Union Investment: Europa auf dem Weg zur Normalität?

Mauricio Vargas
von Dr. Mauricio Vargas, Senior Ökonom bei Union Investment. (Foto: pd)

Europaweit hat es erste Schritte zur Lockerung der Corona-Beschränkungen gegeben. Doch die aktuelle Wirtschaftsaktivität bleibt schwach. Der Tiefpunkt der Rezession dürfte im zweiten Quartal 2020 erreicht werden.

Nach den Einführungen von Mobilitätsbeschränkungen im März 2020 haben die grössten Länder des Euroraums – Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien – erste Schritte zu einer graduellen Wiedereröffnung ihrer Volkswirtschaften und des öffentlichen Lebens unternommen.

Europa öffnet wieder
In Deutschland konnten viele Geschäfte bereits ab 20. April 2020 wieder öffnen. In der ersten Mai-Woche wurden weitere Öffnungsschritte angekündigt, die häufig aber von Bundesland zu Bundesland anders gehandhabt werden. Generell werden die Kontaktbeschränkungen leicht gelockert – grosse Veranstaltungen und Zusammenkünfte sind aber nach wie vor nicht erlaubt. Der Schulbetrieb soll sukzessive anlaufen, weitere Geschäfte dürfen öffnen und auch der Trainingsbetrieb im Breitensport soll wieder aufgenommen werden, wie die Spiele der Fussball-Bundesliga. Über allem stehen aber weiterhin Auflagen zur Reduzierung der Ansteckungsgefahr und zur Einhaltung der Abstandsregelungen.

In Frankreich durften Märkte und Geschäfte ab 11. Mai wieder öffnen. In Italien wurde die Aktivität in einigen Fabriken und auf Baustellen bereits wieder aufgenommen und der inländische Reiseverkehr zwischen den Regionen ist seit 4. Mai erneut erlaubt. Die zwangsweise geschlossenen Geschäfte dürfen ab 18. Mai wiedereröffnen, Restaurants und Friseure folgen am 1. Juni. Spanien hat ebenfalls am 4. Mai damit begonnen, die striktesten Mobilitätseinschränkungen in Europa in vier Phasen zu lockern. Zunächst werden Restaurants vor allem das Mitnahmegeschäft wieder aufnehmen und Dienstleister mit Terminvereinbarungen (zum Beispiel Friseure) öffnen. Der Abschluss der Öffnungsphase ist für Ende Juni geplant.

In Grossbritannien hat Premierminister Boris Johnson die Pläne zum Abbau der geltenden Eindämmungsmassnahmen am 10. Mai verkündet. Zunächst dürfen die Briten jedoch nur wieder zur Arbeit gehen, im Freien Sport treiben und sich in der Natur aufhalten, sofern die Abstandsregeln eingehalten werden. Weitere Öffnungen sind erst für Juni geplant.

Zu früh für einen merkliches Anspringen der Wirtschaftsaktivität
Trotz der ersten Lockerungen bleiben die Aktivitätsdaten in Europa schwach. Seit Einführung der Mobilitätsbeschränkungen sind Indikatoren wie die Personenbeförderung, der Fussgängerverkehr oder aber der Stromverbrauch deutlich eingebrochen.

In der Frühphase der Lockerungen und in Anbetracht des auf einige Sektoren beschränkten Anziehens der Aktivität dürfte es noch eine ganze Zeit dauern, bis sich die Daten wieder substanziell verbessern.

Trotz aller Kritik: Deutschland scheint etwas besser gemacht zu haben
Bei vielen Indikatoren zeichnet sich der Trend ab, dass sich die Aktivität in Deutschland auf einem höheren Niveau gehalten hat als in den anderen grossen Volkswirtschaften des Euroraums und als in Grossbritannien. Dies wäre auch konsistent mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das erste Quartal. Zwar wird diese Zahl für Deutschland erst am 15. Mai veröffentlicht. Aus den am 30. April publizierten Daten für den Euroraum, Frankreich, Italien und Spanien lässt sich aber für die deutsche Wirtschaft ein geringerer Einschlag ableiten. Für den gesamten Euroraum lag der Wert bei -3,8 Prozent, mit Rückgängen von zwischen 4,7 und 5,8 Prozent in den anderen drei grossen Volkswirtschaften des gemeinsamen Währungsraums. Das deutsche BIP dürfte daher in den ersten drei Monaten 2020 im Vergleich zum vierten Quartal 2019 deutlich weniger rückläufig gewesen sein. In Grossbritannien wird das BIP für das erste Quartal ebenfalls erst in der zweiten Mai-Woche veröffentlicht.

Schlechtes erstes Quartal – noch schwächeres zweites
Trotz der sukzessiven Aufhebungen der Corona-bedingten Beschränkungen in Europa dürfte der Tiefpunkt der Rezession im aktuellen Quartal erreicht werden. Denn der Weg zurück zur Normalität dürfte nicht leicht werden. Ohne Impfstoff oder Medikamente wird das Virus nicht einfach verschwinden und damit Kontaktbeschränkungen nötig machen beziehungsweise viele Personen weiterhin vorsichtig und zurückhaltend beim Konsum sein lassen. Trotz staatlicher Hilfen: Einige Unternehmen werden die Krise nicht überstehen und sich in der Folge die finanziellen Sorgen zahlreicher Menschen verstärken. Aktuell befinden sich in den fünf grössten Volkswirtschaften Europas mehr als 30 Millionen Arbeitnehmer (ein Fünftel der Erwerbsbevölkerung) in Programmen, bei denen der Staat zumindest Teile der Löhne und Gehälter bezahlt (wie das Kurzarbeitergeld in Deutschland).

Daher erwarten die Volkswirte von Union Investment Rückgänge des BIP im Vergleich zu den ersten drei Monaten des Jahres von 7,3 bzw. 8,0 für Deutschland und Frankreich sowie von jeweils 12,0 Prozent für Italien und Spanien. Dies wäre sowohl konsistent mit den aktuellen Real Time-Daten (zum Beispiel für Verkehr und Stromverbrauch), mit den für April veröffentlichten Frühindikatoren (wie den Einkaufsmanagerindizes) und Produktionsdaten. Die ersten harten Daten für April werden mit den Einzelhandelsumsätzen und der Industrieproduktion am 4. beziehungsweise 12. Juni erwartet. Zuvor werden am 21. Mai die Einkaufsmanagerindizes für Mai veröffentlicht, die einen ersten Hinweis auf ein Anziehen der Wirtschaftsaktivität aufgrund der Lockerungen der Mobilitätsbeschränkungen liefern könnten.

Stand aller Informationen, Erläuterungen und Darstellungen: 11. Mai 2020, soweit nicht anders angegeben.

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