Übernahme nach Verlängerung: Volkswagen kann Scania schlucken

Martin Winterkorn
Martin Winterkorn, ehemaliger VW-Konzernchef.

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn.

Hannover – Volkswagen hat freie Fahrt für die grossen Pläne seines Geschäfts mit Lastwagen und Bussen. Europas grösster Autobauer kann seine schwedische Tochter Scania komplett schlucken und bläst zum Angriff auf die Marktführer Daimler und Volvo . Nach einem wochenlangen Übernahme-Poker hatten die Wolfsburger am Dienstag pünktlich zu ihrer Hauptversammlung Zugriff auf mehr als 90 Prozent aller Scania-Papiere, wie der Konzern mitteilte. Nachdem diese Schwelle überschritten ist, kann VW die restlichen Anteilseigner bei Scania herausdrängen und das Unternehmen von der Börse nehmen.

Nun will Volkswagen die konzerninterne Allianz mit der Lkw-Schwester MAN und der Marke VW Nutzfahrzeuge auf Trab bringen. Durch eine enge Verzahnung peilen die Wolfsburger gewaltige Einsparungen an: Die jährlichen Kosten sollen um mindestens 850 Millionen Euro sinken.

Volkswagen zahlt 6,7 Mrd Euro – Aktie reagiert kaum
Vorstandschef Martin Winterkorn sprach von einer «guten Nachricht für den ganzen Volkswagen-Konzern». Am Morgen hatte der schwedische Fonds Alecta die Offerte der Wolfsburger angenommen und VW damit über die Marke von 90 Prozent gehoben. Bis Ende April hatte VW erst Zugriff auf 88,25 Prozent aller Scania-Papiere bekommen und deswegen die Frist um drei Wochen bis zu diesem Freitag verlängert. Je Aktie zahlt VW 200 Kronen oder insgesamt 6,7 Milliarden Euro – ein Aufschlag von rund 50 Prozent.

An der Börse fielen die Reaktionen zurückhaltend aus: VW-Aktien verteuerten sich bis zum Mittag nur minimal um 0,18 Prozent auf 192,15 Euro. In der Spitze waren sie bis auf 195,00 Euro gestiegen. Scania-Aktien stiegen leicht auf 199,90 Kronen – und lagen damit praktisch auf dem Preis, zu dem Volkswagen die Papiere kaufen will. Viele Experten hatten einen Erfolg der Offerte erwartet und reagierten nun nur verhalten positiv. Der Erfolg bei Scania öffne den Weg für die angestrebte Lastwagen-Allianz, so etwa Analyst Michael Punzet von der DZ Bank.

«Volles Potenzial» der LKW-Allianz bislang nicht zu heben
Solange Scania noch an der Börse gehandelt wird dürfen sich die Konzerntöchter zum Beispiel keine Freundschaftspreise machen. Bei MAN hat Volkswagen bereits die volle Kontrolle. Zwar dürfte die Zusammenarbeit der drei Marken schon bis Ende 2014 zu rund 200 Millionen Euro an Einsparungen führen. Laut VW war es bislang aber «nicht möglich, das volle Potenzial einer engeren operativen Zusammenarbeit zwischen Volkswagen und Scania sowie zwischen MAN und Scania zu realisieren». Das soll nun in den nächsten 10 bis 15 Jahren erreicht werden.

Dazu sollen Forschung und Entwicklung noch stärker Hand in Hand betrieben sowie der gemeinsame Einkauf zu niedrigeren Preisen vorangetrieben werden. Auch könnten mehr identische Bauteile in den Fahrzeugen der verschiedenen Marken eingebaut werden. Im Pkw-Bereich macht Volkswagen das mit seinem Baukastensystem bereits vor.

Daimler-Vorstand übernimmt 2015 das Ruder
Dass sich der Grossteil der möglichen Synergieeffekte bei den Nutzfahrzeugen erst Mitte oder Ende des nächsten Jahrzehnts auswirken wird, liegt auch an den langen Modellzyklen von Lastwagen und Bussen. Das macht es schwieriger, die Produktion mehrerer Marken enger zu verzahnen. Winterkorn kündigte an, dass seine Mannschaft an einem Baukasten für leichte Nutzfahrzeuge arbeite.

Im Februar übernimmt der frühere Daimler-Vorstand Andreas Renschler das Nutzfahrzeug-Geschäft bei Volkswagen. Er soll die Sparte nach dem Willen von VW-Chef Winterkorn «an die Spitze der Branche» führen. Analyst Frank Schwope von der NordLB rechnet sogar damit, dass VW in den nächsten Jahren noch einen weiteren Lkw-Hersteller übernimmt. In den USA zum Beispiel ist Volkswagen kaum vertreten. (awp/mc/ps)

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