Ein Skandal zu viel: Aus für «News of the World»

James Murdoch

Jung-Verleger James Murdoch.

Im Skandal um abgehörte Handys zieht der Murdoch-Konzern Konsequenzen und stellt die britische Boulevardzeitung «News of the World» ein. Am kommenden Sonntag werde die letzte Ausgabe der traditionsreichen Zeitung erscheinen, sagte der Chef von News International, James Murdoch, am Donnerstagabend.

Er gestand schwere Fehler im Umgang mit der Affäre ein. Diese Woche war der Skandal eskaliert, als bekanntwurde, dass Journalisten der berüchtigten Sonntagszeitung unter anderem die Handys von Soldaten-Witwen, Opfern von Terroranschlägen und Familien entführter Kinder angezapft haben sollen.

Letzte Ausgabe ohne bezahlte Anzeigen
Die Ausgabe am Sonntag werde keine bezahlten Anzeigen enthalten, erklärte James Murdoch. Stattdessen bekämen Hilfsorganisationen die Möglichkeit, kostenlos für ihre Sache zu werben. Der Erlös der Sonntagsausgabe werde dann für wohltätige Zwecke gespendet. Medienangaben zufolge ist die «News of the World» mit rund 2,8 Millionen verkauften Exemplaren pro Woche das meistverkaufte Blatt Grossbritanniens. Die als «Revolverblatt» verschriene Zeitung erscheint im Verlag News International, dem britischen Arm des Medienimperiums von Rupert Murdoch, der News Corporation. Chef der britischen Ablegers ist Murdochs Sohn James.

«Das war falsch und ich bereue es sehr»
Der Abhörskandal beschäftigt Grossbritannien seit Jahren, zunächst war aber «nur» von abgehörten Telefonaten von Politikern und Prominenten die Rede. «Wenn die neuen Vorwürfe stimmen, dann war das unmenschlich und hat in unserem Unternehmen keinen Platz», begründete Murdoch die wohl beispiellose Entscheidung. Die «News of the World» ist das Schwesterblatt der «Sun» und hat sich auf mehr oder minder wahre Skandale um Prominente spezialisiert. Die «News of the World» habe es nicht geschafft, den Vorgängen um die Abhörmethoden auf den Grund zu gehen, sagte James Murdoch. Man habe vor dem britischen Parlament falsche Auskunft gegeben, weil man nicht alle Fakten gekannt habe. Er selber habe einige aussergerichtliche Einigungen unterzeichnet, obwohl er nicht das ganze Ausmass der Fälle gekannt habe. «Das war falsch und ich bereue es sehr.»

Springt die «Sun» sonntags in die Bresche?
Politiker und Medienexperten betonten am Donnerstag, dies sei noch lange nicht das Ende des Skandals. «Es ist ein grosser Schritt, aber ich glaube nicht, dass die wahren Probleme gelöst sind», sagte Ed Miliband, Chef der sozialdemokratischen Labour-Partei. Premierminister David Cameron betonte, er werde weiter dafür kämpfen, das es eine öffentliche Untersuchung der Vorwürfe gebe. Die «News of the World» gibt es seit 168 Jahren. Ob es nun stattdessen eine Sonntagsausgabe der «Sun» geben wird, wollte das Unternehmen zunächst nicht sagen. Zur Zukunft der rund 200 Mitarbeiter des Blattes sagte eine Sprecherin von News International dem Sender BBC zufolge, sie könnten sich bei anderen Medien des Konzerns bewerben.

Milliarden-Deal steht auf dem Spiel
Rupert Murdoch wollte sich auf Anfrage des britischen Senders BBC nicht zu den Vorgängen äussern. Zuvor hatte er die Methoden verurteilt, aber noch erklärt, er stehe zu seinen Leuten. Für Murdoch steht in Grossbritannien einiges auf dem Spiel: Er muss um die milliardenschwere Komplettübernahme des Fernsehkonzerns BSkyB fürchten. Am Donnerstag war bekanntgeworden, dass inzwischen 4.000 Namen auf der Liste mit Abhöropfern stehen. Mehrere Hundert weitere könnten ebenfalls im Visier der Reporter gewesen sein. Es waren bereits Stars wie die Schauspieler Sienna Miller, Jude Law und Hugh Grant als Opfer der Abhöraffäre genannt worden.

Unsägliche Methoden
«News of the World»-Reporter sollen Verbrechensopfer, Witwen von im Irak-Krieg gefallenen Soldaten und Angehörige der Opfer der Terroranschläge vom 7. Juli 2005 auf die Londoner U-Bahn angezapft haben. Für Aufsehen hatte vor allem der Fall eines entführten und getöteten Mädchens gesorgt: Die Reporter sollen, so der Vorwurf, dessen Handy-Mailbox nicht nur abgehört, sondern alte Meldungen gelöscht haben, um Platz für neue zu schaffen. Eltern und Polizei glaubten deshalb, die kleine Milly lebe noch – obwohl ihr Entführer sie bereits ermordet hatte. Die Zeitung «Evening Standard» berichtete am Donnerstagabend zudem, ranghohe Mitarbeiter der Londoner Polizei hätten rund 100.000 Pfund an Bestechungsgeldern von «News of the World» angenommen. Nähere Informationen dazu gab es zunächst nicht. (awp/mc/upd/ps)

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