Euler Hermes: Warum Brasilien & Co. unter der China-Grippe leiden

Ludovic Subran
Ludovic Subran, Chefökonom von Euler Hermes. (Foto: Euler Hermes)

Ludovic Subran, Chefökonom der Euler Hermes Gruppe. (Foto: Euler Hermes)

Zürich – 25% mehr Pleiten im vergangenen Jahr, 20% mehr Insolvenzen in 2016 – das ist die Prognose des führenden Kreditversicherers Euler Hermes für China. Das hat nicht nur für den „roten Drachen“ selbst Auswirkungen, sondern auch für dessen Handelspartner. Das Immunsystem der Industrieländer ist im Gegensatz zu vielen Schwellenländern relativ robust. Dort grassiert in einigen Ländern jedoch eine „China-Grippe“. Besonders hart sind die Folgen in der direkten Lieferkette der chinesischen Produktionsfirmen zu spüren. Der China-Virus greift vor allem in der näheren Umgebung um sich, beispielsweise in Hongkong, Singapur oder Taiwan – aber auch in Südkorea und vor allem in Lateinamerika: Brasilien, Argentinien, Venezuela, Ecuador und zum Teil in Chile.

China war 2014 für die Schweiz der fünftwichtigste Aussenhandelspartner. 12,1 % der Importe und 8,8 % der Exporte werden mit China abgewickelt. Für 2015 liegen noch keine Daten vor, doch ist anzunehmen, dass trotz schwächeren Wachstum in China die Bedeutung für die Schweizer Wirtschaft nicht geringer geworden ist.

Der Sprung über den Pazifik: Brasilien & Co. leiden unter China-Grippe
„Der Sprung der ‚China-Grippe‘ über den Pazifik erscheint auf den ersten Blick erstaunlich, tatsächlich ist China aber einer der grössten Handelspartner der lateinamerikanischen Staaten“, sagte Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Euler Hermes Gruppe. „Allein in den letzten 15 Jahren hat sich der Handel zwischen lateinamerikanischen Staaten und China verzwanzigfacht. Zudem plant China, die aktuellen Zahlen zu verdoppeln und beim bilateralen Handel 2019 einen Wert von rund 500.000 Millionen US-Dollar zu erreichen.“

China ist wichtiger Investor und Geldgeber verschiedener lateinamerikanischer Staaten
Die Chinesen investieren kräftig in Lateinamerika. 90% aller chinesischen Investitionen zielen auf die primäre Industrie ab sowie Infrastruktur- und Logistikprojekte wie beispielsweise eine Eisenbahn, die die brasilianische mit der peruanischen Küste verbinden soll. Ziel ist es dabei, Agrar-, Bergbau- und Energieprodukte schnell und einfach im Landesinneren zu transportieren und anschliessend nach China zu verschiffen.

Bei einigen lateinamerikanischen Staaten, die an den weltweiten Finanzmärkten kaum an Kredite kommen, ist China zudem wichtiger Geldgeber. Argentinien, Ecuador und Venezuela trifft das verlangsamte Wachstum deshalb gleich dreifach.

Brasilien: China ist wichtigster Handelspartner der Sambanation
Für die Brasilianer ist China der allerwichtigsten Handelspartner: 20% der brasilianischen Exporte gehen nach China und 17% der Importe kommen dorther. Wächst China langsamer, merkt das die Sambanation umgehend.

„Viele der brasilianischen Probleme sind aber auch hausgemacht“, sagte Subran. „Brasilien steckt in einer Rezession und das wird auch 2016 so bleiben. Hier kommen derzeit also interne politische Probleme mit der Weltwirtschaftslage und einem verlangsamten Wachstum in China zusammen. Dies zeigt sich auch bei der Entwicklung der Pleiten: 2015 sind diese – wie in China – bereits um ein Viertel angestiegen und auch 2016 ähneln sich die Fallzahlen in China mit +20% und Brasilien mit +18% frappierend.“

In Brasilien ist aber noch nicht Schluss, denn Brasilien ist im Kreise der „Mercosur“-Länder ein wichtiges Drehkreuz für den Handel in Südamerika und der Effekt wird so auch noch von anderen Ländern mitimportiert.

Chile, Peru, Venezuela: grösste Export-Abhängigkeit von China, Risiko von Preisschwankungen
Rund ein Viertel der chilenischen Exporte gehen beispielsweise nach China. Damit hat Chile zusammen mit Peru (ebenfalls 25%) bei den Exporten die grösste Abhängigkeit von China noch vor Venezuela (22%). Erschwerend kommt das Risiko von Preisschwankungen hinzu, da sich ein Grossteil der Exporte auf nur wenige Güter konzentriert. In Argentinien ist es Soja, in Peru sind es Metalle und Chile exportiert vor allem Kupfer. Die Preise sind durch das verlangsamte Wachstum in China in den letzten Jahren bereits stark gefallen und das trifft die dortige Exportwirtschaft erheblich.

Dreifach-Schocks für Argentinien, Venezuela und Ecuador
In Argentinien, Ecuador  und Venezuela ist der Effekt der China-Grippe insgesamt allerdings am stärksten zu spüren. Sie stehen unter einem Dreifach-Schock: Die Exporte nach China sinken, die Rohstoff- und vor allem Ölpreise sind auf dem niedrigsten Stand seit Jahren und zudem sind die Staaten bei ihrer Finanzierung stark von China abhängig.

Hustet der rote Drache – hustet Lateinamerika mit
„Mit den Exporten sinken die Einnahmen in den lateinamerikanischen Staaten. Durch die restriktive Finanzpolitik Chinas steht auch die Finanzierung im Ausland auf sehr wackligen Beinen. An den weltweiten Finanzmärkten kommen Argentinien, Ecuador und Venezuela allerdings nur schwerlich an Geld. Mit dem sinkenden Interesse Chinas, dort zu investieren oder zu finanzieren, intensivieren sich ihre Probleme überproportional und die Risiken steigen durch ihre hohe Abhängigkeit vom heissen Atem des roten Drachen. Schwächelt er, schwächeln sie mit.”
Euler Hermes Studie China: MONKEY forces for the Year of the Monkey“ (EN)
Euler Hermes Studie zur chin. Wirtschaft: „China: Great Wall, Great Mall, Great Fall? Not really…“ (EN)

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