Cédric Waldburger, Gründer der AI Infrastructure Capital AG, im Interview
von Patrick Gunti
Der Boom der künstlichen Intelligenz treibt den Bedarf an leistungsfähiger Recheninfrastruktur rasant nach oben. AI Infrastructure Capital setzt genau dort an: Das Unternehmen kauft Nvidia-GPUs und vermietet die Rechenleistung über langfristige Verträge an Unternehmen. Zum Start fliessen 16 Millionen Euro in den Aufbau einer ersten Infrastruktur in Island – die Kapazitäten sind bereits vollständig vermietet. Im Interview erklärt Mitgründer Cédric Waldburger, warum er das Modell als Infrastruktur-Investment mit planbaren Cashflows versteht, weshalb Island zum Standort wurde und wie sich technologische Risiken bei schnell alternder Hardware begrenzen lassen.
Moneycab.com: Herr Waldburger, AI Infrastructure Capital besitzt und vermietet Rechenleistung für künstliche Intelligenz. Sie investieren also nicht in KI-Software, sondern in die Infrastruktur dahinter. Wie erklären Sie Ihr Geschäftsmodell einem Investor in Kurzform?
Cédric Waldburger: Wir kaufen erstklassige NVIDIA-GPU-Hardware und vermieten sie über mehrjährige, fest vereinbarte Verträge weiter. Die Rechenleistung ist bereits verkauft, bevor sie überhaupt in Betrieb geht. Das heisst: Der Ertrag entsteht aus vertraglich fixierten Mietzahlungen, nicht aus einer Spekulation darauf, welches KI-Modell oder welche Anwendung sich durchsetzt. Wir bauen keine Rechenzentren und entwickeln keine Software, wir mieten Flächen in bestehenden Rechenzentren und lassen den Betrieb durch einen erfahrenen Partner sicherstellen. Für Investoren ist das ein Infrastruktur-Investment mit planbaren Cashflows, nicht eine Wette auf den nächsten KI-Trend.
An wen richtet sich Ihr Angebot?
Das Angebot hat zwei Seiten. Auf der einen Seite stehen Kunden, die verlässlichen Zugang zu GPU-Kapazität brauchen und diese heute bei den grossen Cloud-Anbietern oft nicht in der gewünschten Grösse oder zum gewünschten Zeitpunkt bekommen. Auf der anderen Seite stehen Investoren, die in KI-Infrastruktur investieren wollen, aber lieber einen vertraglich abgesicherten, infrastruktur-artigen Ertrag suchen als das Risiko eines klassischen Venture-Investments. Wir bringen diese beiden Seiten zusammen: Der Kunde bekommt Rechenleistung mit langfristiger Vertragssicherheit, der Investor bekommt ein Vehikel mit abgesicherten Cashflows.
«Wer heute planbar GPU-Kapazität für ein Projekt braucht, merkt schnell: Verfügbarkeit ist nicht gleich Zugänglichkeit.»
Cédric Waldburger, Gründer der AI Infrastructure Capital AG
Wie gross ist denn der Engpass bei der KI-Rechenleistung und wo zeigt sich dies am deutlichsten?
Der Engpass ist real und zeigt sich vor allem bei mittelgrossen Nutzern, die keine strategischen Partnerschaften mit den Hyperscalern haben. Grosse Techkonzerne sichern sich Kapazität oft Jahre im Voraus, kleinere und mittlere Unternehmen stehen dann am Ende der Warteschlange. Am deutlichsten zeigt sich das bei der Verfügbarkeit von garantierten Kontingenten zu einem fixen Zeitpunkt, weniger bei der reinen Existenz von Chips. Wer heute planbar GPU-Kapazität für ein Projekt braucht, merkt schnell: Verfügbarkeit ist nicht gleich Zugänglichkeit.
Fehlt es tatsächlich an GPUs – oder liegt das Problem häufiger bei Stromanschlüssen, Netzkapazitäten und geeigneten Standorten?
Der Engpass hat sich in den letzten ein, zwei Jahren verschoben. Am Anfang war es tatsächlich die Verfügbarkeit von Chips, heute sind es zusätzlich die bindende Restriktion wie Strom, Netzanschluss und ein geeigneter Standort. Ein Rechenzentrum mit genug Fläche zu finden ist relativ einfach, einen Standort mit ausreichend und zuverlässig verfügbarer Energie zu fairen Preisen zu finden ist es nicht. Genau deshalb ist die Standortwahl für uns keine Nebensache, sondern eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen im ganzen Geschäftsmodell.
Der Wettbewerb um KI-Infrastruktur wird von Technologiekonzernen dominiert, die Milliarden investieren. Wo sehen Sie AI Infrastructure Capital hier positioniert?
Wir stehen nicht im direkten Wettbewerb mit den Hyperscalern, das wäre auch nicht realistisch angesichts von deren Kapitaleinsatz. Wir bedienen ein Segment, das die grossen Anbieter oft nicht priorisieren: Kunden, die eine fest zugesagte, mittelgrosse Kapazität zu einem bestimmten Zeitpunkt brauchen und dafür bei den Hyperscalern keine passgenaue Lösung finden. Diese Grössenordnung ist für die grossen Cloud-Anbieter oft zu klein, um Priorität zu geniessen, für uns ist sie genau richtig. Wir sehen uns also nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zum bestehenden Angebot.
