Biotechindustrie hat sich 2016 abgeschwächt – hält aber Kurs

Jürg Zürcher
Jürg Zürcher, Biotech Leader bei EY Schweiz. (Foto: EY)

Zürich – Die globalen Biotechunternehmen haben 2016 trotz einem Rückgang der Finanzierungen in den USA und Europa, deutlich gesunkener Bewertungen und des zunehmenden Drucks der Kostenträger weiter in neue Behandlungen investiert. Wie die 31. Ausgabe des jährlichen Reports von EY zur Biotechnologieindustrie Beyond borders: staying the course zeigt, wurde diese Entwicklung von der zunehmenden Reife der Industrie und den positiven Konjunkturtrends unterstützt.

Allerdings stiegen die Umsätze der im Bericht analysierten börsengehandelten Biotechs das zweite Jahr in Folge deutlich weniger stark als im entsprechenden Vorjahr. Der kumulierte Reingewinn sank um mehr als die Hälfte. Zu den Herausforderungen der Branche zählen nach wie vor die Produktivität der Forschung und Entwicklung (F&E) und das Aufkommen neuer Geschäftsmodelle.

Jürg Zürcher, EY EMEIA Biotechnology Leader, sagt dazu: «Aufgrund konsequenter Kostensenkungsmassnahmen der Kostenträger hat sich das Umsatzwachstum markant abgeschwächt. Dennoch erwies sich die globale Biotechindustrie trotz der anhaltenden regulatorischen und politischen Unsicherheitsfaktoren als bemerkenswert robust. Insbesondere zeigen die Fähigkeiten junger Biotech-Unternehmen, ein bedeutendes Volumen an Risikokapital zu mobilisieren, sowie die rekordhohen F&E-Investitionen, dass die Branche weiterhin auf Wachstum eingestellt ist.»

Zu den wichtigsten Ergebnissen des Berichts zählen:

  • Umsatzwachstum verlangsamt sich, Reingewinn und Finanzierung sinken: Der Umsatz der Biotech-Unternehmen in den USA und Europa belief sich 2016 auf insgesamt 139,4 Milliarden USD, was einem Plus von nur noch 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der Reingewinn sank gegenüber dem Vorjahr um 52 Prozent auf 7,9 Milliarden USD und die Finanzierungen gingen um 27 Prozent auf 51,1 Milliarden USD zurück. Dies ist der erste Rückgang seit vier Jahren, aber dennoch der dritthöchste jemals registrierte Wert.
  • Starker Rückgang der Marktkapitalisierung: 2016 sank der kumulierte Marktwert um 17 Prozent auf 863 Milliarden USD. Damit liegt der Wert erstmals seit drei Jahren wieder unter der Schwelle von einer Billion USD. Wie auch im breiteren Markt setzte 2017 eine Erholung der Bewertungen ein. Die Aussicht auf eine Steuerreform in den USA und die anhaltende Marktkonsolidierung verliehen dem Sektor Auftrieb.
  • Forschungsausgaben erreichen neue Höhen: Die F&E-Ausgaben, ein Schlüsselindikator für die Zukunftsaussichten des Sektors, verzeichneten mit 45,7 Milliarden USD (+12 Prozent gegenüber dem Vorjahr) einen neuen Rekord.
  • Early-Stage-Risikokapital ist weiterhin reichlich vorhanden: Seed-Kapital und Serie-A-Risikokapital für Biotechs beliefen sich 2016 auf insgesamt 3,6 Milliarden USD. Mit 36 Prozent des gesamten mobilisierten Risikokapitals von 10 Milliarden USD ist dies ein neuer Rekordwert. Dieser Gesamtwert übertraf den letzten 15-Jahres-Durchschnitt von 1,3 Milliarden USD bei Weitem.
  • Kapitalströme aus dem Osten, Globalisierung des Innovationskapitals: Die von Biotechfirmen mit einem Umsatz von weniger als 500 Millionen USD beschafften Gelder (sogenanntes Innovationskapital) sanken um 37 Prozent auf 26,3 Milliarden USD. Dieser Wert ist aber immer noch höher als der letzte 15-Jahres-Durchschnitt. Da 2016 der Zugang zu vielen traditionellen Kapitalformen schwieriger wurde, betrachten die Biotechunternehmen Asien, insbesondere China, als potenzielle Kapitalquelle. Diese Unternehmen suchen ausserdem zusätzliche Quellen für Innovationskapital.
  • Rege M&A-Aktivitäten, doch die garantierten Gelder sinken: 2016 wurden 79 Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von 94,4 Milliarden USD abgewickelt. Das ist weniger als im Rekordjahr 2015, doch immer noch das zweithöchste jemals verzeichnete Ergebnis sowohl nach Wert als auch Volumen. Die garantierten Gelder für Allianzen gingen deutlich zurück. 17 Prozent des gesamten M&A-Werts sind an Meilensteinen gebunden, die möglicherweise nicht realisiert werden.

