Mathias Imbach, Co-Founder und CEO Sygnum Bank, im Interview

Mathias Imbach, Co-Founder und CEO Sygnum Bank, im Interview
Mathias Imbach, Sygnum Mitbegründer und Group CEO (Bild: Sygnum, Moneycab)

Der Bitcoin-Kurs ist zuletzt massiv abgestürzt. Seit dem Allzeithoch im Oktober 2025 hat sich der Kurs halbiert. Im Moneycab-Interview schätzt Mathias Imbach, Co-Founder und Group CEO Sygnum Bank, die aktuelle Lage ein und nennt die Gründe für den Zerfall. Imbach bleibt positiv. Für ihn handelt es sich um eine zyklische Korrektur, da wichtige Treiber und Fundamentalfaktoren weiter positiv sind.

von Sandra Willmeroth

Moneycab.com: Herr Imbach: Wie würden Sie die aktuelle Phase an den Kryptomärkten beschreiben – sehen Sie sie primär als zyklische Korrektur, strukturelle Neubewertung oder als Folge externer makroökonomischer Schocks?

Mathias Imbach: Wir sehen die aktuelle Korrektur als Folge einer Kombination von unterschiedlichen Faktoren, teilweise Crypto-spezifisch, wie zum Beispiel die Folge von Liquidationskaskaden, teilweise extern-bedingt, unter anderem dank der Verlangsamung des Fortschritts in Richtung regulatorischer Klarheit in den USA, der Nominierung des US-Notenbankchefs und diffusen Ängste bezüglich des Quantum-Computing. Grundsätzlich sind wir aber der Meinung, dass es sich um eine zyklische Korrektur handelt, da wichtige Treiber und Fundamentalfaktoren weiter positiv sind. Entsprechend hat sich ein grosses Spannungsfeld zwischen Fundamentaldaten und Sentiment gebildet. Die Indikatoren, die wir verfolgen, lassen vermuten, dass sich der Gap mittelfristig zugunsten der Fundamentaldaten schliessen sollte. Time in the market beats timing the market!

Ist der Boden nahe?

Wir gehen davon aus, dass die Volatilität kurzfristig weiter hoch bleibt und dass sich das mediale Narrativ temporär in die Phase «Bitcoin verschwindet/ Bitcoin hat keinen Wert» verschieben könnte. Erste solche Artikel wurden bereits in den letzten Tagen publiziert – analog zu jeder vorhergehenden Korrektur. Unterschiedliche Investorengruppen reagieren jedoch unterschiedlich auf dieses Narrativ.

Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen fundamentalen Treiber, die den jüngsten Preisrückgang bei Bitcoin, Ethereum und Solana erklären? Lassen sich diese eher auf Angebots-, Nachfrage- oder Sentimentfaktoren zurückführen?

Bereits im vierten Quartal 2025 führten Bedenken, dass sich der historische Vierjahreszyklus von Bitcoin wiederholen könnte, sowie der historisch-lange US-Government Shutdown zu einer erhöhten Volatilität, die durch den Flash Crash am 10. Oktober 2025 weiter verstärkt wurde. Seither blieben Markttiefe und Sentiment angeschlagen, unter anderem aufgrund von Verzögerungen bezüglich regulatorischer Fortschritte in den USA, Stichwort Clarity Act. Zugleich reduzierten geopolitische Risikofaktoren sowie makroökonomische Unsicherheiten, ausgelöst durch die Nominierung von Kevin Warsh für den Vorsitz der US-Notenbank oder durch das Repricing von AI-Risiken, den Risikoappetit in diesem Jahr. Aufgrund der tieferen Marktliquidität und einseitiger Positionierung können bereits kleinere News zu signifikanten Preisbewegungen führen – das sehen wir im aktuellen Umfeld sehr ausgeprägt.

«Aufgrund der tieferen Marktliquidität und einseitiger Positionierung können bereits kleinere News zu signifikanten Preisbewegungen führen – das sehen wir im aktuellen Umfeld sehr ausgeprägt.»
Mathias Imbach, Co-Founder und Group CEO Sygnum Bank

Inwieweit ist der aktuelle Rückgang der Kryptopreise ein direktes Folgephänomen der globalen Zinslandschaft und der Geldpolitik der führenden Zentralbanken? Welche Mechanismen sehen Sie hier wirkungsvoll?

Wir sehen die Liquiditätsbedingungen als grundsätzlich weiter positiv für Crypto-Assets an. Die US-Notenbank (Fed) wird mit grosser Wahrscheinlichkeit den Zinsreduktions-Zyklus in 2026 weiterführen, das quantitative Tightening kam im Dezember 2025 zu einem Ende und grosse US-Banken werden in Bälde von vereinfachten Reserve-Requirements profitieren. Diese Faktoren spielen aber erst über die Zeit in den Markt hinein.

