Aaron Boesky, CEO Marco Polo Investments

Aaron Boesky

Aaron Boesky, CEO und Gründer von Marco Polo Investments und Marco Polo Pure Asset Management.

Von Martin Raab, Derivative Partners Media AG, www.payoff.ch

payoff im Gespräch mit Aaron Boesky, CEO von Marco Polo Pure Asset Management, zum Willen der Chinesen, die Nummer eins zu werden, zur Urbanisierung, günstigen Aktienbewertungen sowie der neuen Leitwährung Yuan.

payoff: Herr Boesky, derzeit sind die Meinungen zu China geteilt. Welche Landung wird die chinesische Wirtschaft hinlegen?

Aaron Boesky: China wird keinerlei Arten von einer Landung hinlegen. Ganz im Gegenteil. Heute beträgt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf dort 5‘000 US-Dollar, während der Lokalrivale Japan auf rund 45‘000 US-Dollar kommt. Deutschland und die USA erreichen rund 48‘000 US-Dollar. Hier gibt es eine offenkundige Diskrepanz zwischen den wohl einflussreichsten Wirtschaftsmächten der Welt. Das ist die Grundlage, um zu verstehen, dass das Wachstum der chinesischen Wirtschaft auch in den nächsten zwei Jahrzehnten zwischen 7% bis 12% betragen wird.

Das klingt nach einem Renditetraum für Anleger!

Das ist die Realität. China hat zuletzt mehr Geld in Infrastrukturausbau gesteckt als jemals ein anderes Land. Indien sieht im Vergleich der Infrastruktur beider Länder wie ein unorganisierter Dritte-Welt-Staat aus. Zusätzlich besitzt China ein beeindruckendes Bildungssystem und eine ausgeprägte Kultur, die für Leistungswillen und harte Arbeit steht. Wir glauben stark daran, dass die Chinesen wirtschaftlich nicht nachlassen, bis das BIP die Region von 45‘000 US-Dollar erreicht.

Es herrscht also eiserner Willen, um die chinesische Wirtschaft intakt zu halten…

Die Wirtschaft ist weitaus gesünder als in den Finanzmedien häufig dargestellt. Die Regierung erwartet stark steigende Budget-Überschüsse von ingesamt 22% für das letzte Jahr. Weiterhin kommt China, im Gegensatz zu Staaten wie den USA, Deutschland oder Japan mit BIP-Verschuldungsraten von 102%, 83% bzw. 197%, auf gerade mal 19%. Das lässt viel Raum für Wachstum. Parallel steigen die Einzelhandelsumsätze jedes Jahr um 15%, die Einkommen stiegen im letzten Jahr in den Städten um 14%, auf dem Land um 18%. Die Inflationsrate im Januar betrug 4,5%, die Herstellerpreise stiegen um 0,7%. Alles in allem also ein sehr prosperierendes Umfeld.

«Der Yuan wird in wenigen Jahren eine führende Reservewährung werden.»
Aaron Boesky, CEO Marco Polo Pure Asset Management

Haben Sie Angst vor der viel zitierten Immobilien-Blase in China?

Ah ja, die sagenhafte Immobilienblase. Im letzten Jahr sind 3,9% mehr Immobilien verkauft worden – das ist gesund und normal. Was wichtig zu wissen ist: Rund ein Drittel aller Neubauverkäufe wurde vollständig mit Eigenmitteln bezahlt. Der Rest lief über Kredite, wobei für Hypothekar-Finanzierungen 45% Cash notwendig sind.

Sind Immobilienfinanzierungen in China derzeit teuer?

Aktuell bezahlt man für eine Immobilienfinanzierung 7% Zins. Im Vergleich zum Mindestreservesatz von 20% zeigt das, dass die chinesische Zentralbank noch ein gewaltiges Waffenarsenal hat und in beide Richtungen Anpassungen vornehmen kann.

Wie steht es in Sachen Urbanisierung?

Das ist besonders wichtig. Heute leben in China 650 Millionen Menschen auf dem Land – das sind mehr Leute als ganz Europa Einwohner hat. Jedes Jahr ziehen rund fünf Millionen Menschen in Chinas Städte, hinzu kommt die steigende Geburtenrate der Städter. Der Neubau von Tausenden Apartment-Hochhäusern in ganz China kommt dem Ansturm der Zuzügler oftmals kaum mehr nach. Aufgrund der aktuellen Zentralbankpolitik und der stabilen Nachfrage sehe ich aber derzeit kaum eine nennenswerte Abschwächung auf dem chinesischen Immobilienmarkt.

Welche Impulse erwarten Sie dieses Jahr von Regierungsseite?

Sehr viele, denn dieses Jahr ist das wichtigste Jahr für die chinesische Regierung seit dem letzten Jahrzehnt: der Regierungswechsel steht an. Das heisst, ein neuer Präsident, ein neuer Premierminister, ein neues Politbüro und so weiter. In China kommt 2012 eine neue Generation an die Macht. Diese Generation ist besser ausgebildet, hoch motiviert und oftmals besser vorbereitet als ihre Vorgänger – und wird tatkräftig arbeiten.

