Raiffeisen: Treffen in Japan die «Abenomics»-Pfeile noch ins Schwarze?

Shinzo Abe

Shinzo Abe, Premierminister Japan.

St. Gallen – Die «Japan AG» war verzückt, als der neu ernannte Premierminister Shinzo Abe der drittgrössten Volkswirtschaft der Welt im Jahr 2012 eine Radikalkur, berühmt geworden als «drei Pfeile im Köcher», verordnete. Anfänglich teilten die Marktteilnehmer die Begeisterung der neuen Regierung. Jüngst haben harte Konjunkturdaten allerdings Zweifel an der Wirkung von Abes Programm aufkommen lassen, mit dem er die anämische, von Deflation geplagte Volkswirtschaft wiederbeleben wollte.

Allerdings scheint die Initiative in mindestens einem Bereich Erfolg gehabt zu haben, nämlich bei der «Corporate Governance». Falls sich dieser Trend als nachhaltig erweist, werden die Massnahmen die langfristigen Aussichten für den japanischen Aktienmarkt verbessern.

Massnahmenpaket zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums und Überwindung der Deflation («Abenomics»)
Vor beinahe zwei Jahren übernahm Shinzo Abe die Zügel in Japan. Er präsentierte ein ehrgeiziges Massnahmenpaket zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums und Überwindung der Deflation («Abenomics»), das sich auf die drei Pfeiler Geldpolitik, Finanzpolitik und Reformen abstützt. Es begann vielversprechend: Das Vertrauen der Unternehmen und Haushalte stieg, die Investitionen nahmen zu und die Wertschriftenpreise erhielten einen erheblichen Schub. Doch die jüngsten Wirtschaftsdaten fielen eher enttäuschend aus. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 5 auf 8 Prozent im April 2014 hat die Konsumnachfrage gedämpft und das Exportwachstum hat sich trotz einer beträchtlichen Abwertung des Yen als schwach erwiesen. Zudem scheint die von der Bank of Japan (BoJ) angestrebte Inflationsrate von 2 Prozent vorerst ausser Reichweite.

Positive Zeichen bei der Unternehmensführung
Die seit 15 Monaten anhaltende Seitwärtsbewegung des japanischen Aktienmarkts überrascht kaum, denn die Erwartungen der Anleger, insbesondere in Bezug auf Strukturreformen, haben sich nicht erfüllt. Eine rekordhohe Verschuldungsquote, ungünstige demografische Trends und ein untragbarer fiskalpolitischer Kurs stellen Japan zudem vor enorme langfristige Herausforderungen. Für Anleger hat sich der Horizont indessen aufgehellt. Im Bereich Corporate Governance – mit anderen Worten verantwortungsvolle Unternehmensführung – sehen wir, dass die Strukturreform eine positive Wirkung entfaltet. Der neue sogenannte Stewardship Code, der über eine verbesserte Kapitaleffizienz die Unternehmenswerte steigern soll, beginnt allmählich die Haltung der Wirtschaftsführer zu beeinflussen. Ein konkretes Beispiel, das von der aufkommenden japanischen Aktionärsfreundlichkeit zeugt, ist die Lancierung des JPX-Nikkei 400 Index, der sich speziell auf das wichtige Rentabilitätsmass der Eigenkapitalrendite (RoE) konzentriert. Infolgedessen steigt der Druck auf Unternehmen, die Corporate- Governance-Grundsätze ignorieren. Zudem haben Dividendenzahlungen sowie wie Aktienrückkäufe mehrjährige Höchstwerte erreicht. Inzwischen tendieren die RoEs aufwärts, wenngleich von einer zugegebenermassen niedrigen Basis.

Die Liquiditätsmassnahmen der Bank of Japan stützen
Unter den grössten Zentralbanken der Welt bleibt die Bank of Japan (BoJ) die unbestrittene Meisterin der Liquiditätsspritzen («quantitative Lockerung», QE). Die japanischen Währungshüter weiten die BoJ-Bilanz jährlich um 60 bis 70 Billionen Yen (etwa 600 bis 700 Milliarden US-Dollar) aus, während die US-Notenbank Fed ihr QE-Programm zurückfährt. Die daraus resultierende Yen-Schwäche trägt zur Rentabilitätsverbesserung bei und hat die japanischen Unternehmen an die Spitze der Rangliste der Gewinnrevisionen befördert. Diese Zahl drückt das Verhältnis von Aufwärts- und Abwärtskorrekturen der Analystenschätzungen für Unternehmensgewinne aus. Wir erwarten, dass sich die steigenden RoEs in höheren Bewertungskennzahlen niederschlagen, was auf eine erneute Hausse des japanischen Aktienmarktes hindeuten könnte.

Unklare Aussichten für weitere Aktienmarktgewinne
Angesichts der Stärke der US-Wirtschaft und des stabilen Arbeitsmarktes wird das Fed sein Liquiditätsprogramm im Oktober beenden. Die Fed-Vorsitzende Janet Yellen hat dabei dank des fehlenden Inflationsdrucks genügend Spielraum, ein angemessenes Tempo für die Zinsstraffung vorzugeben. Abgesehen davon bestehen kaum Zweifel, dass die quantitative Lockerung die Aktienmarktbewertung seit dem Ausbruch der Finanzkrise gestützt hat. (Raiffeisen/mc/hfu)

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