EY: Stimmung in globaler Biotech-Industrie seit Jahresbeginn gedämpft

Biotechnologie

Zürich – Der Höhenflug der globalen Biotech-Industrie hat sich auch 2015 fortgesetzt: Die Umsätze der von EY analysierten Unternehmen in Europa und den USA stiegen um 13 Prozent auf 132,7 Milliarden US-Dollar, die Gewinne um 18 Prozent auf 16,6 Milliarden Dollar. Weiter zählte die Industrie 2015 über 33‘000 Arbeitsplätze mehr als im Vorjahr. Die Marktkapitalisierung erhöhte sich zwar 2015 insgesamt noch leicht, seit letztem Sommer ging aber ein Viertel an Wert verloren. Auch andere Kennzahlen lassen im laufenden Jahr nach, nicht zuletzt wegen aggressiver Massnahmen zur Kostensenkung im Gesundheitswesen. Es ist davon auszugehen, dass der Gipfel des Erfolgs bereits überschritten wurde.

Global operierende Biotech-Unternehmen erzielten das dritte Jahr in Folge neue Rekorde bei Kennzahlen wie Umsatz, Reingewinn, Finanzierung und Transaktionen. Da aber die Zahlen im laufenden Jahr an Schwung und die Investoren an Interesse verlieren, ist damit zu rechnen, dass die Branche vorerst keine neuen Rekorde aufstellen wird, wie das Beratungsunternehmen EY im aktuellen Report Beyond borders – Returning to earth schreibt.

«Trotz der erneut beeindruckenden Performance sehen sich in der kommerziellen Phase befindliche Biotech-Unternehmen zahlreichen Herausforderungen gegenüber: Insbesondere der zunehmende Preisdruck wegen immer aggressiverer Massnahmen der Krankenkassen und weiterer Kostenträger bereitet Sorgen. Um das Vertrauen der Anleger in das langfristige Potenzial der Branche zu stärken und die Basis für zukünftiges Wachstum zu schaffen, müssen Biotech-Unternehmen Kostenträgern, Ärzten, Patienten und der Öffentlichkeit den Wert ihrer Produkte klar vor Augen führen», sagt Jürg Zürcher, Biotech-Leader für EMEIA sowie Life Sciences Leader für die Schweiz bei EY.

Umsätze und Gewinne im Aufwind
Die analysierten Biotech-Unternehmen erzielten 2015 mit einem Umsatzanstieg von 13 Prozent auf 132,7 Milliarden US-Dollar (Anstieg Vorjahr: 18 Prozent) ein neues Rekordhoch. 2015 stieg der Reingewinn um 18 Prozent auf 16,6 Milliarden Dollar, eine weitere neue Höchstmarke. 2014 war der Reingewinn um sagenhafte 214 Prozent hochgeschossen, grösstenteils bedingt durch den starken Umsatz innovativer Hepatitis-C-Medikamente.

Die Biotech-Unternehmen sind solide finanziert und sammelten 2015 knapp 71 Milliarden Dollar ein, bedingt durch eine rekordverdächtige Risikokapitalfinanzierung und das vermehrte Interesse von branchenfremden Investoren. Das von kleineren Biotech-Unternehmen (weniger als 500 Millionen Dollar Umsatz) aufgebrachte Kapital stieg auf das Allzeithoch von 41 Milliar­den Dollar. Angesichts der zurückhaltender agierenden Investoren kommt diese Quelle zur Finanzierung der zukünftigen Forschungstätigkeit und der Geschäftsentwicklung gerade recht.

Jobwunder Biotech
Der Aufwand für Forschung und Entwicklung (F&E) ist ein wichtiger Indikator für die Fitness der Branche. Er stieg 2015 um 16 Prozent auf 40,1 Milliarden Dollar, wovon zwei Drittel auf Biotech-Unternehmen mit weniger als 500 Millionen Dollar Umsatz entfielen. Das F&E-Wachstum zog damit sogar am Umsatzwachstum vorbei. Der Sektor investiert also kräftig in künftige Wirkstoffe und Therapien und vertraut darauf, dass diese sich verkaufen.