Wie sind Ihre Aussichten für die chinesische Währung?

Der Yuan wird in wenigen Jahren eine führende Reservewährung werden.

Was macht Sie da so sicher?

Vor dem Jahr 2011 war der Yuan ausserhalb von China nicht erlaubt und damit eine Inlandswährung. Seit letztem Jahr hat die Regierung mehr oder weniger unbemerkt die sog. «RMB Settlement Policy» erlassen. Früher wurden fast alle Warenrechnungen für Öl, Stahl und andere Dinge in US-Dollar oder Euro bezahlt. Dieses Vorgehen wird sich jetzt dramatisch ändern, denn neuerdings hat China mit rund 30 Staaten Verträge abgeschlossen, die es erlauben, in Yuan zu bezahlen. Damit muss China nicht mehr zu Sklavenlöhnen T-Shirts nähen, um US-Dollar für Importe zu bekommen.

«Ich gehe von 200% bis 300% Aufwärtspotenzial über die nächsten drei Jahre aus.»

Was machen die Exporteurnationen mit Yuan auf dem Konto?

Einer der Haupteffekte wird ein Bullenmarkt in allen Vermögenswerten sein, die in Yuan denominiert sind. Derzeit sind weniger als 1% Ausländer in chinesische Aktien in Shanghai oder Shenzhen investiert. Im Vergleich zu anderen asiatischen Börsen, wo rund 25% ausländische Investoren sind, ist das extrem wenig. Daher glauben wir, dass langfristig die Börsen von Shanghai und Shenzhen natürliche Gewinner sind.

Was heisst Gewinner in konkreten Zahlen?

Ich gehe von 200% bis 300% Aufwärtspotenzial über die nächsten drei Jahre aus. Lokale Aktien, in Shanghai und Shenzhen gehandelt, finde ich persönlich das beste Investment der Welt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis im Shanghai A-Share Index beträgt gerade mal 10,5. Ein Anstieg auf 29 – also noch deutlich unter den 72 vom Jahr 2007 – ist durchaus erreichbar.

Es ist für Sie als Fondsmanager also nicht schwer, attraktive Aktien zu finden?

Überhaupt nicht, wir haben diesen Markt buchstäblich nie günstiger gesehen.

Welche Sektoren würden Sie derzeit bevorzugen?

Im Moment konzentrieren wir uns auf Sektoren mit hohem Beta und Sektoren, die von den Ausgaben der Regierung, die nicht an Grundeigentum gerichtet sind, profitieren. Das schliesst Versicherungen, Energieinfrastruktur, Konsumgüter, Finanzdienstleister und Technologie mit ein. In diesen Branchen bieten sich durchaus attraktive Chancen für Anleger.

Vor kurzer Zeit standen einige chinesische Unternehmen im Zentrum von Börsenskandalen…

Die einzigen Unternehmen, die diese Skandale durchgemacht haben, sind solche, die nicht bereit waren, sich in Shanghai zu listen, da diese Börse einen hohen Regulierungsstandard hat. Unternehmen wie z.B. Sino-Forest waren so suspekt, dass für sie als einziger Weg, ein Listing zu erlangen, nur die Übernahme einer Strohfirma im Ausland blieb. In den lokalen chinesischen Märkten haben wir in den letzten zehn Jahren viel weniger Skandale gesehen als sagen wir mal in der USA, wo Worldcom, Enron und Madoff die Schlagzeilen dominiert haben.

In China gibt es verschiedene Aktienklassen. Was sollte man darüber wissen?

Chinas Aktienmärkte sind der Shanghai- und der Shenzhen-Aktienmarkt – auch bekannt als A-Aktien. Dies sind die grössten Märkte. Der H-Aktienmarkt ist die Hong Konger Börsennotierung für chinesische Unternehmen, ähnlich den chinesischen Unternehmen, die in der USA oder Europa notiert sind. Der zentrale Markt, die A-Aktien, auf welche wir uns bei Marco Polo spezialisieren, ist im Moment der einzige Ort, wo die 1,4 Milliarden Chinesen Aktien kaufen können. Ferner lauten die A-Aktienmärkte von Shanghai und Shenzhen in Yuan. Es werden nach meiner Ansicht die A-Aktien sein, die ein entscheidendes Wachstum an dieser Liquidität sehen werden.

Der Gesprächspartner:
Aaron Scott Boesky, CEO und Gründer von Marco Polo Investments und Marco Polo Pure Asset Management, setzte bereits 2004 als erster ausländischer Anlageverwalter («QFII») ausschliesslich auf lokale China-Aktien. Der Asien-Experte sammelte zuvor 10 Jahre lang als Makler an der Börse Shanghai und Volkswirt umfangreiche Erfahrungen und baute sich ein erstklassiges, lokales Netzwerk auf. Aaron Boesky wurde in den USA geboren und studierte an der Michigan State University, dem Beijing Foreign Affairs College und der Oakland University. Er spricht neben Englisch fliessend Mandarin und lebt mit seiner Familie in Hong Kong, wo er für BloombergTV, CNBC und chinesische Medien regelmässig Marktereignisse analysiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.