Christian Reuss, CEO Scoach

Christian Reuss, CEO Scoach

Christian Reuss, CEO Scoach.

Von Martin Raab, Derivative Partners Media AG, www.payoff.ch

payoff im Gespräch mit Christian Reuss, CEO Scoach, über die Vorzüge des Börsenhandels, das neue Handelssegment und geringe Volumina.

payoff: Herr Reuss, getreu dem Motto «Gespielt wird im Casino, gehandelt an der Börse» propagiert Scoach seit Kurzem die börslichen Vorzüge. Was spricht gegen den günstigen Direkthandel?

Christian Reuss: Ich möchte lieber darauf eingehen, was für den börslichen Handel spricht! Anlegerschutz und Transparenz sind Eckpfeiler des Handels auf Scoach: verbindliche Quotes, die für jeden handelbar sind, eine neutrale Marktüberwachung, die die Abschlüsse auf Marktgerechtigkeit überprüft, die Veröffentlichung von Abschlüssen, Marktreports, aber auch Mistrades. All dies erhält der Anleger zu relativ geringen Börsengebühren. Und diese können sehr gut investiert sein, wie der derzeit prominente Fall eines ausserbörslichen Mistrades in Deutschland belegt.

Sie meinen das Anlegerpaar, das 20‘000 Euro Schadensersatz wegen eines Mistrades in OTC-gehandelten Warrants erhalten hat?

Genau. Eine Bank hatte nach einem Abschluss nachträglich den Preis geändert ohne dies ausreichend zu begründen. Der Trade fand im Direkthandel statt, es gab also keine Handelsüberwachung, die das Geschäft hätte kontrollieren können. Die Schadenssumme war jedoch so hoch, dass die Anleger einen Anwalt einschalteten. Da der ausserbörsliche Handel keine Mistrades oder ähnliches publiziert und sich eine Eskalation häufig erst ab einer gewissen Schadenssumme erfolgt, ist unbekannt, wie oft so etwas vorkommt. Dies steht im Gegensatz zur Börse, wo sich der Anleger in einem regulatorisch gesicherten Umfeld mit den höchsten Transparenz-und Anlegerschutzstandards bewegt.

Vermehrt wünschen sich auch Marktteilnehmer der Sell-Side ein tieferes Pricing – konkret bei den Listinggebühren. Eine Illusion, oder gibt es hierfür Potenzial?

Eine börsliche Infrastruktur liefert einen hohen Mehrwert – neben Stabilität und Verlässlichkeit vor allem auch Glaubwürdigkeit für die an einer Börse gehandelten Produkte. Dies hat aber natürlich auch zugehörige Kosten. Im aktuell schwierigen Umfeld ist dies für viele Marktteilnehmer natürlich ein besonders schwerwiegendes Argument. Wir arbeiten jedoch kontinuierlich an dem Ausbau und der Verbesserung unserer Dienstleistungen. Initiativen wie COSI, Connexor und die elektronische Dokumentübermittlung und -archivierung belegen dies. Ausserdem haben wir im Rahmen einer Listingpromotion für K.O. Warrants und Mini-Futures einen hohen siebenstelligen Betrag an den Markt zurückgegeben. Einen grösseren Einschnitt im positiven Sinne könnte zudem die Migration auf eine neue Handelsplattform bringen.

«Unser neues Handelssegment wird preislich sehr attraktiv sein.»
Christian Reuss, CEO Scoach

Welche Plattform meinen Sie genau mit «neuer» Handelsplattform?

Seit diesem Frühjahr verfügt die SIX mit SWXess über die schnellste Aktienhandelsplattform der Welt. Im Rahmen dieses System-Upgrades hoffen wir auch bei Scoach Vorteile zu realisieren, die wir dem Markt weitergeben können. Sei es in Form einer deutlich verbesserten Performance oder in Form von Kostensenkungen.

Parallel wird bei Ihnen ja auch am neuen Segment für Privatplatzierungen gearbeitet. Ist das die Alternative für preisbewusste Emittenten?

Absolut! Die Idee der Plattform ist, dem ausserbörslichen Intrabanken-Handel die Vorteile der zentralen Abwicklung der Börse zugänglich zu machen. Dies schliesst sowohl den Sekundärhandel, die Verteilung von Bewertungspreisen, wie auch die Abwicklung mit ein. Da es keine börsliche Zulassung, keine kontinuierliche Quotierung und keine Marktüberwachung gibt, wird das Segment preislich sehr attraktiv sein.

Wann erwarten Sie die Inbetriebnahme dieses Segments?

Aus heutiger Sicht gehe ich von einem Start im ersten Quartal 2013 aus.

Viele Hebelprodukte sind zunehmend wieder «Arbitrage»-betroffen…

Arbitrage ist ein regelmässiges Thema beim Handel in Strukturierten Produkten. Der Tickarbitrage stehen wir dabei grundsätzlich kritisch gegenüber, und wir hoffen, mit der Migration auf die neue, schnellere Handelssoftware einen wichtigen Beitrag leisten zu können.

«Anlegerschutz und Transparenz sind die Eckpfeiler von Scoach

Welche Erwartungen haben Sie an das zweite Halbjahr 2012?

Wir hoffen, dass sich das Marktumfeld wieder freundlicher gestaltet und Anleger wieder an den Markt zurückkommen. Nach dem ersten Halbjahr 2012 ist Scoach zwar weiterhin die umsatzstärkste Börse in Europa und die mittlerweile zweitgrösste weltweit – allerdings relativiert sich die Freude darüber angesichts der allgemein geringen Volumina.

Gibt es noch weitere Projekte, die bei Scoach in Arbeit oder geplant sind?

In der Schweiz konzentrieren wir uns auf die angesprochene Migration und den Mehrwert, den wir Marktteilnehmern dadurch bieten können, sowie auf das neue Handelssegment. In Deutschland kommen die Internationalisierung in Hong Kong, bei der wir in der zweiten Jahreshälfte die ersten Tickets erwarten, sowie eine Optimierung der Posttrade-Prozesse hinzu.

Der Gesprächspartner:
Seit Juni 2009 ist Christian Reuss CEO und Vorstandssprecher bei Scoach. Im September 2009 übernahm er zudem eine Position als Board Member der Swiss Futures & Options Association (SFOA). Christian Reuss bringt mehr als zehn Jahre Erfahrung im Bereich Banking & Finance mit sich, über sieben davon bei Goldman Sachs – zuletzt als Executive Director in der Private Investor Products Group (PIPG) mit europaweiter Verantwortung. Christian Reuss, geboren 1975, verheiratet und Vater zweier Töchter, studierte Betriebswirtschaft an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt, hält einen Master of Business Administration der Henry B. Tippie School of Management/University of Iowa und ist CFA Charterholder.

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