Marianne Wildi, CEO Hypothekarbank Lenzburg, im Interview

Marianne Wildi,
Marianne Wildi, CEO Hypothekarbank Lenzburg. (Foto: zvg)

Marianne Wildi, CEO Hypothekarbank Lenzburg. (Foto: zvg)

von Robert Jakob

Moneycab.com: Frau Wildi, wieso gibt es auf dem Privatkonto überhaupt noch den symbolischen Zinssatz von 0,02%?

Marianne Wildi: Als traditionelle Regionalbank haben wir auch eine ganze Reihe von kleinen und Kleinsteinlegern. Diese sind es uns in der Tat Wert, dass wir Ihnen auch im gegenwärtigen Umfeld einen Zins gutschreiben, auch wenn dieser weitgehend symbolischen Charakter hat.

Jetzt wo klar ist, dass die Niedrigzinsphase noch eine ganze Weile anhalten wird, suchen Sie sicher händeringend nach neuen Produkten, um im Zinsdifferenzgeschäft die Anlagegelder bei der Stange zu halten, oder?

Wie bereits angedeutet, haben wir eine treue Kundschaft und ein funktionierendes Geschäftsmodell. Unter diesen Umständen wäre es wohl falsch, wenn wir „händeringend“ nach neuen Produkten Ausschau halten. Natürlich sind wir permanent damit beschäftigt unseren aktuellen Produkte-Mix zu überprüfen und in der Folge zu verbessern. Eine übertriebene Hektik ist aber nicht angezeigt. Der ganz grosse Wurf ist von der Hypothekarbank Lenzburg nicht zu erwarten. Dies ist weder der Stil der Bank, noch der unserer langjährigen Kundschaft.

Aber irgendeinen neuen Schwerpunkt gilt es doch zu setzen?

Die Hypothekarbank Lenzburg sieht das Potential, ihren treuen Kunden verstärkt Anlagelösungen anzubieten. Gerade in diesem Bereich haben wir in der jüngsten Vergangenheit Strukturen geschaffen, die es uns erlauben unsere Anlagekunden gezielt und doch umfassend zu betreuen. Ich denke da zum Beispiel konkret an neue Kommentare (Research-Produkte), die wir unseren Kundenbetreuern und letztlich unseren Kunden ab 2016 zur Verfügung stellen werden.

Die Hypo Lenzburg bietet zusammen mit der Sallfort Privatbank und dem IT-Spezialisten Expersoft eine IT-Lösung für kleinere und mittlere Banken an. Wann schätzen Sie, ist das Dutzend Bankkunden voll, welche Finstar einsetzen?

Die Zusammenarbeit mit Expersoft eröffnet unseren Partnerbanken aber auch uns ganz neue Möglichkeiten im Anlagegeschäft. Wir freuen uns darauf, diese unseren Kunden so schnell wie möglich zur Verfügung zu stellen. Dass wir dieses Paket auch anderen Banken anbieten können, ist ein offenes Geheimnis. Es liegt ebenfalls auf der Hand, dass wir gegenwärtig zusätzlich zu unseren acht Partnerbanken mit anderen Häusern sprechen. Ob und zu welchem Zeitpunkt diese über die Bühne gehen, liegt nicht ausschliesslich in unserer Hand. Wir gehen aber davon aus, dass wir auch 2016 Finstar-Lösungen für weitere Partnerbanken zur Verfügung stellen dürfen.

«Bis zum heutigen Zeitpunkt lässt sich feststellen, dass die Eigenständigkeit der Hypothekarbank Lenzburg trotz aller Hindernisse mehr Vor- als Nachteile gebracht hat.»
Marinanne Wildi, CEO Hypothekarbank Lenzburg

Nur die Informationstechnologie kann die kleinen Banken aus der Kostenfalle retten, in welche die immer grösseren regulatorischen Datenfluten sie stürzen. Wie sieht ihr Umsatzziel für Finstar auf Ende des Jahrzehntes aus?

