Angelo Eggli, CEO Medi24

Angelo Eggli

Angelo Eggli, CEO Medi24. (Foto: Medi24)

von Patrick Gunti

Moneycab: Herr Eggli, was ist generell unter Telemedizin zu verstehen?

Angelo Eggli: Telemedizin, wie wir sie bei Medi24 verstehen und anbieten, ist eine zukunftsträchtige Arztpraxis, die den Patienten rasche und gezielte Konsultationen auf allen modernen Kommunikationswegen anbietet. Die telemedizinische Beratung hilft bei konkreten Beschwerden oder bei allgemeinen Fragen zu Gesundheit und Krankheit – verständlich, unabhängig und wissenschaftlich fundiert, mit dem Ziel, dass der Anrufende die adäquate medizinische Dienstleistung zur richtigen Zeit und am richtigen Ort beanspruchen kann. Bei Medi24 arbeiten ausschliesslich medizinische Fachpersonen wie Ärzte und medizinische Pflegefachfrauen und -männer mit fundierten Ausbildungen sowie einer hohen Sozial- und Kommunikationskompetenz. Zudem  unterstützen wir Leistungserbringer, Ärztenetzwerke, Gruppenpraxen und Notfalldienstkreise effizient bei unterschiedlichen Aufgaben wie beispielsweise dem Sicherstellen eines Notfalltelefons oder bei der medizinischen Triage.

Medi24 nahm seine Geschäfte 1999 auf und gehört damit zu den Pionieren der telemedizinischen Anbieter in der Schweiz. Wie hat sich das Angebot in den letzten 15 Jahren entwickelt, welches Leistungsspektrum können Sie heute abdecken?

Wir bauen unser Leistungsspektrum laufend aus, indem wir kontinuierlich bedürfnisgerechte Angebote für die Patienten und innovative Lösungen für unsere Partner entwickeln und uns gleichzeitig an den modernen Kommunikationsmedien orientieren. Unser Angebot hat sich im Markt etabliert und wird sowohl von den Patienten als auch von den Ärzten als wertschöpfende Dienstleistung anerkannt. Der Anteil der Versicherten in alternativen Versicherungsmodellen in der Grundversicherung, zu denen auch die telemedizinischen Modelle gehören, ist in der Schweiz von 2004 bis 2012 von 3.5% auf 39% gestiegen.

Nehmen wir an, ich leide seit Stunden unter akuten Bauchschmerzen und wende mich an Medi24: Wie kann ich mir eine telemedizinische Beratung konkret vorstellen?

Sie stehen sofort mit einer medizinischen Fachperson in Kontakt, die eine Triage vornimmt und zusammen mit Ihnen die Behandlungsdringlichkeit einschätzt. Je nach Triageergebnis empfehlen wir Ihnen eine Selbstbehandlung oder unterstützen Sie beim nächsten Schritt mit dem Gang zu einem sach- und fachgerechten Leistungserbringer.

«Alleine die Fachkompetenz und der Qualitätsanspruch unserer Mitarbeitenden würden Einbussen in der Beratungsqualität niemals zulassen.»
Angelo Eggli, CEO Medi24

Wie ist das Medi24-Team zusammengestellt, welches Hilfe bei Notfällen und allgemeinen medizinischen Fragen erteilt?

Unser über 80 Personen zählendes Team besteht aus Ärzten und medizinischen Fachpersonen. Zu den Voraussetzungen für die Tätigkeit im telemedizinischen Konsultationszentrum von Medi24 gehören eine fundierte medizinische Ausbildung, langjährige Berufserfahrung, hohe Sozial- und Kommunikationskompetenz sowie eine kontinuierliche Aus- und Weiterbildung.

Ihre Mitarbeitenden bewältigen jeden Tag rund 3000 Anrufe. Das ist eine enorme Zahl. Wie ist es möglich, in der doch knapp bemessenen Zeit die Patienten detailliert zu befragen und eine Erstdiagnose zu erstellen?

3000 Anrufe an Spitzentagen zeigen unsere Leistungskapazitäten auf. Bei der Qualität unserer Beratung machen wir auch bei grossem Anfrageaufkommen keine Abstriche. Alleine die Fachkompetenz und der Qualitätsanspruch unserer Mitarbeitenden würden Einbussen in der Beratungsqualität niemals zulassen. Die Zufriedenheit und das Vertrauen der Patienten stehen im Zentrum, sie sind unser Kapital, das wir niemals aufs Spiel setzen würden.

Nicht jeder medizinische Vorgang ist durch telemedizinische Anwendungen zu lösen. Wo liegen die Chancen und Risiken, wo die Grenzen?

