Airbus kann im Schlussspurt an Boeing vorbeiziehen

Tom Enders
Airbus-Konzernchef Tom Enders. (Foto: Airbus)

Paris – Zum Ende eines traumatischen Jahrs winkt dem europäischen Flugzeugbauer Airbus doch noch ein Lichtblick. Mit einem fulminanten Schlussspurt könnte der von Führungsstreitigkeiten und Korruptionsermittlungen gebeutelte französisch-deutsche Konzern den US-Erzrivalen Boeing im alljährlichen Rennen um die meisten Aufträge noch überholen.

Seit Ende November hat Airbus 705 Orders für Flugzeuge mit schmalem Rumpf gemeldet, wie sie gewöhnlich auf Kurzstrecken eingesetzt werden. Zusammen mit den 333 Bestellungen aus den ersten elf Monaten wären das mehr als 1000 Neuaufträge. Boeing zählte bis zum 19. Dezember 844 Bestellungen, inzwischen dürften es an die 900 sein.

Doch wie viele Aufträge Airbus tatsächlich in das Orderbuch wird schreiben können, ist unklar. Die Statistik wird regelmässig um Stornierungen bereinigt. So macht etwa die ungarische Wizz Air die Bestellung von 146 Maschinen von der Zustimmung ihrer Aktionäre abhängig.

Sie ist Teil des Mega-Auftrags für 430 Flugzeuge aus der A320-Familie, den der US-Finanzinvestor Indigo Partners für vier Fluggesellschaften ausgehandelt hat, an deren er beteiligt ist. Dazu kamen in den vergangenen Tagen 100 Jets für Delta Air Lines und jeweils 50 Airbusse für die Flugzeugvermieter AerCap und China Aircraft Leasing (CALC).

Offiziell hat Airbus sein Ziel zuletzt auf 700 von 400 nach oben geschraubt. Doch der Ehrgeiz des scheidenden Verkaufschefs John Leahy dürfte weitergehen: der 67-jährige New Yorker, der nach einer beispiellosen Karriere im Februar in Ruhestand geht, will Boeing abfangen. Der Endspurt ist schon jetzt ungewöhnlich. Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre hat Airbus im Dezember gerade einmal ein Fünftel seiner Aufträge eingeworben.

Mengenrabatte zulasten der Marge
Analysten und Brancheninsider unken, dass Leahys Ambitionen auf Kosten der Marge gehen. Indigo Partners dürfte ungewöhnlich hohe Mengenrabatte erhalten haben. Auch AerCap und CALC dürfte Airbus mit grossen Nachlässen geködert haben.

Das zeige die wachsende Macht der Käufer, sagt Teal-Analyst Richard Aboulafia. „Aber in dieser Branche geht nun einmal alles um Masse.“ Airbus erklärte, man habe keine ungewöhlichen Zugeständnisse gemacht. Der Preis hänge aber natürlich von der Auftragshöhe ab.

Die beiden Branchenriesen können sich Nachlässe leisten, verdienen sie doch mit den Schmalrumpf-Maschinen („narrow body“) das meiste Geld.

Bei Grossraumflugzeugen freilich scheint der Vorsprung der Amerikaner uneinholbar. Nur 46 grosse Jets vom Typ A380 hat Airbus in diesem Jahr verkauft, auch wenn man in Toulouse immer noch auf eine Order über 36 Maschinen von Emirates hofft. Für den Boeing Dreamliner gingen mehr als dreimal so viele Aufträge ein, so viele wie seit 2013 nicht mehr. (awp/mc/ps)

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