ThyssenKrupp streicht nach Mega-Verlust erstmals Dividende

Heinrich Hiesinger
Heinrich Hiesinger, ehemaliger Vorstandsvorsitzender Thyssenkrupp.

Heinrich Hiesinger, Vorstandsvorsitzender ThyssenKrupp.

Essen – Die beschlossene Trennung von seinen milliardenschweren Fehlinvestitionen in Übersee reisst neue Löcher in die Bilanz des angeschlagenen Industriekonzerns ThyssenKrupp . Das Unternehmen schrieb weitere 3,6 Milliarden Euro auf die erst vor Kurzem fertiggestellten Anlagen in der Brasilien und den USA ab, wie es am Montagabend in Essen mitteilte. Das führte zu einem Verlust von 5 Milliarden Euro im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr. Bereits vor einem Jahr hatte der Konzern wegen hoher Wertberichtigungen einen auf die eigenen Aktionäre anfallenden Verlust von 1,8 Milliarden Euro verbucht.

Der Horror-Verlust führt zu einem Novum in der Geschichte von ThyssenKrupp – die Dividende fällt aus. Der Einzelabschluss weise kein ausschüttungsfähiges Ergebnis aus, erklärte das Unternehmen. Diese Entscheidung gilt als Überraschung. Der Konzern sah sich bislang einer Kontinuität bei seiner Dividendenpolitik verpflichtet. Vor allem der grösste Aktionär, die Krupp-Stiftung, drängte auch in schlechten Zeiten immer auf einer Ausschüttung. Mit dem Geld finanziert sie ihre wohltätigen Förderprojekte.

Unrealistischer Buchwert der Stahlwerke
Die Stahlwerke in Übersee standen zuletzt noch mit einem Wert von sieben Milliarden Euro in den Büchern. Diese Einschätzung erklärte der Konzern nun als unrealistisch. In den Verkaufsverhandlungen zeichnete sich schon früh ab, dass ThyssenKrupp nur zwischen drei und vier Milliarden Euro für die Anlagen erlösen kann. Einen Käufer präsentierte ThyssenKrupp noch nicht. Der Prozess verlaufe planmässig, erklärte ThyssenKrupp. Das Stahlgeschäft in Übersee wird künftig als nicht-fortgeführte Aktivität in der Bilanz geführt. Analysten der Commerzbank zufolge hatte der Markt bereits zuvor Verluste von 4 Milliarden Euro durch die Wertberichtigungen eingepreist. Im nachbörslichen Handel verlor die Aktie dennoch rund drei Prozent.

ThyssenKrupp hatte nach früheren Angaben rund 12 Milliarden Euro in die Werke gesteckt – hinzu kam ein weiterer operativer Verlust von rund einer Milliarde Euro im vergangenen Geschäftsjahr. Wegen Planungsfehlern und veränderter Rahmenbedingungen wie der Aufwertung der brasilianischen Währung haben sie sich zu einem Milliardengrab entwickelt. Der seit Anfang 2011 amtierende Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatte im Mai die Reissleine gezogen und die Werke zum Verkauf gestellt.

Rauswurf des halben Vorstands bestätigt
Inzwischen läuft im Konzern die Suche nach den Schuldigen. Der Aufsichtsrat bestätigte den in der vergangenen Woche angekündigten Rauswurf des halben Vorstands. Der für Compliance zuständige Jürgen Claassen muss ebenso wie Technologiechef Olaf Berlien und Stahlchef Edwin Eichler zum Jahresende gehen. Hintergrund sind neben den drohenden Verlusten bei den Stahlwerkprojekten in Übersee auch zahlreiche Fälle von unsauberen Geschäftspraktiken. Den Vorständen wird vorgeworfen, bei den Problemen nicht richtig durchgegriffen zu haben.

«Klares Zeichen für einen Neuanfang»
«Das Projekt Steel Americas und die verschiedenen Compliance-Verstösse haben nicht nur einen immensen finanziellen Schaden verursacht», sagte Vorstandschef Hiesinger. «Wir haben dadurch auch an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren.» Der Aufsichtsrat habe mit den Veränderungen im Vorstand ein «klares» Zeichen für einen Neuanfang gesetzt. Die Entscheidungen seien eng mit ihm abgestimmt. «Wir etablieren konsequent eine neue Führungskultur, die auf Ehrlichkeit, Transparenz und Leistungsorientierung basiert. Dafür stehen wir als Vorstand ein.» Im Rahmen des Kulturwandels soll nun das gesamte Führungsmodell überprüft werden.

Schwäche im Europäischen Stahlgeschäft
Auch im rein operativen Geschäft erlebte ThyssenKrupp wegen der Konjunkturschwäche und der Verluste in Übersee einen herben Gewinneinbruch. Das um Sondereffekte wie Abschreibungen bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern sackte um rund drei Viertel auf 399 Millionen Euro ab. Dazu trug auch das schwächelnde Stahlgeschäft in Europa bei. Wegen der unsicheren Wirtschaftsaussichten ist die Nachfrage schwach. Das drückt auf die Preise. Bei ThyssenKrupp arbeitet deshalb ein Teil der im Stahlbereich tätigen Beschäftigten seit dem Sommer kurz.

Ausgeklammert aus den Berechnungen des operativen Gewinns ist das defizitäre Edelstahlgeschäft, das ThyssenKrupp derzeit an den finnischen Konkurrenten Outokumpu verkauft. ThyssenKrupp betrachtet die Sparte seit der im Januar getroffenen Grundsatzvereinbarung mit den Finnen als nicht-fortgeführte Aktivität. Nach der Genehmigung durch die EU im November soll der Verkauf bis zum Jahresende abgeschlossen sein.

Hohe Schulden
Der Verkauf soll rund 2,7 Milliarden Euro in die leeren ThyssenKrupp-Kassen spülen. Das Geld kann der Konzern gut gebrauchen. Ende September sass die Dax-Gesellschaft auf einem Schuldenberg von 5,8 Milliarden Euro. Entstanden sind die Verbindlichkeiten vor allem durch die Fehlinvestitionen in die neuen Stahlwerke. Der Konzern betonte, dass seine Finanzierung gesichert sei.

Mit dem bereits 2011 gestarteten Verkauf von Geschäftsbereichen, die zuvor rund ein Viertel des gesamtem Umsatzes ausmachten, will Vorstandschef Hiesinger Luft für geplante Investitionen in Zukunftstechnologien gewinnen. Dazu sollen auch Einsparungen beitragen, die in den nächsten drei Jahren das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) zusammen um 2 Milliarden Euro entlasten sollen. Hiesinger will vor allem die Technologiesparte ausbauen. Das Geschäft mit dem Bau von Grossanlagen, Aufzügen, Marineschiffen und Autokomponenten blieb im vergangenen Jahr erneut recht stabil.

Gegenwind auch im laufenden Jahr
Im laufenden Geschäftsjahr rechnet ThyssenKrupp mit weiterem Gegenwind aus der Konjunktur und wegen der ungelösten Schuldenkrise. Der Umsatz – ohne Edelstahl und die Stahlwerke in Übersee – dürfte bei rund 40 Milliarden Euro stagnieren. Das bereinigte EBIT aus fortzuführenden Geschäften soll bei einer Milliarde Euro liegen – im abgelaufenen Geschäftsjahr lag der Vergleichswert 1,4 Milliarden Euro. (awp/mc/pg)

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