Christoph Tonini, CEO Tamedia, im Interview

Christoph Tonini
Tamedia-CEO Christoph Tonini. (Foto: Tamedia)

Christoph Tonini, CEO Tamedia. (Foto: Tamedia)

von Robert Jakob

Moneycab.com: Herr Tonini, in diesem Jahr wird Ihr Auktionshaus Ricardo voll in der Jahresbilanz konsolidiert sein. Am Jahresende 2016 dürfte die Tamedia Gruppe also mehrheitlich ein Online-Unternehmen sein? Das ging damit doppelt so rasch wie vor gut zwei Jahren von Ihnen vorhergesagt…

Christoph Tonini: Ich bin zuversichtlich, dass wir unser anvisiertes Ziel, mit unserem Digitalgeschäft dieses Jahr die 50-Prozent-Marke zu erreichen, schaffen werden. Trotzdem werden wir Ende 2016 noch immer ein Medienunternehmen sein, dass mehrheitlich im Verlagsgeschäft tätig ist. Unsere digitalen Angebote machen derzeit 28 Prozent Umsatz- und 39 Prozent EBITDA-Anteil aus. Doch den grössten Umsatz- und Ergebnisanteil erreichen wir nach wie vor mit unseren gedruckten Zeitungen und Zeitschriften, die damit nicht nur historisch, sondern auch wirtschaftlich weiterhin unser Kerngeschäft sind.

Print geht immer mehr zurück. Wie wollen Sie denn da noch erfolgversprechenden Nachwuchs rekrutieren? Die Wertschöpfung pro Texteinheit war ja noch nie so tief wie heute.

Natürlich sind wir uns bewusst, dass Print weiter rückläufig sein wird und Online stetig zunimmt. Es ist uns deshalb ein zentrales Anliegen, mit der Publizistik auch im digitalen Zeitalter weiterhin Geld zu verdienen und unseren Leserinnen und Lesern ein qualitativ hochstehendes Angebot zu bieten. So investieren wir laufend in publizistische Neuerungen, wie beispielsweise die «12-App» mit den täglich 12 besten Geschichten aus allen Tamedia-Titeln, oder die neue 20-Minuten-App, die die Interaktion mit den Usern nochmals deutlich erhöht hat. Denn letztlich ist es ja nicht das gedruckte Papier, das die journalistische Qualität einer Zeitung oder eines Magazins auszeichnet, sondern der Inhalt und die Produktgestaltung.

«Seit der Einführung des Bezahlmodells beim Tages-Anzeiger im März 2014 sind wir laufend dabei, weitere Bezahlangebote bei unseren regionalen Medien zu lancieren.»
Christoph Tonini, CEO Tamedia

Der Tagesanzeiger behauptet sich seit Jahren in der Schweiz als journalistisch beste Tageszeitung. Ist das die Zukunft: Ein paar Edelfedern und ansonsten am Newsdesk gepushte Massenware?

Anknüpfend an meine vorherige Antwort: Es ist nicht das Medium, das den Tages-Anzeiger ausmacht, sondern der Inhalt – unabhängig davon, ob auf Papier oder digital im Netz. Wie bei einer gedruckten Zeitung finden sich auch auf unseren Online-Newsportalen aktuelle Kurzmeldungen sowie vertiefende Hintergrundberichte. Dass die Leute auch längere Artikel auf dem Smartphone, Tablet oder Desktop lesen, zeigt sich insbesondere an der neuen «12-App», die bei unserer Leserschaft sehr gut ankommt.

Mittlerweile hat der Tagi über 10’000 Online-Bezahlabokunden, nun ja, immerhin. Wo liegt für Sie die wirtschaftliche Ziellinie?

Seit der Einführung des Bezahlmodells beim Tages-Anzeiger im März 2014 sind wir laufend dabei, weitere Bezahlangebote bei unseren regionalen Medien zu lancieren. Als nächstes ist dies für die Zürcher Regionalzeitungen geplant. Alles in allem sind wir mit dem Start des Bezahlmodells noch nicht ganz zufrieden, obwohl wir bei der Anzahl digitalen Abos 2015 eine Zunahme von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr verbuchen konnten. Aber wir stehen noch am Anfang und bauen unser Wissen und neue Kompetenzen in diesem Bereich beständig aus.

