Union Investment: Zweites Halbjahr eine Wette auf die Geldpolitik

Union Investment: Zweites Halbjahr eine Wette auf die Geldpolitik
Jens Wilhelm, Chief Investment Officer und Mitglied des Vorstands der Union Asset Management Holding AG. (Foto: Union Investment)

Einem schwierigen Börsenjahr 2018 folgte ein freundliches erstes Halbjahr 2019 an den Kapitalmärkten. Jens Wilhelm, im Vorstand von Union Investment zuständig für das Portfoliomanagement, gibt im Gespräch einen Ausblick auf die zweite Jahreshälfte.

Von Markus Baumgartner

Herr Wilhelm, die Börse blickt auf ein positives erstes Halbjahr 2019 zurück. Rechnen Sie damit, dass es so weitergeht?

Jens Wilhelm: Nicht mit der Dynamik. Weder die Hoffnung auf eine Kräftigung des Aufschwungs noch auf eine grundlegende Beruhigung des Handelsstreits haben sich bisher erfüllt. Konsequenterweise haben die Notenbanken ihre Geldpolitik wieder gelockert, das hat den Börsen sehr geholfen. Diese Unterstützung wirkt auch im zweiten Halbjahr weiter. Gleichzeitig ist die Konjunktur aber angeschlagen und die geopolitischen Spannungen bleiben hoch. Die Schlüsselfrage für den Rest des Jahres wird sein: Welcher Einfluss ist stärker?

Die Konjunktur ist schwach. Was erwarten Sie mit Blick auf das Wachstum?

In fast allen weltwirtschaftlich wichtigen Regionen dürfte das Wachstum zurückgehen. Wir rechnen in den USA noch mit einem BIP-Zuwachs von 2,7 Prozent für 2019, im Folgejahr nur noch mit gerade einmal 1,7 Prozent. Das wird die Weltwirtschaft deutlich bremsen und auch die Eurozone belasten. Sowohl 2019 als auch 2020 dürfte das Wachstum in der Währungsunion gerade einmal um die Ein-Prozent-Marke liegen, in Deutschland wohl sogar noch darunter.

Was sind die Ursachen für die Verlangsamung?

In den USA sicher die auslaufenden Effekte der Trump’schen Steuerreform. Bremseffekte gehen aber auch zunehmend von den Auseinandersetzungen zwischen den USA und China aus. Man sollte nicht vergessen: Hinter dem Handelsstreit steht der hegemoniale Konflikt zwischen zwei Supermächten. Es geht also um weit mehr als Zölle. Eine Eskalation ist dabei leider nicht auszuschliessen. Und diese Sorge schwebt bereits heute über vielen unternehmerischen Entscheidungen und belastet den Welthandel, der 2019 nur noch um 1,5 Prozent zulegen dürfte. Damit fällt ein wichtiger Wachstumsbeschleuniger für Exportnationen wie Deutschland weg.

Wie werden die Währungshüter auf diese Entwicklung reagieren?

Bei den Zentralbanken hat bereits ein Umdenken eingesetzt. Leitzinsanhebungen sind für die kommenden zwei Jahre vom Tisch. Stattdessen dürften wir schon bald Schritte in die Gegenrichtung sehen. Bei der US-Notenbank Fed erwarten wir im September eine Zinssenkung um 50 Basispunkte.

Was macht die Europäische Zentralbank (EZB)?

Sie wird ebenfalls lockern. Wir gehen davon aus, dass der gesamte Zinskorridor spätestens im September um 25 Basispunkte gesenkt wird. Die Einführung von Freibeträgen für die Geschäftsbanken bei den „Strafzinsen“ nach Vorbild der Schweizerischen Nationalbank ist ebenfalls wahrscheinlich – gefolgt von der Ankündigung eines neuen Anleihe-Kaufprogramms.

Was heisst das für die Geldanlage?