Die Biotechbranche erlebte zudem 2015 ein wahres Jobwunder. Insgesamt arbeiteten bei den erfassten Unternehmen Ende letzten Jahres 203‘850 Menschen, das sind 19 Prozent mehr als im Vorjahr. Dieser massive Anstieg beidseits des Atlantiks kann unter anderem damit erklärt werden, dass die Unternehmen an ihre Zukunft glauben und sich wichtige Fachkräfte gesichert und ihre Produktionskapazitäten ausgebaut haben. Allein die auf bioanalytische Dienstleitungen spezialisierte Eurofins Scientific hat rund 5‘400 Mitarbeitende rekrutiert, die grossen Biotechs Regeneron und Gilead Sciences stellten je gut 1‘000 Menschen an, zudem kamen 4‘000 Mitarbeitende dank Börsengängen ihrer Firmen neu in die Statistik.

Wert von neuen Therapien klarer hervorheben
Biotech-Unternehmen müssen in der Zukunft den Wert ihrer Produkte besser demonstrieren und ihre Geschäftsmodelle fokussieren. Es ist erfolgsversprechend, nur noch in wenigen ausgewählten therapeutischen Bereichen eine Vormachtstellung zu erringen, um kommerziell wettbewerbsfähig zu sein und das Wachstum anzutreiben. Diese Besinnung auf fokussierte Geschäftsmodelle hat 2015 massgeblich zum überaus günstigen Transaktionsklima beigetragen.

Die Zahl der Fusionen und Akquisitionen (M&A) erreichte daher zum zweiten Mal in Folge ein Rekordhoch. Mit 89 Transaktionen lag die M&A-Aktivität der Biotech-Branche weit über den 69 Transaktionen von 2014, damals bereits der höchste Wert in zehn Jahren. Der kumulierte Transaktionswert schnellte gegenüber dem Vorjahr um 120 Prozent auf 100,2 Milliarden Dollar und lag damit dicht am Durchschnittswert der letzten drei Jahre.

«Wir werden eine weiterhin hohe Aktivität auf dem M&A-Markt sehen, auch wenn verschärfte US-Steuergesetze die Verlegung von Unternehmenssitzen aus steuerlichen Gründen weniger lukrativ gemacht haben», ist Jürg Zürcher überzeugt. Es stünden wieder mehr strategische statt steuerlicher Gründe für Transaktionen im Zentrum: «Viele Pharma-Unternehmen können ihr Wachstum nur halten, wenn sie von aussen Unternehmen und Therapien ins Haus holen. Inzwischen sind auch die grossen Biotech-Unternehmen finanzkräftig genug, um im laufenden und kommenden Jahr kräftige Übernahmestrategien zu realisieren.»

Allianzen werden immer wichtiger
Grosse Biotech-Unternehmen setzen auch auf strategische Allianzen: Der potenzielle Wert strategischer Allianzen belief sich 2015 auf 55,4 Milliarden Dollar und erreicht damit einen neuen Spitzenwert. Auch Allianzen innerhalb der Biotech-Branche erreichten mit 20,9 Milliarden Dollar einen Höchstwert. «Das zeigt erneut die Wettbewerbsreife grosser Biotechfirmen auf und verdeutlicht, dass auch sie ihre Wachstumsherausforderungen zunehmend mithilfe von Allianzen zu meistern versuchen», sagt Jürg Zürcher.

2015 wurden zum Beispiel 17 Vereinbarungen mit einem potenziellen Wert von mehr als einer Milliarde Dollar abgeschlossen, 2014 waren es nur zwölf und 2013 nur fünf gewesen. Die mit insgesamt 2,63 Milliarden Dollar wertvollste strategische Partnerschaft ging die in Basel beheimatete CRISPR Therapeutics mit Vertex Pharmaceuticals ein. «Bei solchen Partner­schaften sichert sich meist die grössere Partei Zugriff auf innovative Technologieplattformen. Geldzahlungen erfolgen üblicherweise nach Erreichen von vertraglich genau festgelegten Entwicklungszielen oder bei Therapie-Erfolgen spezifischer Wirkstoffe», erläutert Jürg Zürcher.