Wie weit wird Ihrer Meinung nach die Konvergenz in den Medien noch gehen?

Konvergenz ist ein zentrales Thema, das uns weiter beschäftigen wird. Es geht in erster Linie darum, unseren Leserinnen und Lesern sowie unseren Werbekunden qualitativ hochstehende Angebote zu attraktiven Preisen offerieren sowie agiler und umfassender auf ihre Wünsche und Bedürfnisse reagieren zu können.

Führt die jetzt in Ihrem Haus erfolgte strikte Trennung zwischen Bezahl- und Gratismedien denn zu mehr Budgetgerechtigkeit?

Die Redaktionen der regionalen, bezahlten Tageszeitungen und unserer Pendlermedien waren schon immer eigenständig organisiert, womit keine Kostenallokationen in diesem Zusammenhang stehen. Ab 2017 organisieren wir jedoch in erster Linie den gesamten Werbeverkauf und unsere Nutzermarkt-Services neu, um gegenüber unseren Kunden neue Angebote entwickeln und schneller agieren zu können. Budgetüberlegungen stehen also nicht im Vordergrund, es geht vielmehr darum, unseren Nutzern und Kunden möglichst gute Dienstleistungen zu bieten.

«Wir erwarten für Tamedia durch die Vermarktungsallianz zwischen SRG, Swisscom und Ringier kaum direkte Auswirkungen.»

Sie haben die neue Werbeallianz SRG, Ringier und Swisscom vornehmlich aus wettbewerbsrechtlichen Gründen kritisiert. Dennoch dürfte der Werbekuchen für Tamedia dadurch doch ein paar Millionen kleiner werden, oder täusche ich mich da?

Wir erwarten für Tamedia durch die Vermarktungsallianz zwischen SRG, Swisscom und Ringier kaum direkte Auswirkungen, da wir mit unserem breiten und differenzierten Angebot unter den Schweizer Medienhäusern am besten aufgestellt sind. Doch das Werbe-Joint-Venture wird – wenn es ohne Einschränkungen agieren darf – langfristig die freien unternehmerischen Entfaltungsmöglichkeiten der privaten Medienanbieter empfindlich verschlechtern und zu einer klaren Marktverzerrung führen. Deshalb setzen wir uns gemeinsam mit dem Verband Schweizer Medien dafür ein, dass die gebührenfinanzierten Werbeplätze der öffentlich-rechtlichen SRG nicht zur Konkurrenzierung der privaten Medienunternehmen eingesetzt werden dürfen.

Sind Sie mittlerweile bei den Autooccasionsportalen die Nummer eins?

Nein, während wir mit homegate.ch, jobs.ch, ricardo.ch und tutti.ch jeweils starke Nummer-1-Positionen besetzen, haben wir dieses Ziel im Automarkt leider noch nicht erreicht. Durch die Bündelung der Kräfte von car4you.ch und autoricardo.ch konnten wir aber eine wirklich starke Alternative zu AutoScout24 im Automarkt schaffen, wovon Händler und Privatkunden gleichermassen profitieren.

Der diesjährige Rekordgewinn kam über die Neubewertung von search.ch zustande. Von den Analysten kritisch wird die um 3 Prozent auf 12,3 gesunkene Gewinnmarge gesehen. Wo werden Sie in Zukunft den Margendruck abbauen?

Der Rückgang der Gewinnmarge ist vor allem auf die Goodwill-Wertberichtigungen im Umfang von 42 Millionen Franken zurückzuführen. Für diese Wertberichtigungen gibt es zwei wesentliche Gründe: Einzelne Aktivitäten haben sich 2015 schlechter entwickelt als erwartet, weshalb wir die Wachstumsperspektiven in den Businessplänen anpassen mussten. Zweitens müssen wir im Digitalbereich mit unseren Investitionen bewusst auch Risiken eingehen. Das kann sich mal positiv auswirken – wie bei search.ch – in anderen Fällen allerdings auch einmal zu einem Impairment führen.