Die Statistik zeigt: Wir können zwei von drei Fällen abschliessend und zur Zufriedenheit der Patienten erledigen. Aber unsere Aufgabe besteht nicht alleine im abschliessenden Lösen von medizinischen Problemen. Wir sind in erster Linie eine Beratungs- und Begleitungsinstitution für die Patienten. Unser Augenmerk gilt der zielführenden Beratung. Das kann im einen Fall der Lösung eines medizinischen Problems mittels Selbstbehandlung sein, im andern Fall geht es um die optimale Weiterleitung. Unsere Kernkompetenz ist es, jedem Patienten die richtige Leistung zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu erbringen.

«Wir können zwei von drei Fällen abschliessend und zur Zufriedenheit der Patienten erledigen.»

Zahlreiche grosse Versicherer gehören zu Ihren Geschäftspartnern. Ist die telemedizinische Beratung für deren Versicherte kostenlos?

Die Integration von Telemedizin in das Versicherungsangebot ist abhängig von der Produktausgestaltung des jeweiligen Anbieters. Bei den Angeboten der Krankenkassen kann grundsätzlich zwischen zwei Modellen unterschieden werden: Im Modell 1 bietet die Krankenkasse ihren Versicherten die Nutzung einer telemedizinischen Beratung unentgeltlich und ohne jegliche weitere Verpflichtungen an. Im Modell 2 bietet die Krankenkasse die telemedizinische Beratung im Rahmen von Gate Keeping-Modellen in der Grundversicherung mit einem Prämienrabatt an, sogenannte „Telmed-Modelle“. In diesen Produkten verpflichtet sich der Versicherte, sich zuerst beim telemedizinischen Beratungszentrum zu melden bevor er einen Arzt konsultiert.

Wird die Telemedizin von den Hausärzten als Konkurrenz oder eher als Entlastung wahrgenommen?

Die Skepsis der Ärzte gegenüber der Telemedizin ist längst einer breiten Akzeptanz gewichen. Die Ärzte haben erkannt, dass wir nicht in einer Konkurrenzsituation stehen. Wir komplettieren einander vielmehr und sind beide wichtige Grundpfeiler einer integrierten Grundversorgung.

«Die Skepsis der Ärzte gegenüber der Telemedizin ist längst einer breiten Akzeptanz gewichen.»

Bleiben wir noch bei den Hausärzten: Entschärft die Telemedizin den sich vor allem in den Randregionen abzeichnenden, oder gebietsweise bereits heute existierenden Hausärztemangel?

Wir können die fehlenden Hausärzte mit unserem Angebot nicht vollständig ersetzen, aber wir können mit unseren Leistungen eine immer wichtigere Rolle bei der Versorgungssicherheit einnehmen. Dies vor allem in ländlichen Regionen. Es ist aus Sicht der Kosten aber vor allem auch aus Sicht der Versorgungsqualität von hoher Bedeutung, wenn man beispielsweise beurteilen kann, ob es reicht, wenn ein Patient am nächsten Tag mit dem Taxi zur nächstgelegenen Hausarztpraxis fährt oder ob man direkt eine Ambulanz losschicken muss.

Unter welchen Umständen kann die Telemedizin ein Beitrag an die Senkung der Kosten im Gesundheitswesen sein?

In einer Studie, die wir zusammen mit dem Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern durchgeführt haben, haben wir unter anderem folgende Erkenntnisse gewonnen:

  • 63% der Befragten änderten nach der Beratung durch Medi24 ihre ursprüngliche Handlungsabsicht.
  • 81% der Anrufenden mit der Absicht, direkt eine Notfallstation aufzusuchen, haben sich nach der Beratung selbst behandeln können oder haben sich von ihrem Hausarzt oder dessen Vertretung behandeln lassen.
  • Nur in 2% aller Fälle, in welchen Patienten beabsichtigten, eine Notfallstation aufzusuchen, wurde dieses Vorhaben durch uns bestätigt.
  • 55% aller Anrufenden benötigen nach einer Konsultation von Medi24 keinen weiteren direkten Arztbesuch.

Die durch die Telemedizin erreichte Verschiebung von einer eher teuren Erstversorgung wie beispielsweise einer Spitalbehandlung zu einer günstigeren Versorgung wie der Selbstbehandlung zeigt, dass dank der Telemedizin beträchtliches Sparpotential ausgeschöpft werden kann.

Gegner einer Einheitskrankenkasse machen geltend, das heutige System sei auch besser, weil es Innovationen wie zum Beispiel die Telemedizin fördere. Wären diese bei einer Annahme der Volksinitiative «für eine öffentliche Krankenkasse» wirklich gefährdet?

