Thyssenkrupp: Operativer Gewinn im ersten Halbjahr minus 22% auf 560 Mio Euro

Heinrich Hiesinger
Heinrich Hiesinger, ehemaliger Vorstandsvorsitzender Thyssenkrupp.

Heinrich Hiesinger, CEO Thyssenkrupp

Essen – Die heftig gesunkenen Stahlpreise haben tiefe Spuren in der Bilanz des Industriekonzerns Thyssenkrupp hinterlassen. In der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres brach der operative Gewinn (bereinigtes Ebit) um 22 Prozent auf 560 Millionen Euro ein, wie das Unternehmen am Dienstag in Essen mitteilte. Der Verfall der Preise sei stärker gewesen und habe länger angehalten als erwartet. Deshalb senkte der Vorstand die Prognosen für die wichtigsten Kennziffern im Gesamtjahr. Zuletzt hatten sich die Preise angesichts besserer Aussichten vor allem der chinesischen Wirtschaft zwar recht deutlich erhöht. Doch das kommt für Thyssenkrupp zu spät, um die bisherigen Einbrüche aufzuholen.

Das Management erwartet daher nun im Ende September auslaufenden Geschäftsjahr einen Rückgang des bereinigten Ebit auf nur noch gut 1,4 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr hatte der Konzern noch knapp 1,7 Milliarden Euro verdient. Bislang lag das Ziel für dieses Jahr bei 1,6 bis 1,9 Milliarden. Auch die Aussicht auf einen deutlich steigenden Nettogewinn gab der Vorstand nun auf. Er hält nun noch einen Überschuss auf dem Niveau des Vorjahres für möglich, als nach Abzug der Minderheitsanteile unter dem Strich 210 Millionen Euro übrig geblieben waren.

Sparprogramm bremst Absturz
In der ersten Geschäftsjahreshälfte verdiente der Konzern unter dem Strich gerade einmal 37 Millionen Euro, das sind 62 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Der Umsatz ging um acht Prozent auf 19,4 Milliarden Euro zurück. Dabei erwiesen sich die Sparten jenseits des Stahlgeschäfts erneut als Stützen des Konzerns. Grossanlagenbau, Aufzüge und Autoteile konnten in den ersten sechs Monaten ihren operativen Gewinn steigern. Allerdings entwickelten auch sie sich angesichts der eingetrübten Stimmung in der Weltwirtschaft nicht mehr so dynamisch wie zuletzt. Die Ergebnisse wären ohne das neuerliche Sparprogramm noch schlechter ausgefallen, denn dies verbesserte allein den operativen Gewinn um 450 Millionen Euro. Im Gesamtjahr soll es 850 Millionen Euro an Einsparungen liefern. Einen heftigen Rückschlag gibt es auch in der Cashbilanz des Konzerns. Im Gesamtjahr rechnet der Vorstand nur noch bestenfalls mit einem ausgeglichenen freien Mittelzufluss, schlimmstenfalls wird er im dreistelligen Millionenbereich negativ ausfallen. Dabei hatte der Konzern besonders hier viel Wert auf eine positive Bilanz gelegt. Im vergangenen Jahr war im operativen Geschäft erstmals seit neun Jahren wieder mehr Geld in den Konzern geflossen als abgeflossen.

Gearing wieder über kritischer Marke
Die Nettoschulden stiegen von Ende Dezember bis Ende März um rund 400 Millionen auf 4,8 Milliarden Euro. Das lag unter anderem daran, dass der Konzern wie üblich zu Beginn eines Kalenderjahres seine Vorräte erhöht. Zugleich schmolz das Eigenkapital im gleichen Zeitraum um 600 Millionen auf 2,8 Milliarden Euro. Dabei schlugen sich vor allem die Folgen des historischen Zinstiefs nieder, weil der Konzern die Rückstellungen für seine Pensionsverpflichtungen neu bewerten musste. Damit legte das Verhältnis der Schulden zum Eigenkapital wieder auf bedrohliche 175 Prozent zu. Liegt das sogenannte Gearing auch zum Ende des Geschäftsjahres am 30. September über der Marke von 150 Prozent, könnten Banken einige Kreditverträge kündigen. Der Thyssenkrupp-Vorstand gab sich gelassen und betonte, dass in der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres das Verhältnis von Schulden und Eigenkapital wieder unter die kritische Marke fallen werde. Der Anstieg sei nur vorübergehend und habe keine Auswirkungen auf die Finanzierung des Konzerns.

Brasilien bleibt Verlustbringer
Grund für die dünnen Finanzpolster sind immer noch die Fehlinvestitionen in den vor mehr als zehn Jahren begonnenen Bau von zwei Stahlwerken in Brasilien und den USA. Sie haben zu Milliardenverlusten geführt und die Substanz des Konzerns aufgezehrt. Während das Werk in den USA seit gut zwei Jahren verkauft ist, lastet die Anlage in Brasilien weiter auf dem Konzern. Sie steckt noch tief in den roten Zahlen. (awp/mc/cs)

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