Alex Blattmann, CEO MaxBrain, im Interview
Von Helmuth Fuchs
Moneycab: Herr Blattmann, wie haben sich Lernstrategien in den letzten zehn Jahren verändert? Welche Rolle spielten Wendepunkte wie COVID-19 oder die KI-Welle?
Alex Blattmann: In den letzten zehn Jahren haben wir den Abschied vom „Vorratslernen“ erlebt. Früher buchte man Kurse auf Halde, heute lernen wir „Just-in-time“ und „Mobile-First“. Aber die wichtigste Veränderung ist das Mindset: Wir bewegen uns weg vom reinen Konsum hin zur aktiven Befähigung. COVID-19 war der radikale Weckruf für die Infrastruktur; da wurde klar, dass ein PDF im Intranet noch keine Digitalisierung ist. Die aktuelle KI-Welle ist nun der Turbo für unsere Vision „Make Learning Matter“: Wir wechseln von der reinen Inhaltsverwaltung zur individuellen Begleitung. Lernen wird endlich persönlich und damit hochrelevant, statt nach dem Giesskannen-Prinzip zu funktionieren.
«Die aktuelle KI-Welle ist nun der Turbo für unsere Vision „Make Learning Matter“: Wir wechseln von der reinen Inhaltsverwaltung zur individuellen Begleitung.» Alex Blattmann, CEO MaxBrain
Welche messbaren Erfolge können Unternehmen konkret erwarten, wenn sie von fragmentierten, manuellen Prozessen zu einem strukturierten Lern-Ökosystem wechseln? Können Sie typische KPIs quantifizieren?
Wer von manuellen Prozessen auf unser smartes Ökosystem umstellt, reduziert den administrativen Aufwand im Backoffice oft um 30 bis 40 Prozent. Aber Effizienz ist nur die Basis. Der wahre KPI ist die Wirkung: Wir sehen bei Kunden, dass die Abschlussquoten massiv steigen, wenn der Zugang hürdenfrei ist.
Viel entscheidender ist jedoch die interne Mobilität. Wenn Skill-Profile transparent sind, finden Unternehmen Talente im eigenen Haus. Wir messen Erfolg daran, wie schnell gelerntes Wissen in die Anwendung kommt und zu Verhaltensänderungen führt. Zeitersparnis in der Administration ist bei uns kein Selbstzweck, sondern schafft den nötigen Raum für Mentoring und echten Austausch.
Wie gross schätzen Sie das ungenutzte Potenzial von UpSkilling in der Schweiz ein? Weshalb wird es nicht besser genutzt?
Das Potenzial ist gigantisch, aber wir leiden unter einer „Zertifikats-Gläubigkeit“. In der Schweiz zählt oft das Papier mehr als die tatsächliche Kompetenz. Das blockiert echtes UpSkilling. Wir müssen weg davon, nur für den aktuellen Job zu schulen, und stattdessen die Wandlungsfähigkeit fördern. Viele Unternehmen sehen Weiterbildung zudem immer noch als Kostenblock statt als Investition. Das ungenutzte Potenzial liegt brach, weil die Hürden für den Transfer von Wissen in den Arbeitsalltag zu hoch sind. Unser Ziel ist es, diese Hürden abzubauen, damit Lernen nicht nur stattfindet, sondern einen spürbaren Unterschied im Berufsalltag macht.
«In der Schweiz zählt oft das Papier mehr als die tatsächliche Kompetenz. Das blockiert echtes UpSkilling. Wir müssen weg davon, nur für den aktuellen Job zu schulen, und stattdessen die Wandlungsfähigkeit fördern.»
Die Schweizer Fachkräfte-Studien zeigen, dass nur 8% der Neueinstellungen auf die Altersgruppe 55+ entfallen, obwohl diese 22% der Belegschaft ausmachen. Warum die „Hire-statt-Train”-Mentalität? Wie steht es um die Total Cost of Ownership (TCO) einer Neurekrutierung?
