Robeco: Eine Schar schwarzer Schwäne – Überraschungen, welche die Aussichten für 2023 grundlegend ändern könnten

Robeco: Eine Schar schwarzer Schwäne – Überraschungen, welche die Aussichten für 2023 grundlegend ändern könnten
Colin Graham, Leiter der Abteilung Multi-Asset-Strategien bei Robeco. (Bild: Robeco)

Die Anleger freuen sich auf ein neues Jahr, das eine positive Eigenschaft hat – es spiegelt nicht das Schreckensjahr 2022 wider. Robeco warnt in seinem Ausblick „Kurzfristiger Schmerz, langfristiger Gewinn» davor, dass 2023 wahrscheinlich eine Rezession bevorsteht und dass die Anleger abwarten müssen, bis Inflation, Zinsen und Dollar-Stärke ihren Höhepunkt erreicht haben, bevor die guten Zeiten wiederkehren.

Zusammenfassung

  • Ziele für Inflation und Zinsen bieten Raum für Turbulenzen
  • Möglichkeit einer Ukraine-Friedensdividende und Investments in das Netto-Null-Ziel
  • Ein wachsames Auge auf die Sozialen Medien, Regierungswechsel und anfällige Märkte

Die derzeitigen Konsenserwartungen sind nicht günstig. Die Erfahrung lehrt uns aber, dass nichts in Stein gemeisselt ist. Welche Entwicklungen – gute und schlechte – könnten also die zentralen Szenarien in Frage stellen? Zu Beginn des Jahres 2023 hebt das Sustainable Multi-Asset Solutions Team von Robeco zehn mögliche „Schwarze Schwäne“ und deren etwaige Konsequenzen hervor.

1. Goldlöckchens Rache
Der erste ist die „Goldlöckchen-Rache» – der wirtschaftliche Brei wird weder zu heiss noch zu kalt sein, sondern genau richtig. „In diesem Fall erreicht die US-Inflation ihren Höhepunkt, ohne dass es zu einer Rezession kommt. Der Dollar fällt und die US-Notenbank (Fed) kann sich entspannen, bleibt aber wachsam“, sagt Colin Graham, Head of Multi-Asset Strategies bei Robeco.

„Der Anstieg der Staatsausgaben nach der Corona-Krise schwächt sich ab und dämpft die Überschussnachfrage. Für Multi Asset-Anleger ergibt sich daraus, dass Hochzinsanleihen sehr attraktiv werden, da die erwarteten Ausfallraten sinken.“

2. Paniksituationen
Alternativ könnte die Fed die niedrigen langfristigen Zinssätze leid sein und ihr Inflationsziel überdenken. Dabei könnte sie sich auf einen strukturellen Bruch gegenüber den bisherigen Regelungen berufen, die seit der globalen Finanzkrise weitgehend gegeben waren.

„Sie könnte behaupten, dass das 2 %-Ziel viel zu nahe am Nullpunkt liegt und dass die nächste Rezession die Wirtschaft in eine regelrechte Deflation stürzen könnte“, sagt Graham. „Das würde zu Panik führen und auf US-Dollar lautende Anleihen würden sich dann das dritte Jahr in Folge negativ entwickeln.“

3. Deflations-Desaster
Noch schlimmer wäre die Aussicht auf eine Deflation. Sinkende Preise klingen zwar gut. Das Szenario bedeutet aber, dass die Verbraucher sich bei Käufen zurückhalten würden, da sie kurzfristig günstiger werdende Waren erwarten. Dies würde zu einer regelrechten Rezession führen.

„Wenn eine Deflation nach den Daten der Wall Street und der Realwirtschaft eine höhere Trefferquote aufweist als Inflation, bedeutet dies, dass die Zentralbanken die Konjunktur durch den Rückspiegel steuern und einen erheblichen Einbruch verursachen», sagt Graham.

4. Greenwashing und nun auch Impact-Washing
Das Bestreben, die Umwelt-, Sozial- und Governance-Merkmale (ESG) von Unternehmen zu verbessern, hat enorm an Bedeutung gewonnen und bildet die Grundlage für die Investitionen von Robeco. Das Problem ist, dass dies auch zu vermehrtem Greenwashing geführt hat. Dabei stellen Unternehmen und Investoren ESG-Behauptungen auf, die nicht belegt werden können, oft aus PR- und Marketinggründen.

Ein weiteres zunehmendes Problem betrifft Impact-Washing. Dabei behaupten Unternehmen oder Investoren, vor Ort etwas zu bewirken, obwohl Zweifel an der Nachweisbarkeit oder auch nur Messbarkeit bestehen.

„Wir sehen das Potenzial, dass Nachhaltigkeitsaussagen von Aufsichtsbehörden, Medien und Anlegern stärker hinterfragt werden. Dies führt dazu, dass grosse Finanzinstitute Schwierigkeiten haben werden, ihre Nachhaltigkeitsleistungen in allen Geschäftsbereichen zu belegen», sagt Graham.

„Anstatt sich auf die Verbesserung ihres ESG-Profils und die Schaffung von Mehrwert für die Aktionäre zu konzentrieren, könnten Unternehmen Geschäftsbereiche, welche die ESG-Kriterien nicht erfüllen, verkaufen oder veräussern und sich aus Märkten zurückziehen, in denen die Regulierungsbehörden höhere Nachhaltigkeitsanforderungen stellen.“

5. Risikokompensation
Ein weniger bekanntes Thema betrifft die Risikobereitschaft. So werden Multi-Asset-Investoren aufgefordert, die Höhe des Risikos anzugeben, das sie zu tolerieren bereit sind. Vermarktet werden diese Fonds mit spezifischem Risikoprofil gewöhnlich als „vorsichtig» (d.h. risikoarm, mit Schwerpunkt auf sichereren Staatsanleihen), „ausgewogen“ (meist mit einer Mischung aus Anleihen und Aktien) oder „aggressiv» (Möglichkeit, auch in wesentlich riskantere Aktien zu investieren).

