SEF 2013: Papandreou sieht Schweiz als Vorbild für kriselnde EU

Giorgos Papandreou

Giorgos Papandreou, ehemaliger griechischer Ministerpräsident.

Interlaken – Die Schweizer Demokratie könne Vorbild für die Europäische Union sein. «Wir können viel von der Schweiz lernen», sagte der ehemalige griechische Premier Georgios Papandreou am Freitag am Swiss Economic Forum (SEF) in Interlaken. Das grösste Problem der EU sei nicht wirtschaftlicher, sondern demokratiepolitischer Art. Die EU laufe Gefahr, ihre demokratische Legitimität zu verlieren, weil die Bürger anders als in der direkt-demokratischen Schweiz von Entscheiden ausgeschlossen würden. Europa laufe die Zeit davon, sagte Papandreou. Das Vertrauen in die Institutionen sei auf Rekordtief.

Papandreou kritisierte die Anführerschaft von Deutschland und dass in der Schuldenkrise dogmatisch auf Einsparungen gesetzt worden sei. Die Austeritätspolitik habe die nötigen Reformen gebremst, erklärte Papandreou, der von 2009 bis 2011 griechischer Regierungschef war. Staatsschulden seien aber lediglich Symptome der Probleme.

Papandreou bekräftigte seine Kritik an hohen Handelsüberschüssen in Nordeuropa. Er plädierte für eine europäische Bankenunion und gemeinsame Staatsanleihen (Euro-Bonds) , damit Nord- und Südeuropa nicht weiter auseinanderdriften. Davon würden alle profitieren, da alle im gleichen Boot sässen, auch die Schweiz.

Trendwende
In Griechenland gehe es nach schmerzhaften Einschnitten aufwärts, beteuerte Papandreou. Investoren kehrten zurück. Angesprochen auf die Notwendigkeit eines neuerlichen Schuldenerlasses sagte der Ex-Premier, das sei eine politische Frage, da sich der Grossteil der Schulden in öffentlicher Hand befinde. Gravierend sei das Problem der Jugendarbeitslosigkeit. Diese koste die EU 153 Mrd. Euro. Das Geld solle besser in Gutscheine für arbeitslose Jugendliche investiert werden, damit sich diese überall in Europa ausbilden könnten.

Zu kurzfristig orientiert
Um Stellen zu schaffen, brauche es Offenheit, Innovation und vor allem Langzeitstrategien, sagte Laurence Fink, Chef des weltgrössten Vermögensverwalters Blackrock. Er prangerte in seiner Rede am SEF Konzernchefs, Politiker und Medien an, die immer kurzlebiger agierten. CEOs liessen sich von kurzfristigen Börsenkursentwicklungen dominieren, Politiker dächten oft nur an die nächsten Wahlen. Die Finanzkrise zeige jedoch, dass Hysterie unangebracht sei. Wer damals an den Finanzmärkten nicht eingestiegen sei, habe womöglich die Chance des Lebens verpasst. Heute seien die Kurse wieder höher als vor der Krise.

Fink erklärte, er sorge sich vor allem um die Alterung der Bevölkerung. Entscheide zu nötigen Reformen von Sozialwerken würden verzögert. Frankreich habe gar das Pensionsalter wieder gesenkt und büsse damit an Wettbewerbsfähigkeit ein; dabei müsste das Land laut Fink zur Schweiz und Deutschland aufschliessen, sonst werde Europas Fundament erschüttert.

Fink ist bei Blackrock Chef von über 10’000 Mitarbeitenden, darunter der ehemalige Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand. Das Unternehmen verwaltet laut eigenen Angaben Vermögen von 3’700 Mrd CHF und damit mehr als die Credit Suisse und UBS zusammen. (awp/mc/upd/ps)

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