Viele Marktkenner sprechen von «Liquidationsspiralen» in Spot- und Derivatemärkten. Wie relevant waren Ihrer Meinung nach Margin Calls, Forced Selling und eine sich selbst verstärkende Volatilität für die Baisse?

Die kurzfristige Volatilität an Crypto-Märkten ist stark beeinflusst von leveraged und hedging Positionen. Margin Calls und Liquidations können deshalb zu ausgeprägten Marktbewegungen führen – in beide Richtungen. Dies war über die letzten Tage deutlich spürbar.

Gibt es spezifische Korrektur-Mechanismen oder Marktstrukturen im Krypto-Ökosystem, die die Abwärtsbewegung bei ETH und SOL im Vergleich zu BTC verstärkt haben?

Grundsätzlich zeigt sich ein ähnliches Muster wie in vergangenen Korrekturphasen. Ethereum und Solana haben ein höheres Markt-Beta als Bitcoin und entsprechend auch jüngst stärker unter der Korrektur gelitten. Es gibt allerdings auch Ausnahmen wie beispielsweise Hyperliquid, welche als einer der führenden dezentralen Börsen insbesondere für Perpetual Futures und von einem modernen Tokenomic Model profitieren konnten.

Viele institutionelle Akteure sprechen von «Krypto als diversifizierender Faktor». Wenn aber die Korrelation zu Aktien so hoch ist wie aktuell, wie bewerten Sie den Diversifikationsnutzen in Portfolios wirklich?

Es gilt zu berücksichtigen, dass die Korrelation im Zeitverlauf stark schwanken kann und effektiv auch schwankt. Crypto eignet sich deshalb nicht zur Diversifikation oder Hedging von kurzfristigen Marktverwerfungen. Entscheidender ist die durchschnittliche Korrelation über einen längeren Zeitraum, welche für die strategische Portfoliokonstruktion herangezogen werden sollte. Aus dieser Sicht spricht die empirische Evidenz weiterhin für ein diversifizierendes Potential von Bitcoin.

«Crypto eignet sich deshalb nicht zur Diversifikation oder Hedging von kurzfristigen Marktverwerfungen.»

Wie hat sich das Sentiment institutioneller Investoren im Vergleich zu Retail-Investoren seit dem Beginn der Baisse verändert? Sehen Sie klare Unterschiede im Verhalten, und wenn ja, welche?

Sygnum bedient direkt keine Retail-Investoren, nur über unser B2B-Geschäft mit über 20 Banken. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass Retail-Investoren typischerweise einiges pro-zyklischer agieren als institutionelle Investoren. Interessant zu sehen ist im aktuellen Umfeld, dass die institutionelle Adoption weiter voranschreitet – Megatrends wie die Stablecoin-Adoption und die Tokenization of Real-World-Assets schreiten signifikant voran und benötigen Smart Contract-Plattformen wie beispielsweise Ethereum. Bei Sygnum haben wir über die letzten Tage überdurchschnittlich hohe Handelsvolumen festgestellt. Das Kauf-Verkaufsverhältnis lag bei ca. 45 Prozent versus 55 Prozent. Da in volatilen Phasen Sicherheit und Gegenparteienrisiken besonders im Zentrum stehen, haben wir in den letzten Tagen auch überdurchschnittlich hohe Neugeldzuflüsse verbucht. Produkte wie «Sygnum Protect», welche den Handel auf Börsen ermöglichen, während die Sicherheiten ausserhalb der Bilanz bei Sygnum verwahrt werden, boomen in solchen Phasen.

Wenn Sie auf die nächsten fünf Jahre blicken: Welche Kryptosegmente – Infrastruktur, DeFi, Tokenisierung, digitale Anleihen, Stablecoins – haben das grösste Potenzial, und welche werden verschwinden?

Wir unterscheiden zwischen drei grossen Use Cases: Erstens Crypto Assets als «alternative store of value», also Bitcoin als digitales Gold – bereits sehr anerkannt. Zweitens Crypto Assets als «alternative means of payment», sprich Stablecoins – seit dem Genius Act auch bereits sehr anerkannt. Und drittens Crypto Assets als «the future infrastructure for a decentralized application economy», was insbesondere die Smart Contract Platforms umfasst, aber auch Anwendungen wie DeFi oder Web3. Dies ist der noch am meisten explorative Use Case und würde vom Clarity Act am meisten profitieren. Nebst dem Use Case per se zeigt sich zudem, dass ein modernes Tokenomics Modell immer wichtiger wird. Projekte die echte Umsätze generieren, und nicht nur Inflation oder temporäre Incentives verteilen, und diese in der einen oder anderen Form den Tokenholders zugänglich machen, zum Beispiel über Token-Burns, was mit Aktienrückkäufen vergleichbar ist, werden aus unserer Sicht profitieren.

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