Unsere Lösung steht und bewährt sich seit Jahren bei unterschiedlichsten Finanzinstituten. In der Folge gehen wir davon aus, dass diese Lösung das Interesse weiterer Finanzinstitute finden wird. Das ermöglicht es uns, zusätzliche Unternehmenserträge zu generieren. Diese Partnerschaften sind aber sehr individuell ausgestaltet und haben in der Folge unterschiedlichste Komplexitätsgrade. Es macht deshalb wenig Sinn, extern ein konkretes Umsatzziel für Finstar auf Ende des Jahrzehntes zu formulieren. Es ist aber nicht so, dass wir intern keine genauen Erwartungen an die Geschäftsidee Finstar knüpfen.

Ist Avaloq dabei Ihr grösster Konkurrent?

In vielen Bereichen ist Avaloq in der Tat ein wichtiger Konkurrent. Den „Einen“ grössten Konkurrenten gibt es aber für die Hypothekarbank Lenzburg nicht. Wie bereits an anderer Stelle ausgeführt, sind die Anforderungen an das IT-System der verschiedenen Partnerbanken schlicht zu unterschiedlich. In verschiedenster Hinsicht macht es deshalb keinen Sinn einen grössten Konkurrenten zu definieren.

Die Hypothekarbank Lenzburg ist die letzte unabhängige kotierte Regionalbank der Schweiz. Würde nicht eine Anbindung an einen nahen grossen Partner, wie es beispielsweise die Bank Linth mit der LLB erfolgreich vorexerziert hat, Sinn machen?

Die HBL ist die grösste unabhängige kotierte Regionalbank. Darauf sind wir auch ein wenig stolz. Eigenständigkeit wird bei der Hypothekarbank Lenzburg gross geschrieben. In der Vergangenheit hat wiederholt die Möglichkeit bestanden, sich einer grösseren Organisation anzuschliessen. Bis zum heutigen Zeitpunkt lässt sich feststellen, dass die Eigenständigkeit der Hypothekarbank Lenzburg trotz aller Hindernisse mehr Vor- als Nachteile gebracht hat. Man denke nur an unsere bereits beschriebene Finstar-Lösung. Wir fühlen uns also für die Aufgaben der Zukunft gut gewappnet und stellen uns den Herausforderungen, die mit in unserer Rolle als eigenständige Regionalbank einhergehen.

«Ein Aktionär, der Ende 1999 eine HBL-Aktie gekauft hat verzeichnet noch immer – ohne Dividenden – einen Kursgewinn von rund +221 Prozent.» 

An der SIX werden die Hypo Lenzburg Aktien tropfenweise gehandelt. Macht das denn noch Sinn?

Selbstverständlich stellt das Listing an der SIX zusätzliche Anforderungen an die gesamte Organisation. Wir glauben aber, dass wir von unserem Unternehmensmodell, unserem Tätigkeitsbereich und nicht zuletzt unserem Wesen ein öffentlich gelistetes Unternehmen sein wollen. Wir stellen uns deshalb diesen zusätzlichen Anforderungen. Wir scheuen den Kontakt mit interessierten Investoren nicht und präsentieren unseren Titel auch proaktiv. Das breit gestreute und treue Aktionariat der Hypi Lenzburg – kein Aktionär besitzt mehr als 3 Prozent der HBL-Aktien – trägt wohl seinerseits dazu bei, dass dieser Titel nicht das meist gehandelte Papier der SIX war.

Bis 2007 war die Hypi-Aktie an der Börse ein echter Renner und kletterte bis auf rund 6000 Franken. Dann folgte eine lange Konsolidierung auf jetzt gut 4000 Franken. Nun sieht alles nach einer klassischen Bodenbildung aus. Könnte ein Aufkäufer Gefallen an HBLN bekommen?