Das Niedrigrenditeumfeld wird zementiert. Mit steigenden Zinsen ist auf mittlere Sicht nicht zu rechnen. Bei Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit rechnen wir beispielsweise mit einer Rendite von minus 0,4 Prozent zum Jahresende. Dieses Niveau dürfte sich bis zur Jahresmitte 2020 kaum verändern. Die Zinsen bleiben also im tiefroten Bereich. Wir haben damit in der Eurozone de facto japanische Verhältnisse.

In den USA sind die Zinsen höher. Herrscht dort ein anderes Bild?

Das Niveau ist höher, aber die Richtung ist gleich. Auch in den USA erwarten wir weiter sinkende Renditen, bei zehnjährigen US-Staatsanleihen etwa bis auf 1,9 Prozent Ende 2019.

Ist mit Staatsanleihen denn überhaupt noch Geld zu verdienen?

Staatspapiere sicherer Schuldner versprechen tatsächlich mittelfristig keine grossen Gewinne mehr. Ausgewählte Papiere aus der europäischen Peripherie können aber interessant sein. Allerdings sollte man bei der Emittentenwahl vorsichtig sein. Wir favorisieren griechische und spanische Staatsanleihen. Auf italienischen Anleihen lastet hingegen die Stagnation der italienischen Wirtschaft.

Gibt es anderswo am Anleihemarkt mehr Potenzial?

Ja, das gibt es. Papiere aus den Schwellenländern und Unternehmensanleihen der entwickelten Volkswirtschaften sind attraktiv, gerade für langfristig orientierte Anleger.

Wie schätzen Sie die Chancen bei Aktien ein?

Aktien bleiben im Niedrigrenditeumfeld ein wichtiger Anlagebaustein, vor allem im Vergleich zu anderen Anlageklassen. Das Kurspotenzial ist aber mittlerweile begrenzt. Eine schwächelnde Konjunktur und höhere Löhne in Kombination mit den kostensteigernden Auswirkungen von Handelshemmnissen sind Gift für die Margen der Unternehmen. Die Gewinne werden also nur noch begrenzt wachsen. Damit wird die Bewertung die Schlüsselfrage bei Aktien. Eine leichte Ausweitung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses in Verbindung mit niedrigen Gewinnsteigerungen sollten Aktien noch einen moderaten Aufwärtstrieb geben. Es kommt mehr denn je auf die Auswahl der richtigen Märkte und Einzeltitel an.

Haben Sie darüber hinaus noch Anlagefavoriten?

Rohstoffe und Immobilien sind attraktiv. Niedrige Zinsen und ein spätes Konjunkturstadium sind traditionell gute Nachrichten für diese Anlageklassen.

Worin besteht für Sie für das grösste Risiko für die Kapitalmärkte?

In den vergangenen Monaten haben sich eine Reihe von Hoffnungen nicht erfüllt: Die Weltwirtschaft ist nicht auf einen selbstragenden Aufschwung eingeschwenkt, der Handelsstreit hat sich nicht beruhigt und der geldpolitische Ausnahmezustand wurde nicht beendet. Die positive Marktentwicklung ist daher vor allem auf die entschlossene Reaktion der Zentralbanken zurückzuführen. Das ist mittlerweile am Kapitalmarkt eingepreist. Kommen die Währungshüter dieser Erwartungshaltung nicht nach oder eskaliert der Handelskonflikt besteht Rückschlagpotenzial.

Rechnen Sie damit?

Nein. Der Inflationsdruck ist so gering und die Kommunikation der Währungshüter in dieser Frage sehr klar. Wenn nun die Konjunktur nicht einbricht, werden zumindest die Aktienkurse weiter gestützt. Dann kann es – trotz der vielfältigen Herausforderungen – aus Anlegersicht durchaus ein erfolgreiches zweites Börsenhalbjahr werden.

Zur Person
Jens Wilhelm ist seit 2008 Mitglied des Vorstands der Union Asset Management Holding AG. Als Chief Investment Officer verantwortet er das Portfoliomanagement, das Immobilienfondsgeschäft sowie das Segment IT-Infrastruktur.

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