Mit dem eindrucksvollen finanziellen F&E-Engagement der Biotechs müssen Effizienzverbesserungen einhergehen, um gleichzeitig die Kapitalrenditen zu erhöhen und die Erschwinglichkeit der Medikamente für die Kostenträger zu verbessern. «Da der Preisdruck weiter zunehmen dürfte, müssen die Unternehmen neue digitale Technologien und künstliche Intelligenz in ihre traditionellen Auswahlverfahren für Wirkstoffe und ihre generellen F&E-Prozesse integrieren, um diese Renditen zu erreichen», erklärt Frederik Schmachtenberg, Life Sciences Partner bei EY Schweiz.

Die von den Kostenträgern ausgehende Verlangsamung des Umsatzwachstums ist ein weiterer Beleg für die Notwendigkeit dafür, dass die Unternehmen die Umstellung ihrer Geschäftsmodelle hin zu einem Fee-for-Value-Ansatz beschleunigen müssen. «Das Eingehen datenfokussierter Allianzen mit Unternehmen, die zunehmend auf den Gesundheitsmarkt drängen, ist von zentraler Bedeutung, um diese Transformation erfolgreich abzuschliessen. Biotechunternehmen müssen in Zukunft disruptive digitale Technologien einsetzen, da Technologie- und Wellnessunternehmen sowie andere nicht traditionelle Anbieter mit umfangreichen Konsumenten- und Patientendaten auf den traditionellen Biopharmamarkt drängen», sagt Frederik Schmachtenberg.

2018 dürfte die Branche auf globaler Ebene weiter wachsen. In China entsteht gerade ein Ökosystem von Risikokapital mit strategischen Anlegern und Finanzinvestoren, durch das rasch eine neue Generation von einheimischen Biotechs herangezüchtet wird. Diese und andere Wettbewerbsformen – getrieben von digitalen Technologien sowie bahnbrechenden biologischen Technologien, darunter Zelltherapien, Genomchirurgie und Biosimilars – werden die Transaktionen auf dem Biopharmamarkt weiter beflügeln. «Die M&A-Aussichten treiben die Erwartungen und die Bereitschaft der Investoren, neue Wirkstoffentdeckungen und -entwicklungen zu finanzieren, in die Höhe, obwohl sich die Biotechs an neue regulatorische und politische Realitäten anpassen müssen», so Jürg Zürcher.

Die Schweiz trotzt den globalen Trends
2016 war ein sehr starkes Jahr für den Biotechnologiemarkt der Schweiz. Schweizer Biotechs sammelten in Europa nach britischen Firmen die zweithöchsten Beträge für ihre Geschäftsaktivitäten ein. ADC Therapeutics mit Sitz im Kanton Waadt erhielt 105 Millionen USD, mehr als jedes andere europäische Unternehmen. AC Immune und CRISPR Therapeutics konnten ebenfalls erhebliche private Risikokapitalbeträge mobilisieren. Bei den IPOs lagen Schweizer Biotechfirmen in Europa an der Spitze: Der Gang von AC Immune an die Nasdaq im September 2016 war das grösste IPO eines europäischen Biotechs des Jahres. Das auf Alzheimer spezialisierte Unternehmen brachte 76 Millionen USD auf, um in der Entwicklung befindliche Kandidaten für therapeutische Impfstoffe und Antikörper zu finanzieren. AC Immune war eines der drei Schweizer Biotechs, das unter den Top 10 europäischen IPOs nach Dollarwert rangierte, CRISPR Therapeutics und GeNeuro waren die beiden anderen.

«Anders als der globale Markt kann der Schweizer Biotechsektor auf ein sehr erfolgreiches Jahr 2016 zurückblicken und ist weiterhin stark. Die Aussichten sind besonders vielversprechend: Der Trend zu einer grösseren Komplexität und beispielloser strategischer und politischer Unsicherheit eröffnet neue Möglichkeiten. Dank eines exzellenten Forschungsumfelds in einer kleiner Region ist der Schweizer Biotechsektor ideal positioniert, um Komplexität und Unsicherheit in Wirtschaftswachstum umzumünzen», so das Fazit von Jürg Zürcher. (EY/mc)

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