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass ein langjähriger Aktionär der HBL in der Tat „gut“ gefahren ist. So verzeichnet beispielsweise ein Aktionär, der Ende 1999 eine HBL-Aktie gekauft hat – ohne Dividenden – einen Kursgewinn von rund +221 Prozent. Hätte der gleiche Investor zu jenem Zeitpunkt in den Banken-Index des Swiss Performance Index SPI investiert, würde er – Stand anfangs Dezember 2015 – einen Kursverlust von rund -36 Prozent ausweisen. Das spricht in unseren Augen für sich. Nebst den deutlichen Kursgewinnen zu Beginn des neuen Jahrtausends musste die Hypi Aktie vor allem auch während der Finanzkrise keine Kursverluste hinnehmen. Dies unterscheidet diesen Titel ganz deutlich von anderen Bankaktien. In diesem Sinne kann eine Anlage in eine HBL-Aktie in der Tat Sinn machen. Nachhaltiges und stabiles Wachstum hat sich für die Hypothekarbank Lenzburg und deren Aktionäre sehr wohl gelohnt. Wir setzen alles daran, dass sich dies auch in der Zukunft nicht ändert.

An der Dividende von gut 100 Franken dürfte sich in den nächsten Jahren nicht viel ändern. Muss man daher in der HBLN-Aktie eine Art moderne Anleihe sehen?

Neben den bereits beschriebenen Kursgewinnen ist auf die stabile Dividende der Hypothekarbank Lenzburg hinzuweisen. Wir sind es unserem treuen Aktionariat schuldig, dass wir sie an unserem Geschäftserfolg teilnehmen lassen. Neben der Dividende ist es vor allem auch das traditionelle Essen, das die Hypothekarbank Lenzburg ihren Aktionären anlässlich der Generalversammlung jedes Jahr in den verschiedenen Restaurants in Lenzburg offeriert. Wir verstehen dies als gelebte Aktionärsbindung für alle Beteiligten. Da allerdings auch die HBL-Aktie erhöhten Kursschwankungen ausgesetzt ist, würden wir dieses Papier aber nicht als Alternative für eine Anleihe ansehen. Viel eher erachten wir die Aktie als einen traditionellen Dividenden-Titel, wie sie gerade dieser Tage wieder in aller Munde sind.

Der Aargau ist im Gegensatz zum grossen Nachbarn Zürich nicht von einer Immobilienblase heimgesucht. Hilft das Ihrem Risikoprofil?

Die unterschiedlichen Preisentwicklungen sind in der Tat ein interessantes Phänomen. Wir würden uns aber nicht der Illusion hingeben, dass es zu einer totalen Entkoppelung der Immobilienpreise zwischen benachbarten Kantonen kommen kann. Der Grenzkäufer bestimmt, wie viel er bereit ist zu zahlen. Dieses wirtschaftliche Gesetz gilt in gleichem Masse in Lenzburg und in Zürich. Die relativen Preise zwischen den verschiedenen Regionen erledigen den Rest. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass auch die Region Lenzburg immer näher an die Stadt Zürich rückt. Wer früh morgens auf dem Bahnhof Lenzburg aus- oder einsteigt, kann davon ein Liedchen singen. Dasselbe gilt für Personen, die Lenzburg über die Autobahn ansteuern.

Zur Person:
Marianne Wildi, geb. 1965 in Meisterschwanden und eidg. dipl. Betriebsökonomin FH und eidg. dipl. Bankfachfrau absolvierte das Advanced Executive Program der Swiss Banking School sowie Managementkurse an HSG und SKU. Sie ist im Vorstand der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK), Stiftungsrätin (Quästorin) der Stiftung Schloss Lenzburg und der Revor Freizügigkeitsstiftung sowie der Privor Stiftung 3. Säule und Verwaltungsrätin der Parkhaus Seetalplatz AG. Seit 2010 ist sie GL-Mitglied der Hypothekarbank Lenzburg. Marianne Wildis Hobbies sind Musik und Lesen.

Zum Unternehmen:
Die „Hypi Lenzburg“ wurde 1868 unter dem Namen Hypothekar- und Leihkasse Lenzburg gegründet. Primäres Ziel war die Vergabe von Hypotheken in der Region. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts dehnte sie das Dienstleistungsangebot auf die Wertschriften- und Vermögensverwaltung aus. 1912 wurde die Hypothekar- und Leihkasse Lenzburg in Hypothekarbank Lenzburg umbenannt. Im Verlaufe der Jahrzehnte wandelte sie sich zu einer regional tätigen Universalbank. Das Unternehmen ist an der Schweizer Börse SIX Swiss Exchange kotiert.

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