Wenn Sicherheit zum Risiko wird: Viele Schweizer bereuen allzu vorsichtige Finanzentscheidungen
Zürich – Die Schweizer Bevölkerung gilt als vorsichtig. Doch diese Vorsicht hat ihren Preis, wie eine neue Studie von Zurich Schweiz in Zusammenarbeit mit Sotomo zeigt: «Gerade bei der Geldanlage und bei der Vorsorge kann das Streben nach Sicherheit selbst zum Risiko werden», erklärt Studienleiter Michael Hermann.
Zwei von drei Personen bereuen es, in den vergangenen Jahren in mindestens einem Lebensbereich zu wenig gewagt zu haben – am häufigsten bei Finanzfragen. Auffällig ist, dass fast die Hälfte der Erwerbstätigen (47%) damit rechnet, ihren Lebensstandard im Alter nicht halten zu können. Dennoch scheuen viele risikoreichere Investments, die sich in der Vergangenheit bei langen Anlagehorizonten in der Regel als renditereichere Strategie erwiesen haben.
In der Schweiz halten sich Vorsichtige und Wagemutige die Waage: Rund die Hälfte der Befragten (47%) schätzt sich selbst als risikofreudig ein, die andere Hälfte (45%) als ängstlich. Bemerkenswert ist die Differenz zwischen Selbst- und Fremdbild – so wird die Schweizer Bevölkerung als Ganzes mehrheitlich (75%) als ängstlich wahrgenommen.
«Die Risikobereitschaft der Schweizer Bevölkerung variiert stark nach Lebensbereich», sagt Studienleiter Michael Hermann. Risiken werden von ihr am ehesten im Verkehr (33%), beim Reisen (30%) und bei Sport- und Outdoor-Aktivitäten (18%) eingegangen. Deutlich vorsichtiger ist sie bei Finanzanlagen (14%), in zwischenmenschlichen Beziehungen (13%) oder beim Kleidungsstil (7%).
Bei der Risikofreude zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Männer beschreiben sich mehrheitlich als risikofreudig (56%), Frauen mehrheitlich als ängstlich (53%). Im Sport gehen Männer fast doppelt so häufig Risiken ein (23%) wie Frauen (13%). Noch grösser ist der Unterschied bei Finanzanlagen, wo sich Männer (19%) deutlich risikofreudiger zeigen (19%) als Frauen (7%). Junge Männer sind besonders risikofreudig bei Finanzanlagen (25%), wohingegen junge Frauen häufiger als junge Männer angeben, beim Reisen und im Arbeitsleben grössere Risiken einzugehen.
Vorsicht bei Geldanlagen
So risikofreudig sich die Schweizer Bevölkerung in einzelnen Lebensbereichen gibt – bei Finanzfragen ist sie deutlich zurückhaltender. Besonders ausgeprägt ist diese Risikoaversion bei Frauen. Sie zeigt sich auch konkret im Anlageverhalten: Die Mehrheit (52%) setzt auf ein niedriges Risikoprofil.
Rückblickend wird das eigene Risikoverhalten in diesem Bereich oft kritisch hinterfragt: Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung bereuen, in den vergangenen fünf Jahren in mindestens einem Lebensbereich zu wenig Risiko eingegangen zu sein. Am häufigsten betrifft dies Finanzfragen – jede dritte Person bereut, bei ihren Investitionen zu vorsichtig gewesen zu sein. Rund jede sechste Person bereut dies in Bezug auf Reisen, zwischenmenschlichen Beziehungen oder das Arbeitsleben.
Altersvorsorge: Wenn Sicherheit zum Risiko wird
Im Rückblick wird das Streben nach Sicherheit bei Finanzfragen von vielen als verpasste Chance wahrgenommen. Diese Vorsicht kann insbesondere bei der Altersvorsorge zum Risiko werden, da die Herausforderungen für den Erhalt des Lebensstandards im Alter zugenommen haben. Unter den heutigen Rahmenbedingungen, die geprägt sind durch tiefe Umwandlungssätze und niedrige Zinsen, geht knapp die Hälfte der Erwerbsbevölkerung (47%) davon aus, ihren Lebensstandard im Alter nicht halten zu können. Generell bereitet die Altersvorsorge häufiger Sorgen als die aktuelle finanzielle Lage: Gut die Hälfte der Erwerbsbevölkerung (54%) fühlt sich hinsichtlich ihrer Altersvorsorge unsicher, bezogen auf die aktuelle finanzielle Situation trifft dies nur auf rund einen Drittel zu.