Das Problem dabei ist, dass diese Ansätze im Jahr 2022 sehr ähnlich abschnitten. „Die Performance dieser Profile lag per Ende Dezember innerhalb von 20 Basispunkte (in Euro gerechnet)“, so Graham. „Sollte sich das 2023 wiederholen, würden Mischfonds das zweite Jahr in Folge negative Ergebnisse abwerfen, ähnlich wie dies im Anschluss an das Platzen der Technologieblase in den Jahren 2001-2002 der Fall war.“

6. Dem Frieden eine Chance geben
Es gibt aber nicht nur schlechte Nachrichten. Die Konsenseinschätzungen beruhen zum Grossteil darauf, dass sich der Ukraine-Krieg, der im Jahr 2022 für viel Volatilität an den Märkten und weltweit eine starke Inflation ausgelöst hat, weitergehen wird. Sollte es zu einer friedlichen Lösung kommen, würde dies eine willkommenere Form der Disruption bewirken.

„Wir könnten eine Friedensdividende erleben, bei der die Ukraine ihre Grenzen mit europäischer “Hilfe” sichert und der Export von Weizen, Öl und Gas wieder aufgenommen wird, wodurch die bestehenden Engpässe beseitigt werden“, sagt Graham. „Andere Länder würden daraufhin ihre Reise- und Handelsbeschränkungen lockeren, was einen Rückgang der Inflation und ein rascheres Re-Shoring der Lieferketten ermöglichen würde. Die globalen Volkswirtschaften, insbesondere Europa, würden dann von sinkenden Energiekosten profitieren.“

7. Anti-soziale Medien
Ein weiteres Schlachtfeld sind die sozialen Medien, auch wenn die Teilnehmer dort mit Worten statt mit Waffen ausgestattet sind. Eine strengere Regulierung der Technologieriesen, welche den Boom bei Wachstumsaktien befeuert hatten, könnte stattdessen Value-Titeln zugutekommen.

„Es könnte zu einer weiteren Gegenreaktion bei den sozialen Medien und einer stärkeren Regulierung grosser Technologie- und Medienplattformen kommen, da Datenschutzfragen wieder in den Vordergrund rücken», sagt Graham. „Dies würde zu einem Führungswechsel an den Aktienmärkten führen. Im Vergleich stärker belohnt würden dann Substanzunternehmen mit diszipliniertem Kapitaleinsatz und hochwertigen Erträgen.“

8. Schockartige Regierungswechsel
Ausserdem besteht die Möglichkeit schockartiger Regierungswechsel wie in Grossbritannien, wo im Jahr 2022 drei Premierminister aufeinander folgten. „2023 ist das erste Jahr dieses Jahrhunderts ohne Wahlen in einem G-7-Staat“, sagt Graham.

„Wir könnten jedoch grössere Veränderungen auf politischer Ebene erleben, wenn eine bedeutende Regierung stürzt, wie es bei Boris Johnson und einen Monat später bei Liz Truss der Fall war. Damit wären erhebliche Kursausschläge verbunden.“

9. Alles über den Haufen geworfen
Die kurze Amtszeit von Premierministerin Truss und ein desaströses Mini-Budget, welches die Bank of England zu Notmassnahmen zum Schutz der Pensionsbranche veranlasste, haben gezeigt, wie anfällig bestimmte Finanzsysteme nach wie vor sein können.

„In diesem Szenario erfolgen Liquiditätsabflüsse bei privaten Assets, haftungsorientierte Anlagestrukturen werden auf den Prüfstand gestellt und nach einem Einbruch bei Kryptowährungen werden Banken verstärkt durchleuchtet“, sagt Graham. „Dies würde Investitionen ans Tageslicht bringen, die nur finanziert wurden, weil zum Anlagezeitpunkt Liquidität „kostenlos“ verfügbar war.“

10. Net-Zero-Aufschwung
Schliesslich könnte eine Ausrichtung für den Übergang zu einer Netto-Null-Wirtschaft auch positiv überraschen. „Es gibt bei der Klimapolitik kein zurück: Die Klimakonferenz COP27 hat deutlich gezeigt, dass der politische Wille entscheidend für die Gestaltung des Gleichgewichts zwischen Klimaschutzzielen und deren Umsetzung ist», so Graham.

„Langfristig bedeutet Energiesicherheit, mehr in grüne Technologien und Klimalösungen zu investieren, um die Lücke zwischen Zielen und Umsetzung zu schliessen. Es könnte ein von mehreren Regierungen unterstützter multinationaler „Superfonds“ geschaffen werden, um den Übergang zum Netto-Null-Ziel zu erleichtern.“

Unkonventionell bleiben
„Niemand besitzt die Kristallkugel, die perfekte Prognosen zu Ereignissen, die die Marktrenditen beeinflussen liefern kann. Selbst wenn es sie gäbe, zeigt die jüngste Geschichte, dass Anleger immer noch die falsche Marktreaktion ableiten können.“

„Bei Robeco ist das Sustainable Multi-Asset Solutions Team auf ein weiteres turbulentes Jahr vorbereitet und plant mit einer unkonventionellen Denkweise zu investieren, die sich im Jahr 2022 ausgezahlt hat. Wir sind ausserdem fest davon überzeugt, dass der Kampf gegen den Klimawandel und der Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft wieder an Dynamik gewinnen wird.“

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