Eine Neurekrutierung kostet bei Fachkräften schnell 100 bis 150 Prozent eines Jahresgehalts. UpSkilling kostet einen Bruchteil davon. Dass dennoch extern rekrutiert wird, liegt an der Bequemlichkeit und der falschen Hoffnung, die „perfekte“ Person vom Markt zu kaufen. Erfahrene Mitarbeitende besitzen das wertvolle Firmenwissen. Sie mit gezieltem UpSkilling fit zu halten, ist das beste Risikomanagement, das eine Geschäftsführung betreiben kann. Es ist ein Akt der Wertschätzung, der sich direkt in der Bilanz niederschlägt.
Der Ausbildungssektor erlebt 2026 den Übergang von generativer KI zu „Agentic AI» – autonomen Systemen, die komplexe Lernprozesse steuern. Wie wirkt sich das auf Ihr Geschäft aus, wo sehen Sie die grössten Chancen und Risiken?
Agentic AI bedeutet für uns: Die Plattform wird vom Werkzeug zum proaktiven Assistenten. Sie erkennt Lücken, schlägt Wege vor und fasst Learnings zusammen. Die Chance liegt in der totalen Personalisierung – die KI übernimmt das Suchen und Filtern, damit der Mensch sich auf das Verstehen und Anwenden konzentrieren kann. Das Risiko besteht darin, die menschliche Komponente zu vernachlässigen. Technologie darf die Empathie des Lehrens nicht ersetzen. Wir nutzen KI, um den Rücken für das zu stärken, was wirklich zählt: den zwischenmenschlichen Wissensaustausch.
Wo setzen Sie bei MaxBrain selbst auf KI?
Wir setzen KI dort ein, wo sie den Weg zum Wissen verkürzt: Automatisierte Zusammenfassungen, intelligente Empfehlungslogiken und KI-Tutoren, die 24/7 Fragen beantworten. Das Ziel ist immer, die „Reibung“ beim Lernen zu eliminieren. Wenn die Technik die Vorarbeit leistet, bleibt mehr Energie für den eigentlichen Kompetenzaufbau.
Welche Lücken sehen Sie beim Wissenstransfer von Hochschulen in die Unternehmen?
Es herrscht oft eine Sprachbarriere: Die Wissenschaft ist präzise, die Wirtschaft braucht Pragmatismus. MaxBrain schliesst diese Lücke, indem wir die „Academic Rigour“ in Formate übersetzen, die im Berufsalltag funktionieren. Wir machen akademisches Wissen konsumierbar und modular. So wird aus theoretischem Wissen ein praktisches Werkzeug, das unmittelbar Wert schöpft.
Ihre Digicomp-Case-Study zeigt eine hochintegrierte Salesforce-Automatisierung und Modern-Learning-Ansätze, die Präsenzunterricht mit digitalen Journeys verbinden. Ist das ein Schulungsmodell für “hybride Institutionen” der Zukunft?
Absolut. Die strikte Trennung zwischen Theorie und Praxis löst sich auf. Die Zukunft gehört Modellen, die den tiefen Einblick der Akademie mit der Geschwindigkeit der Wirtschaft vereinen. Digicomp zeigt eindrücklich, wie man Präsenzunterricht durch digitale Journeys und Trainer aus der Praxis aufwertet. Das ist genau das, was wir unterstützen: “Learning in the Flow of Work”, unterstützt durch erstklassige Technologie.
«Die strikte Trennung zwischen Theorie und Praxis löst sich auf. Die Zukunft gehört Modellen, die den tiefen Einblick der Akademie mit der Geschwindigkeit der Wirtschaft vereinen.»
Wie kommen KMU zu einer dynamischen und immer aktuellen Lernplattform, mit für sie relevanten Inhalten und Strategien, ohne prohibitiv hohe Investitionskosten?
KMU brauchen kein komplexes „Enterprise-Monster“, sondern Plug-and-Play. Wir bieten vorkonfigurierte Instanzen und skalierbare Kosten pro Nutzer. So wird professionelles Lernen auch für kleine Betriebe erschwinglich. Wir demokratisieren den Zugang zu High-End-Lerntechnologie, damit auch KMU ihre wichtigste Ressource – das Wissen ihrer Mitarbeitenden – zukunftssicher machen können.
Wer sorgt in einer „Best-of-Breed»-Umgebung wie zum Beispiel bei Ihrer Kundin SwissAccounting für die dauerhafte Integration aller Komponenten (CRM, Wissensbibliotheken, Buchhaltung etc.)?
