VP Bank: Ein aussergewöhnliches Jahr endet

Bernd Hartmann
Bernd Hartmann, Head of CIO Office (Chief Strategist) VP Bank. (Foto: VP Bank)

Franken-, Euro- und Dollar-Anleihen haben noch nie so viel verloren wie 2022. Jetzt suchen Märkte neue Trends.

von Bernd Hartmann, Head of CIO Office (Chief Strategist), VP Bank

Der starke Inflationsanstieg und das Ende der expansiven Geldpolitik lösten an den Anleihenmärkten ein noch nie da gewesenes Kursbeben aus. In der Schweiz und in den USA – für diese Länder liegt eine fast 100jährige Kurshistorie vor – sind 2022 Rückschläge verzeichnet worden, wie sie in dieser Zeitspanne noch nie verzeichnet wurden.

Zusammen mit den Einbussen in Aktien kamen deshalb selbst diversifizierte und eher risikoarm verwaltete Portfolios unter die Räder. Dieses Versagen der Diversifikation ist zum Glück selten, und die hohen Verluste in Anleihen haben auch etwas Gutes mit Blick auf 2023. Denn nach einem Jahr mit starken Verlusten ist eine Erholung deutlich wahrscheinlicher als eine erneute, negative Periode.

Tiefrot
Die Analyse der Jahresperformance ist 2022 keine schöne Aufgabe. Es mag ein schwacher Trost sein, aber – wir ziehen zur Berechnung Indizes bei – die Verluste im Anleihensegment sind aussergewöhnlich. Dabei war in den Jahren 1980 und 1994 ein vergleichbarer Anstieg der zehnjährigen US-Renditen verzeichnet worden. Damals fiel das Minus am Anleihenmarkt mit 3.2 % (1980) und 4.7 % (1994) jedoch deutlich geringer aus als 2022 (–12.8 %). Grund dafür ist das unterschiedliche absolute Zinsniveau. 1980 stiegen die Zinsen von 10.3 % aus, 1994 waren es 5.8 % und 2022 1.5 %. Die Zinszahlungen via Coupon reduzieren die durch den Renditeanstieg verursachten Kursverluste.

Performance Schweizer Anleihen Jahr für Jahr seit 1926

Die Höhe der Verluste ist für Anleihen ungewöhnlich, an den Aktienmärkten gehören sie dazu. Auch dort führte der Renditeanstieg zu Kursverlusten. Zum einen müssen künftige Gewinne nun mit einem höheren Zinssatz abdiskontiert werden, was den Gegenwartswert schmälert. Zum anderen sind aufgrund des gestiegenen Renditeniveaus der Anleihen Aktien nicht mehr alternativlos. Dies führt dazu, dass das faire Bewertungsniveau am Aktienmarkt tiefer liegt als noch vor einem Jahr. Somit war 2022 auch am Aktienmarkt ein enttäuschendes Jahr. Der langjährige Vergleich zeigt aber, dass es – anders als im Anleihenmarkt – nicht zu den schwächsten Jahren zählte. Neun Jahre weisen eine schlechtere Bilanz auf.

Performance Schweizer Aktien Jahr für Jahr seit 1926

Im Euro – und besonders ausgeprägt im britischen Pfund – verbuchten Anleihen sogar grössere Verluste als der Aktienmarkt. Dies führt dazu, dass konservative Anlagestrategien mit höherem Anteil von Zinspapieren schlechter abschnitten als solche mit einer höheren Aktienquote.

(Teil-)Versagen der Diversifikation
Dass Aktien- und Anleihemärkte gleichzeitig korrigieren, kommt sehr selten vor. Im Schweizer Markt kam es neben 2022 in den letzten knapp 100 Jahren nur dreimal zu solch einer Konstellation. Im US-Markt waren es sechs Jahre, in denen beide Anlageklassen korrigierten. Ein Versagen der Diversifikation ist somit äusserst selten.

Investoren sollten, das ist auch eine Lehre aus dem vergangenen Jahr, nicht nur zwischen den beiden Hauptanlageklasse Aktien und Anleihen Risiken streuen. Zum soliden Portfolio gehören ebenfalls Alternative Anlageklassen. Allerdings konnten sich diese Anlagen mit alternativen Renditetreibern (wie Gold oder Insurance-linked Securities) dem schwierigen Marktumfeld 2022 nicht komplett entziehen. Sie büssten meist ebenfalls ein, die Kursverluste fielen jedoch geringer aus.

Die Entwicklung von Gold hängt stark von der Referenzwährung US-Dollar ab, der sich im Verlauf von 2022 aufwertete. In USD und CHF notierte das Edelmetall wenig verändert gegenüber dem Vorjahresniveau, in den meisten anderen Währungen ist die bisherige Jahresentwicklung sogar positiv. Die Bilanz von Insurance-linked Securities rutschte nach den Schäden des Sturms Ian ins Minus. Hedgefonds weisen eine vergleichbare Jahresentwicklung auf (beides in USD). Wenig überraschend haben aktienähnliche Anlageklassen vergleichbar (Wandelanleihen) oder sogar noch mehr als Aktien (Private Equity, Immobilien-Aktien) gelitten. Am stärksten haben Kryptowährungen, wie etwa Bitcoin eingebüsst mit einem Minus von über 60 %.

Trendwende
Die insgesamt hohen Kurseinbussen gehen auf tektonische Verschiebungen im Kapitalmarkt zurück, welche auch im Jahr 2023 bestimmend sein werden. Dazu gehört das Ende des Tiefzins-Umfelds und der Anstieg der Inflationserwartungen. Zwar haben diese Veränderungen weitreichend Konsequenzen auf Wirtschaft und Finanzmärkte, doch die Märkte zeigen grundsätzlich eine hohe Widerstandskraft.

Doch brauchen Märkte Trends. Und einige davon, die in den letzten Jahren prägend waren, fallen weg. Der langlaufende Trend sinkender Zinsen – vorbei. Der Bullenmarkt in Aktien mit dem kometenhaften Aufstieg der US-Tech Unternehmen, die Aktienindizes dominierten – gestoppt. Eine lange Phase des Friedens und der weltwirtschaftlichen Integration – vorbei.

Märkte suchen jetzt neue Trends, welche die kommenden Jahre bestimmen werden. Vorerst werden sie noch mit der Rezession klarkommen müssen, die wir zu Beginn von 2023 erwarten. Aber bereits in der zweiten Jahreshälfte wird sich diese Suche mit einer konjunkturellen Erholung intensivieren. (VPB/mc/pg)

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