Hochtief: Wie geht es weiter nach dem ACS-Einstieg?

Frank Stieler

Frank Stieler, Vorstandsvorsitzender Hochtief.

Essen – Die Nachricht aus Madrid schlug vor einem Jahr wie eine Bombe ein: Mit einer Offerte für den deutschen Konkurrenten Hochtief sorgte der spanische Baukonzern ACS damals für eine handfeste Überraschung – und löste einen erbittert geführten Übernahmekampf aus. Mittlerweile hat ACS die Mehrheit übernommen und hält nach zuletzt veröffentlichten Angaben rund 53 Prozent an Hochtief. Der befürchtete Kahlschlag beim grössten deutschen Baukonzern ist bislang ausgeblieben. Allein in Deutschland beschäftigt Hochtief mehr als 10.000 Mitarbeiter.

«Die Ängste bei den Mitarbeitern bezüglich einer Zerschlagung sind immer noch da. Wann kommt der grosse Schlag? Bislang blieb er aus. Und es gibt keinerlei Anzeichen, dass er noch kommt», sagt Hochtief-Aufsichtsrat und IG Bau-Bundesvorstandssekretär Gregor Asshoff. Auch Hochtief-Betriebsratschef Ulrich Best spricht von einem anhaltenden «Bauchgrummeln» in der Belegschaft. «Von den Befürchtungen ist noch nichts eingetreten», sagt auch er.

«Ein Teil des Plans wird sein, dass jetzt Ruhe einkehrt»

Deutliche Spuren hat die Machtübernahme durch ACS im Hochtief-Vorstand hinterlassen: Mit Millionenabfindungen haben gleich mehrere hochrangige Manager ihre Posten geräumt – allen voran der kämpferische Hochtief-Chef Herbert Lütkestratkötter. Sein pragmatischer Nachfolger Frank Stieler betont derzeit demonstrativ seine Unabhängigkeit. «Viele haben befürchtet, wenn ACS übernimmt, geht die Welt unter», sagt er. Eingetreten sei davon bislang nichts. Aktionärsschützer Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) vermutet einen «Master-Plan» des spanischen ACS-Chefs Florentino Pérez. «Ein Teil des Plans wird sein, dass jetzt Ruhe einkehrt», sagt er. Unterm Strich könne Pérez mit dem Ergebnis der milliardenschweren Übernahme zufrieden sein. «Das war ein guter Deal», meint Tüngler.

ACS-Investment soll sich lohnen
Bereits wenige Tage nach der Machtübernahme machte der ACS-Chef unmissverständlich deutlich: Der Essener Konzern müsse endlich wieder Geld verdienen und die Zusammenarbeit mit dem spanischen Konkurrenten vertiefen. «Die Spanier nehmen aktiv ihre Rolle im Aufsichtsrat wahr», hat auch Hochtief-Aufsichtsrat Asshoff festgestellt. ACS habe schon vor der Mehrheitsübernahme Interesse daran gehabt, dass sich das Investment lohnt. Jetzt schaue der Grossaktionär noch genauer hin. Auch Analyst Marc Gabriel vom Bankhaus Lampe sieht die Spanier am Ziel: «Der Kauf des Mehrheitsanteils von Hochtief hat sich für ACS gelohnt.» Hochtief werde sicherlich zukünftig gute Zahlen liefern. Zudem seien die Auftragsbücher des Essener Konzerns prall gefüllt.

ACS: Knapp 80% des Auftragsbestands nun aus dem Ausland
Die im Juni dieses Jahres vollzogene Mehrheitsübernahme von Hochtief hat bereits ihre Spuren in der Bilanz zum ersten Halbjahr 2011 von ACS hinterlassen: Das spanische Unternehmen konnte den Anteil seines Auslandsgeschäfts deutlich ausbauen. Knapp 80 Prozent des Auftragsbestands von insgesamt 65 Milliarden Euro kamen aus dem Ausland, davon stammten allein 38,6 Milliarden Euro von Hochtief. Noch ein Jahr zuvor hatte der Auslandsanteil bei ACS gerade einmal bei gut 30 Prozent gelegen. Zum ACS-Umsatz von 9,5 Milliarden Euro steuerte die deutsche Tochter 2,1 Milliarden Euro bei, obwohl Hochtief erst seit Anfang Juni in die Bilanz einbezogen wurde.

Verkauf der Hochtief-Flughafen-Sparte soll kurz bevor stehen
Auch bei den von Hochtief geplanten Anteilsverkäufen – das Flughafengeschäft soll noch im laufenden Jahr und die Immobilientochter Aurelis im kommenden Jahr verkauft werden – werde der Konzern aus Madrid wohl über Dividendenausschüttungen profitieren, so Gabriel. Kreisen zufolge steht der Verkauf der Flughafen-Sparte kurz bevor. Die Gebote sollen bei rund 1,5 Milliarden Euro liegen. Beobachter bezweifeln jedoch, ob ACS sich mit den noch vom alten Vorstand eingefädelten Verkäufen zufrieden gibt. Es müsse nun abgewartet werden, wie eigenständig Hochtief bleiben dürfe, hiess es. Auch die Sorge vor einer Verlagerung der Konzernzentrale von Essen nach Madrid geht weiter um – trotz gegenteiliger Beteuerungen von ACS-Chef Pérez. (awp/mc/ps)

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