Das ist eine unserer Kernaufgaben. Wir sind nicht nur Software-Anbieter, sondern der „Integrations-Hub“. Durch moderne APIs stellen wir sicher, dass Daten fliessen und das „One-Touch“-Erlebnis für den Nutzer gewahrt bleibt. Der Kunde muss sich nicht um die Technik kümmern; wir sorgen im Hintergrund dafür, dass das Ökosystem funktioniert, damit der Fokus voll auf dem Lernerfolg liegen kann.
Welche politischen oder wirtschaftlichen Entwicklungen werden den Markt für Corporate Learning und digitale Weiterbildung in den kommenden Jahren am entscheidendsten prägen? Wie antizipiert MaxBrain diese?
Erstens der demografische Wandel – wir müssen das Erfahrungswissen der Babyboomer sichern und transferieren, bevor diese Generation den Arbeitsmarkt verlässt. Zweitens die Flexibilisierung der Arbeit – Lernen muss nahtlos in hybriden und mobilen Arbeitswelten funktionieren.
Der wichtigste Trend ist jedoch die Rollenverschiebung durch KI: Während KI Wissen heute überall, schnell und in hoher Qualität verfügbar macht, ist das allein noch kein Garant für Lernerfolg. Wissen auf Knopfdruck führt nicht automatisch zu Kompetenz. Das erhöht wiederum die Anforderung an Aus- und Weiterbildungsanbieter sowie die Arbeit von Learning & Development (L&D). Sie liefern die im Alltag erprobten Trainings-Konzepte, die zu echter Verhaltensänderung und messbarem Impact führen.
«Wissen auf Knopfdruck führt nicht automatisch zu Kompetenz. Das erhöht wiederum die Anforderung an Aus- und Weiterbildungsanbieter sowie die Arbeit von Learning & Development (L&D).»
In einer Welt, in der die Halbwertszeit von Wissen sinkt, wird dieser begleitete Wissenszuwachs zur Überlebensfrage. MaxBrain antizipiert dies, indem wir unsere Plattform so gestalten, dass sie nicht nur über aktuellen Content verfügt, sondern den Rahmen für diesen menschlichen Coaching-Prozess bietet. Wir unterstützen L&D dabei, die Menschen zu befähigen, mit dem technologischen Wandel Schritt zu halten – denn echter Impact entsteht erst dort, wo KI auf reflektierte Anwendung trifft.
Welche Rolle spielt „Hosted in Europe» als Business Driver?
In regulierten Branchen wie Finanzen oder Gesundheit ist Vertrauen essenziell für den gemeinsamen Geschäftserfolg. „Hosted in Europe“ bietet die nötige digitale Souveränität und Sicherheit. Wer sich keine Sorgen um Datenschutz machen muss, kann sich voll auf die Inhalte einlassen. Das ist ein entscheidender Qualitätsvorteil gegenüber US-Giganten und für uns ein klares Bekenntnis zu unseren Wurzeln und Werten.
Die BLT Baselland Transport AG musste rund 400 Fahrdienstmitarbeitende im Schichtbetrieb mit dezentralen Arbeitseinsätzen in eine kontinuierliche Lernkultur integrieren. Was haben Sie aus dem Projekt gelernt?
Dass Lernen in den Arbeitsfluss passen muss („Learning in the Flow of Work“). Ein Busfahrer setzt sich nicht stundenlang in ein Seminar. Wir haben gelernt, wie entscheidend Micro-Learning in 5-Minuten-Häppchen ist. Diese radikale Orientierung an der Realität der Mitarbeitenden ist heute ein Standardbestandteil unserer Plattform. Wir machen Lernen möglich, wo es vorher unmöglich schien.
Zum Schluss des Interviews haben Sie zwei Wünsche frei, wie sehen die aus?
Erstens: Dass wir in der Schweiz mutiger werden, in die Köpfe unserer Leute zu investieren – und zwar über alle Altersgruppen hinweg. Bildung darf keine abgeschlossene Lebensphase sein. Zweitens: Dass Technologie als „Befreier“ gesehen wird, der administrative Lasten nimmt, damit wieder mehr Raum für echtes, menschliches Lernen in der Gemeinschaft bleibt. Denn das ist es, was uns resilient und zukunftssicher macht. Das ist MaxBrain’s Mission: Make Learning Matter.