«Wir bedienen ein Segment, das die grossen Anbieter oft nicht priorisieren: Kunden, die eine fest zugesagte, mittelgrosse Kapazität zu einem bestimmten Zeitpunkt brauchen und dafür bei den Hyperscalern keine passgenaue Lösung finden.»
Sie starten mit einer Finanzierungsrunde von 16 Millionen Euro. Wofür wird dieses Kapital konkret eingesetzt?
Die Runde wird angeführt von der Anlagestiftung VALYOU, unserem Anker-Investor. Das Kapital fliesst direkt in den Kauf der GPU-Hardware und deren Aufbau in Island. Wir starten dort mit 1 Megawatt Leistung und skalieren bis Jahresende auf 1.3 Megawatt, live sein soll die Anlage noch vor Ende September 2026. Es ist also kein Kapital für den Aufbau von Organisation oder Software, sondern für den direkten Einkauf und die Inbetriebnahme von Hardware.
Ist die Rechenleistung bereits vermietet?
Ja. Die gesamte geplante Rechenleistung ist bereits vor Inbetriebnahme zu 100 Prozent vermietet, über einen festen Vertrag mit einer Laufzeit von 36 Monaten und länger. Der Kunde hat bei Vertragsabschluss zudem eine substanzielle Anzahlung geleistet. Wen genau wir beliefern, können wir aufgrund von Datenschutzgründen nicht bekannt geben, aber es handelt sich um einen etablierten Abnehmer mit entsprechendem Bedarf. Für uns als Investoren ist das der Kern des Modells: Wir bauen nichts auf Vorrat, sondern nur, was schon verkauft ist.
«Die gesamte geplante Rechenleistung ist bereits vor Inbetriebnahme zu 100 Prozent vermietet, über einen festen Vertrag mit einer Laufzeit von 36 Monaten und länger.»
Wie kalkulieren Sie das Risiko, dass eine heute gekaufte Hardware bereits in zwei oder drei Jahren technologisch überholt sein könnte?
Wir schreiben die Hardware konservativ über eine Dauer von rund fünf bis sieben Jahren ab. Entscheidend ist aber ein anderer Punkt: Das gesamte Investment ist so aufgesetzt, dass sich das eingesetzte Kapital über die vertraglich gesicherten Mieteinnahmen der laufenden Vermietung zurückzahlt. Das heisst, der Erfolg des Investments hängt nicht von einem späteren Wiederverkauf oder einer Anschlussvermietung zu unbekannten Konditionen ab. Technologischer Fortschritt ist damit natürlich ein Risiko für den Restwert, aber kein Risiko für die Rückzahlung des eingesetzten Kapitals selbst.
Bleiben Nvidia-Chips auf absehbare Zeit das Rückgrat Ihres Geschäftsmodells?
Ja, für die absehbare Zukunft schon. Nvidia hat aktuell einen klaren technologischen Vorsprung und mit Abstand das grösste Software-Ökosystem rund um CUDA, das für Kunden und Entwickler entscheidend ist. Wir beobachten die Entwicklung bei alternativen Chipherstellern natürlich, aber unser Modell hängt nicht an einer bestimmten Chip-Marke, sondern daran, jeweils die Hardware zu kaufen, die der Markt aktuell am meisten nachfragt. Heute ist das Nvidia, sollte sich das ändern, passen wir uns an.
Sie betreiben Ihre KI-Infrastruktur wie Sie gesagt haben in Island. Das Land verfügt über nahezu vollständig erneuerbare Stromerzeugung aus Wasser- und Geothermie sowie ein kühles Klima. Wie gross ist der Kostenvorteil durch den deutlich geringeren Kühlbedarf?
Der Effekt ist spürbar und macht ökonomisch aber auch ökologisch Sinn. Islands kühles Klima erlaubt über weite Strecken des Jahres freie Kühlung, ohne dass aufwendige Klimaanlagen laufen müssen, das senkt sowohl die Energiekosten als auch den Wartungsaufwand für die Kühlinfrastruktur deutlich gegenüber einem Standort in wärmeren Regionen. Dazu kommt, dass der Strom fast vollständig aus Wasserkraft und Geothermie stammt, was die Preise stabiler und langfristig planbarer macht als in Märkten mit volatilen Energiepreisen. Für uns kommt noch ein zweiter Grund dazu: Island liegt geografisch zwischen Europa und den USA, das gibt uns Zugang zu einer grossen Kundenbasis auf beiden Seiten des Atlantiks.
«Island liegt geografisch zwischen Europa und den USA, das gibt uns Zugang zu einer grossen Kundenbasis auf beiden Seiten des Atlantiks.»
Immer mehr Unternehmen wollen ihre KI-Anwendungen klimafreundlich betreiben. Wird die CO₂-arme Infrastruktur zunehmend zu einem entscheidenden Kaufargument?
Ja, das erleben wir zunehmend. Viele Unternehmen haben eigene Nachhaltigkeitsziele oder müssen ihren Kunden gegenüber den CO2-Fussabdruck ihrer KI-Anwendungen ausweisen, und Rechenleistung ist dabei oft der grösste Einzelposten. Ein Standort wie Island, an dem praktisch die gesamte Energie aus erneuerbaren Quellen stammt, ist für solche Kunden ein handfestes Argument, kein Nice-to-have. Ich gehe davon aus, dass dieser Faktor bei der Standortwahl für Rechenzentren in den nächsten Jahren weiter an Gewicht gewinnt.