SGKB Investment Views: Optimismus trotz starkem Franken

Thomas Stucki

Von Thomas Stucki, CIO St. Galler Kantonalbank. (Foto: SGKB)

St. Gallen – Im ersten Halbjahr hat die Schweizer Wirtschaft stagniert, ist aber nicht in eine Rezession abgeglitten. Sie hat gezeigt, dass sie die negativen Auswirkungen der Aufhebung der Euro‐Untergrenze von Mitte Januar einigermassen auffangen kann. Die Risiken sind jedoch noch nicht ausgestanden. Dennoch erwarten die meisten Prognostiker, so auch die SNB, für das Gesamtjahr ein Wachstum von fast einem Prozent. Die Wirtschaft müsste im zweiten Halbjahr einen deutlichen Zacken zulegen, um dies noch zu erreichen.

Für das nächste Jahr erwarten das Seco und das KOF ein Wachstum von rund 1.5%. Das überrascht angesichts der Klagen über den starken Franken. In den letzten dreissig Jahren betrug das durchschnittliche Wirtschaftswachstum in der Schweiz 1.8% pro Jahr. Somit wäre das nächste Jahr gar nicht so schlecht. Für 2017 wird schon wieder von einem überdurchschnittlichen Wachstum von mehr als 2% ausgegangen. Ist also das Gejammer über die schlechten Rahmenbedingungen nichts mehr als ein Klagen auf hohem Niveau?

Währungssituation stabilisiert 
Der Franken ist bekanntlich im Januar nach oben gesprungen. In der Zwischenzeit hat er sich zum Euro wieder etwas abgeschwächt und liegt mit 1.09 «nur» noch 9% über der Euro‐Untergrenze. Zudem liegt er gegenüber dem Dollar immer noch unter seinem Wert vor einem Jahr.

Positiv ist, dass der Franken recht stabil gehandelt wird und sich abrupte Kurssprünge in engen Grenzen halten. Krisen wie der mögliche Austritt Griechenlands aus dem Euro oder die Turbulenzen an den Finanzmärkten im September haben nicht zu einem Aufwertungsdruck im Franken geführt. Im ersten Fall hat die SNB dies mit geschickten Interventionen verhindert.

Der Franken ist zumindest für den Moment aus dem Blickfeld der spekulativen Kräfte im Devisenmarkt verschwunden. Zudem helfen die bessere Konjunktur in der Eurozone und die konsumfreundliche Konjunktur in den USA. Zwar sinken die Preise und damit die Margen der Unternehmen. Die Nachfrage nach den Produkten ist vielerorts jedoch stabil.

Strukturanpassung beschleunigt 
Dennoch, die Aufwertung des Frankens hat die strukturellen Schwächen in der Wirtschaft schonungslos aufgedeckt. Das gilt unter anderem bei den Privatbanken, aber vor allem im Tourismus. Der fehlende Lack bei einer nicht mehr konkurrenzfähigen Infrastruktur fällt besonders auf, wenn die Preise für ausländische Touristen über 10% höher sind als vorher. Die notwendigen Anpassungen der Strukturen sind in vielen Branchen erst am Anfang. Fusionen, Verlagerungen von Arbeitsplätzen und letztendlich auch Schliessungen von Unternehmen werden weitergehen.

Der starke Franken beschleunigt dabei aber nur eine Entwicklung, die früher oder später sowieso notwendig gewesen wäre. In der Folge werden sich die negativen Meldungen aus der Wirtschaft häufen und die Arbeitslosenzahlen steigen. Damit besteht die Gefahr, dass sich die Wahrnehmung einer «Krise» in der Bevölkerung festsetzt und den privaten Konsum negativ beeinflusst. Damit würde ein stabiler Pfeiler der Schweizer Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen. Deshalb sind wir für das Wachstum der Schweizer Wirtschaft für das nächste Jahr vorsichtiger als die meisten anderen Auguren und gehen von einer Zunahme von nur 0.8% aus.
(SGKB/mc/ps)

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