VP Bank: Das Jahr 2012 birgt keine Inflationsrisiken

Dr. Jürg Zeuner

Von Dr. Jörg Zeuner, Chefökonom VP Bank.

Vaduz – Erstmalig stellte die Europäische Zentralbank (EZB) zum Jahresende 2011 den Geschäftsbanken des Währungsraums für drei Jahre Geld zur Verfügung – üblich sind normalerweise kurzfristige Ausleihungen. Die Resonanz der Banken war gewaltig: Die Notenbank teilte insgesamt 489 Milliarden Euro zu. Diese sehr expansive Geldpolitik ruft nun vielerorts Inflationsängste hervor. Doch im Umfeld einer Vertrauenskrise und einer deutlich abkühlenden Weltkonjunktur sind Inflationsgefahren eng begrenzt.

Selbst wenn die EZB den Geschäftsbanken mehr Liquidität zur Verfügung stellt, erwächst daraus nicht unmittelbar eine höhere Kreditvergabe und somit Inflationsrisiken. Entscheidend dafür ist eher, wie gut Kreditinstitute an den Finanzmärkten längerfristiges Kapital mittels Bankobligationen aufnehmen können. Das geht im Moment nur sehr schwierig. Einerseits ist das Misstrauen der Banken untereinander sehr gross, andererseits führen die berechtigten Sorgen um die Solvenz vieler Banken zu grosser Kaufzurückhaltung privater Anleger. Da nach der goldenen Bankregel langfristig ausgeliehenes Geld (beispielsweise private Immobilienkredite) von den Banken auch langfristig refinanziert werden sollte, ist die Kreditvergabemöglichkeit der Banken begrenzt.

Übernachteinlagen bei EZB auf Rekordstand
Die Kreditinstitute legen die von der EZB bereitgestellte Liquidität stattdessen sogleich wieder bei der Notenbank an. Abzulesen ist dies an den Übernachteinlagen der europäischen Geschäftsbanken bei der EZB, die zuletzt auf einen Rekordwert von 482 Milliarden Euro anstiegen. Erst wenn das von der EZB bereitgestellte Geld über eine zusätzliche Kreditvergabe in den Geldkreislauf kommt, steigt das Risiko einer zukünftig höheren Inflation. Da jedoch angebots- und nachfrageseitig nicht mit einer Ausweitung der Kreditmenge zu rechnen ist, werden die Inflationsraten in den kommenden Monaten tendenziell zurückgehen – in einigen Ländern wie etwa Griechenland oder Portugal könnten sogar deflationäre Tendenzen drohen.

SNB macht sich Sorgen über mögliche Deflation
Auch in der Schweiz bleibt das Preisniveau weiter stabil. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) macht sich aufgrund des starken Frankens sogar zunehmend Sorgen über eine mögliche Deflation. Die Teuerung wird auch aus unserer Sicht im laufenden Jahr nicht markant höher liegen als in 2011. Denn die konjunkturelle Abschwächung wird den fundamentalen Preisdruck weiter tief halten – trotz der deutlichen Ausweitung der Notenbankgeldmenge.

Über den Autor
Dr. Jörg Zeuner ist Chief Strategist und Chief Economist der VP Bank Gruppe in Vaduz, Liechtenstein. Dort leitet er das Investment Service Center und ist Vorsitzender des Anlageausschusses. Bis Ende 2011 war er als Chefökonom für das Research und die Produktselektion zuständig. Vor seinem Wechsel zur VP Bank war Dr. Jörg Zeuner Senior Economist beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington, D. C., wo er bis heute als Berater tätig ist. Dr. Jörg Zeuner erhielt den Master in Economics von der Universität Glasgow und erlangte seine Promotion an der Universität Würzburg. Er ist als Wirtschaftsdozent an Universitäten in Liechtenstein, der Schweiz und in Deutschland tätig.

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