Abbvie stellt Übernahme von Shire in Frage – Aktie bricht ein

Abbvie

Abbvie-Firmensitz in Chicago.

Hampshire / New York – Die eigentlich schon sicher geglaubte Übernahme des irisch-britischen Pharmakonzerns Shire durch den US-Konkurrenten Abbvie steht überraschend auf der Kippe. Der Verwaltungsrat werde am 20. Oktober zusammenkommen und beraten, ob die Empfehlung an die Aktionäre, dem Geschäft zuzustimmen, wieder zurückgezogen werde, teilte Abbvie am Dienstagabend mit. Hintergrund ist, dass der Konzern offenbar nicht die erhoffte Steuerersparnis erzielen kann.

Anleger reagierten enttäuscht. Am Mittwochvormittag büsste die Aktie von Shire in London bis zu 30 Prozent an Wert ein. Dies war der grösste Kursverlust in zwölf Jahren. „Die Investoren sind verwirrt und geschockt und wir hoffen, dass sich das bald auflöst“, schreibt Analyst Jeffrey Holford von Jefferies in einer Markteinschätzung. Die Kommunikationspolitik von Abbvie verstärke die Unsicherheit noch.

Die Konzernführung aus Chicago hatte vergangenen Monat ihren Angestellten mitgeteilt, dass bei der Übernahme alles nach Plan laufe. Im Juli hatte der Konzern sein Vorhaben öffentlich gemacht. Auch Shire stimmte nach einigem Zögern der insgesamt 32 Milliarden Pfund schweren Offerte der Amerikaner zu.

Shire ist auf ertragreiche Nischenprodukte mit Patentschutz spezialisiert. Grösster Umsatzbringer ist das Geschäft mit Medikamenten zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). Sollte Abbvie von dem Geschäft zurücktreten, dann wäre eine Ausgleichszahlung, eine sogenannte „Break-up Fee“, in Höhe von 1,6 Milliarden Dollar an Shire fällig.

Abbvie hatte geplant, durch den Kauf von Shire seinen steuerrechtlichen Sitz auf die britischen Inseln zu verlegen. Das sollte dem Unternehmen durch die niedrigere Steuerquote in Grossbritannien reichlich Geld sparen. Dem hat nun aber eine im September erlassene neue Regelung der US-Finanzbehörde einen Riegel vorgeschoben.

Die Pharmabranche ist bereits seit geraumer Zeit im Umbruch. Auslaufende Patente, wachsende Konkurrenz durch billige Nachahmermedikamente sowie teure Neuentwicklungen zwingen die Unternehmen zum Handeln. Zudem spielen Kosten- und Steuerersparnisse eine wichtige Rolle.

Das bewog auch den US-Pharmariesen Pfizer zu einem Übernahmeversuch beim britisch-schwedischen Konzern AstraZeneca . Das Geschäft kam aber trotz eines 117 Milliarden schweren Angebots nicht zu Stande. Marktbeobachter, die bislang davon ausgehen, dass der Viagra-Hersteller einen erneuten Vorstoss bei den Briten starten wird, sehen nun die Chancen schwinden. „Sollte Pfizer nicht die vollen steuerlichen Vorteile abschöpfen können, würde dies den Preis drücken und das dürfte AstraZeneca niemals akzeptieren“, sagte Odile Rundquist von Helvea SA. AstraZeneca-Aktien gaben am Mittwoch 3,84 Prozent nach. (awp/mc/ps)

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