positivem regulatorischem Umfeld haben sich viele Firmen in Zug angesiedelt, jedoch findet die technologische Entwicklung weiterhin auf der ganzen Welt verteilt statt. Wie Bitcoin selbst ist auch dessen Entwicklung dezentral.

Aktuelle Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Bitcoin und anderen Kryptowährungen sind meist in kürzester Zeit überholt. Dennoch – wagen wir einen Blick ins kommende Jahr: Wie gehts Ihrer Meinung nach weiter?

Mit der Entwicklung von Lightning und anderen 2nd Layer-Technologien wird das Skalierungsproblem von Bitcoin im kommenden Jahr gelöst. Dies ermöglicht, Millionen von Transaktionen pro Sekunde zu den Kosten von wenigen Rappen zu versenden, was Bitcoin zur echten Alternative als Zahlungsmittel im Alltag und online macht. Der Preis wird sich weiterhin in eine der beiden Richtungen bewegen – ausser er geht seitwärts (lacht).

Herr Betschart, herzlichen Dank für das Interview.

Zur Person:
Lucas Betschart ist Gründer der Technologie-Beratunsfirma Blockchain Source sowie Präsident der Bitcoin Association Switzerland. Er ist Gast-Dozent zum Thema Bitcoin und Blockchain an der Hochschule Luzern, der Hochschule für Wirtschaft Zürich sowie Organisator und Redner an Events und Konferenzen in der ganzen Welt.

Bitcoin Association Switzerland

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