Im Durchschnitt leisteten Biotech-Lizenznehmer elf Prozent des potenziellen Gesamttrans­aktionswertes als Vorauszahlung, der Wert stieg zum vierten Mal in Folge. Bezeichnend ist, dass diese Vorauszahlungen beinahe zwei Milliarden Dollar an Eigenkapital beinhalten – ein Zeichen dafür, dass die Partner zunehmend daran interessiert sind, langfristige Beziehungen zu kleineren Biotech-Unternehmen aufzubauen.

Marktkapitalisierung stark rückgängig
Über das ganze Jahr 2015 gesehen stieg die kumulierte Marktkapitalisierung der Branche lediglich um 5 Prozent auf 1,07 Billionen Dollar und lag damit weit unter den Wachstumsraten von 65 beziehungsweise 34 Prozent der Jahre 2013 bzw. 2014. Nach fünf Jahren mit wachsender Marktkapitalisierung erreichte der Wert der Industrie am 19. Juli 2015 den historischen Höchstwert von 1,23 Billionen Dollar und ging bis am 31. Mai 2016 um über ein Viertel auf noch 918 Milliarden Dollar zurück. «Die Biotech-Bewertungen sanken aufgrund einer Vielzahl von Faktoren, dazu gehören sicherlich die im US-Wahlkampf geäusserten Bedenken über Arzneimittelpreise, steigende Unsicherheiten auf dem globalen Markt sowie Branchenrotationen durch Investoren. Die US-Valoren mussten zudem mehr leiden als die europäischen», erläutert Jürg Zürcher.

Fähigkeit zu Zusammenarbeit mit Kostenträgern und anderen Partnern
Um erfolgreich zu sein, müssen sich Biotech-Unternehmen in Zukunft auch ausserhalb der Branche auf neue Partner und insbesondere auf die Kostenträger einlassen, um Daten zu erheben, die den Produktwert unter Beweis stellen. Heute stehen in jedem Therapiebereich mehrere Arzneimittel zur Auswahl. Neue Medikamente werden bei Markteinführung meistens nur als ‹potenziell› und nicht als ‹nachweislich› wertschöpfend eingestuft. Um diese Nachweis­lücke zu schliessen, sind neue, datengestützte kommerzielle Modelle erforderlich, die den Übergang von ‹potenziell› zu ‹nachweislich› beschleunigen und die Kostenträger von der Wirkung der Therapie überzeugen. Bei der Erarbeitung solcher Modelle sind die Biotech-Firmen auf Partnerschaften mit Technologiefirmen angewiesen.

«Die Biotechnologie ist längst den Kinderschuhen entwachsen und muss sich um Fragen kümmern, die viele reife Industrien umtreiben. Es geht darum, nachhaltiges Wachstum zu sichern und echte Innovationen hervorzubringen in einer Zeit, in der Ressourcen­beschränkungen den Wert von Produkten und Therapien verändern und neue digital tätige Firmen disruptive Energien freisetzen. Um in diesem Klima weiterhin zu wachsen, können Unternehmen nicht weitermachen wie gewohnt, sondern müssen in neue Fähigkeiten investieren, ihre Forschungs- und Entwicklungsstrategien erneuern und Geschäftsmodelle laufend anpassen», so Jürg Zürchers Einschätzung zur Lage der Branche. (EY/mc/ps)

Über die globale EY-Organisation
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Die EY-Organisation ist in der Schweiz durch die Ernst & Young AG, Basel, an zehn Standorten sowie in Liechtenstein durch die Ernst & Young AG, Vaduz, vertreten. «EY» und «wir» beziehen sich in dieser Publikation auf die Ernst & Young AG, Basel, ein Mitgliedsunternehmen von Ernst & Young Global Limited.

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