Das Wachstum der letzten Jahre war bei Tamedia akquisitionsgetrieben. Die Zukäufe haben immer sehr gut gegriffen. Haben Sie keine Angst, einmal einen Fehlgriff zu erleiden?

Nein, wir wollen unser digitales Angebot stetig ausbauen und werden dahingehend weitere Investitionen in die Digitalisierung tätigen. Wie alle unternehmerischen Entscheide bringen diese natürlich auch Risiken mit sich. Aber wenn wir als führende Schweizer Mediengruppe weiter wachsen wollen, müssen wir auch bereit sein, gewisse Risiken einzugehen.

«Tamedia ist aus dem Verband Viscom ausgetreten, weil dieser die Zeitungsdruckunternehmen unserer Ansicht nach nicht mehr angemessen vertritt.»

Ist mit dem Austritt aus dem Arbeitgeberverband viscom die Tür zum Gesamtarbeitvertrag der Druckereibranche definitiv zu?

Tamedia ist aus dem Verband Viscom ausgetreten, weil dieser die Zeitungsdruckunternehmen, die nur gerade 9 Prozent der Mitarbeitenden in der Druckbranche beschäftigen, unserer Ansicht nach nicht mehr angemessen vertritt. Diese werden im neuen Gesamtarbeitsvertrag gegenüber den anderen Branchenangehörigen benachteiligt. Wir haben die Mitarbeitenden in unseren Druckereien offen darüber informiert. Der Austritt aus dem Verband Viscom hat jedoch keinen unmittelbaren Einfluss auf sie. Denn obwohl der neue Gesamtarbeitsvertrag aufgrund des Austritts aus dem Verband keine Gültigkeit für uns hat, werden wir die bisherigen Konditionen mindestens für das laufende Jahr 2016 analog weiterführen. Es ist uns ein grossen Anliegen, auch künftig eine attraktive Arbeitgeberin zu sein, die marktgerechte Löhne bezahlt sowie gute Sozialleistungen bietet.

Zur Person:
Christoph Tonini (1969) ist seit Januar 2013 CEO von Tamedia. Er kam im April 2003 als Leiter Finanzen und Mitglied der Unternehmensleitung zu Tamedia. In den letzten Jahren leitete er unter anderem die Unternehmensbereiche Services, Zeitungen Schweiz, Medien Schweiz und war zuletzt für den Bereich Digital & 20 Minuten verantwortlich. Von 2007 an amtete er zudem als stellvertretender CEO. Vor seiner Zeit bei Tamedia war Christoph Tonini 1998 bis 2003 in diversen Funktionen für Ringier tätig. Zuletzt war er dort als Leiter Ringier Ungarn und Ringier Rumänien verantwortlich. Christoph Tonini absolvierte von 2001 bis 2003 ein MBA-Studium an der Universität in St. Gallen. Von 1990 bis 1993 studierte der gelernte Offsetdrucker an der Schweizer Ingenieurschule für Druck und Verpackung (esig) in Lausanne.

Zum Unternehmen:
Tamedia ist mit einem Umsatz von über einer Milliarde Franken die führende private Schweizer Mediengruppe. Tamedia hat ihre Wurzeln und Schwerpunkte in der deutschen und französischen Schweiz, ist mittlerweile aber auch in Dänemark und Luxemburg aktiv. Das Unternehmen wurde 1893 gegründet und ist seit 2000 (IPO) an der Schweizer Börse (SIX) kotiert. Mit über 2 Millionen Lesern ist die Pendlerzeitung 20 Minuten die grösste Printpublikation. Mit dem Ticketportal Starticket, dem Online-Marktplatz Ricardo, dem Immobilienvermittler Homegate und zahlreichen weiteren Digitalplattformen sowie Newsportalen spielt Tamedia auf der ganzen Klaviatur der medialen off- und online-Dienstleistungen.

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