Die Mehrheit legt ihre privaten Vorsorgegelder risikoarm an: 45 Prozent setzen bei der Anlage der 3. Säule auf ein niedriges, 28 Prozent auf ein mittleres und 27 Prozent auf ein hohes Risikoprofil mit vorwiegend oder ausschliesslich Aktien und Fonds. Angesichts des langen Anlagehorizonts, der mittelfristige Schwankungen abfedert, kann gerade diese Vorsicht zum Risiko für eine ausreichende Altersvorsorge werden, denn risikoreichere Anlagen haben in der Vergangenheit über längere Zeiträume in der Regel eine deutlich höhere Rendite erzielt. Hinter der Vorsicht bei der Anlage der Vorsorgegelder steht wohl oft die Sorge vor Kurseinbrüchen an den Finanzmärkten: Ein Fünftel (21%) der Erwerbsbevölkerung betrachtet Börsencrashs als grosses Risiko für ihre Altersvorsorge, wohingegen nur 4 Prozent der Pensionierten rückblickend angeben, dass ein Börsencrash ihre Altersvorsorge beeinträchtigt hat. «Die Studie zeigt ein Spannungsfeld auf: Das Bedürfnis nach Sicherheit ist nachvollziehbar – doch es kann selbst zum Risiko werden. Wer bei der Vorsorge oder bei Finanzanlagen jedes Risiko meidet, riskiert am Ende genau die finanzielle Sicherheit, die er sich wünscht», sagt Sotomo-Geschäftsführer Michael Hermann.
Hinzu kommt, dass beim eigenen Handlungsspielraum in der Vorsorge weiterhin Wissenslücken bestehen: Die seit diesem Jahr neu eingeführte Möglichkeit, Einzahlungen in die Säule 3a rückwirkend nachzuholen, ist erst rund der Hälfte (53%) der Erwerbsbevölkerung bekannt.
Berufliche (Un-)Sicherheit in Zeiten von KI
Der Arbeitsplatz ist für die Mehrheit der Erwerbstätigen ein wichtiger Anker der Sicherheit: 89 Prozent fühlen sich an ihrem aktuellen Arbeitsplatz sicher. Diese Sicherheit ist den Menschen wichtig und prägt auch persönliche Entscheidungen: Die Hälfte (52%) der Erwerbstätigen ist schon einmal aus Sorge vor finanzieller Unsicherheit in einem Job geblieben, obwohl sie dabei unglücklich war.
«Auch im Berufsleben zeigt sich damit das Spannungsfeld zwischen Vorsicht und Risikobereitschaft – und gerade in einer sich rasch wandelnden Arbeitswelt kann das Festhalten am Vertrauten selbst zum Risiko werden», sagt Studienleiter Michael Hermann. Befeuert wird diese Unsicherheit durch die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI): Knapp ein Drittel der Erwerbstätigen (31%) geht davon aus, dass in fünf Jahren mindestens die Hälfte ihrer heutigen Arbeitstätigkeiten von KI übernommen werden könnte. Knapp vier von zehn Befragten (38%) machen sich deswegen bereits leichte (31%) oder grosse (7%) Sorgen um die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes. Unter den 18- bis 35-Jährigen ist dieser Anteil mit 42 Prozent noch höher. In dieser Altersgruppe macht sich mehr als ein Drittel aufgrund von KI bereits Gedanken über eine berufliche Neuorientierung. (Zurich/mc/ps)
Zur Studie
Die repräsentative Onlinebefragung wurde im Januar 2026 durchgeführt und basiert auf den Angaben von über 1’700 Personen in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz. Die Studie ist Teil der langjährigen Zusammenarbeit von Zurich Schweiz und dem Forschungsinstitut Sotomo.