Die Einführung einer Einheitskasse würde das bestehende Schweizer Gesundheitssystem grundsätzlich verändern. Der heutige Wettbewerb unter den Krankenversicherern gibt Anreize, dass einzelne innovative Krankenversicherer Risiken eingehen, um etwas Neues auszuprobieren. Im Erfolgsfall ziehen dann auch andere Krankenversicherer nach. Staatliche Systeme sind in der Regel weniger innovationsfreudig als wettbewerblich organisierte Modelle, das ist klar. Ebenso klar ist aber auch, dass auch eine staatliche Einheitskasse nicht auf die Errungenschaften der Telemedizin verzichten könnte. Zum einen, weil Telemedizin die Effizienz des Behandlungsprozesses deutlich erhöht und der Ausgangspunkt einer integrierten Versorgung ist, zum andern, weil Telemedizin einem zunehmenden Patientenbedürfnis entspricht. Doch bei einer staaltlichen Einheitskasse würden die Entscheidungsprozesse bis hin zum praktischen Einsatz von Innovationen sicher länger brauchen.

Kritiker der Telemedizin machen ihrerseits geltend, dass die Telemedizin auch neue Bedürfnisse schaffe. Was entgegnen Sie?

Wir schaffen keine Bedürfnisse, wir sind die Antwort auf im Markt bestehende Bedürfnisse, sei dies seitens Patienten oder seitens Leistungserbringer. Und diese Bedürfnisse nehmen weiter zu; eine Entwicklung, welche übrigens auch in Deutschland und Österreich zu beobachten ist.

«Wir schaffen keine Bedürfnisse, wir sind die Antwort auf im Markt bestehende Bedürfnisse, sei dies seitens Patienten oder seitens Leistungserbringer.»

Welche Entwicklungen und Trends werden den Bereich der Telemedizin in den nächsten Jahren bestimmen?

Der Wissens- und Informationsstand der Patienten wird immer besser. Immer mehr Patienten verfügen über ein Grundwissen, dass sie sich über das Internet, über Gesundheits-Apps, über eigene Erfahrungen und über den Erfahrungsaustausch angeeignet haben. Das Bedürfnis dieser Patienten nach einer ersten unkomplizierten Anlaufstelle, die schnell, rund um die Uhr und ortsunabhängig reagiert, wächst. Darüber hinaus werden immer neue Kommunikationsmittel, die sich rasch etablieren, die Telemedizin weiter vorantreiben. Medi24 ist technisch bereit, sämtliche zur Verfügung stehende Kommunikationsmittel einzusetzen und diese zu kombinieren. Noch sind die heutigen technischen Möglichkeiten den Bedürfnissen der Nutzer voraus, wir sind aber überzeugt, dass gerade die heutige Generation, welche mit diesen Technologien aufwächst, diese in Zukunft auch verstärkt in der telemedizinischen Beratung nachfragen wird. Wir bieten  beispielsweise bereits eine medizinische Online-Beratung an. Die im Internet gestellten Fragen zu Krankheitssymptomen und -verläufen, Therapien und Prävention werden werktags innerhalb von 24 Stunden von Experten beantwortet. Die Anfragen und Antworten werden verschlüsselt übertragen.

Herr Eggli, besten Dank für das Interview.

Zur Person:
Angelo Eggli studierte an der Universität Bern Rechtswissenschaften und erlangte 1994 das Anwaltspatent. Zusätzlich absolvierte er berufsbegleitend an der Universität Zürich ein Nachdiplomstudium in internationalem Wirtschaftsrecht, welches er mit dem Master of Laws (LL.M.) abschloss. Der 46jährige leitet als CEO Medi24 seit Dezember 2012. Er verfügt über eine ausgewiesene Berufs- und Managementerfahrung auf nationaler und internationaler Ebene in der Assekuranz und dem Gesundheitswesen. So war er unter anderem Konzern- und Geschäftsleitungsmitglied bei den National-Versicherungen und der Swica Krankenversicherung.

Das Unternehmen:
Medi24 ist ein telemedizinisches Beratungszentrum mit Sitz in Bern und hat seit der Geschäftsaufnahme 1999 schon über 1,6 Millionen Fälle betreut. Über Krankenversicherer und Ärztenetze haben mehr als zwei Millionen Personen Zugang zu Medi24. Ein interdisziplinäres Team aus über 80 Fachpersonen, darunter mehrere Ärzte, bietet rund um die Uhr und nach medizinisch-ethischen Kriterien telefonische Hilfe bei Notfällen und allgemeinen medizinischen Fragen. Die Dienstleistungen werden in den Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch angeboten. Medi24 gehört zur Allianz Global Assistance, der weltweit führenden Anbieterin von Assistance-Dienstleistungen.

www.medi24.ch

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