Claus Martini, CEO IVF HARTMANN, im Interview

Claus Martini
Claus Martini, CEO IVF HARTMANN. (Foto: zvg)

von Bob Buchheit

Moneycab.com: Herr Martini, was halten Sie von der Idee des KOF-Direktor Sturm, eine Sondersteuer für Corona-Gewinner zu erheben?

Claus Martini: Ich kann mich nur zu unserem Verhalten zu Beginn und im Verlauf der Corona-Pandemie äussern: IVF HARTMANN hat während der Pandemie immer die bestmögliche Versorgung unserer Kunden in den Vordergrund gestellt. Im ersten Halbjahr gab es denn auch keine Preiserhöhungen für unsere Produkte, obwohl wir in ganz erheblichem Masse mit Preiserhöhungen unserer Lieferanten oder mit aussergewöhnlichen Logistikkosten – etwa für das Einfliegen von Ware aus Asien – konfrontiert waren. Wir hatten und haben nicht die Absicht, von dieser aussergewöhnlichen Situation finanziell zu profitieren. Wir sehen uns als Marktführer in der Verantwortung, dass unsere Kunden bestmöglich durch die Krise kommen. Das treibt uns an und dafür arbeiten viele Mitarbeitende seit Monaten Tag und Nacht.

Umsatz und Gewinn stiegen im ersten Halbjahr jeweils um mehr als ein Viertel, nur der Bereich Wundmanagement fiel. Haben die Menschen weniger Sport getrieben?

Tatsächlich waren die Verkäufe der Produkte im Segment Wundmanagement rückläufig. Das ist darauf zurückzuführen, dass seit März die Behandlungen in den Spitälern und die Frequenzen in den Apotheken zurückgingen. Entsprechend wurden auch unsere Produkte weniger nachgefragt.

„Wir hatten und haben nicht die Absicht, von Corona finanziell zu profitieren.“
Claus Martini, CEO IVF Hartmann

Im Semestervergleich blieb die EBIT-Marge mit 10,4 Prozent konstant. Wieso erwarten Sie dann aufs Jahr gerechnet bei signifikant höherem Umsatz nur einen Bruttogewinn leicht über Vorjahr?

Wir befinden wir uns noch immer in einer sehr dynamischen Situation. Wie die aktuell feststellen können, gehen die Coronazahlen europaweit wieder hoch, mit Effekten, auf die wir keinen Einfluss haben. Daher sind wir konservativ in unseren Erwartungen.

Die Investitionen fuhren Sie im H1 ebenfalls um ein Viertel hoch. Wo lag der Schwerpunkt?

Die Investitionen betrafen den Abschluss unserer Strategie 2020 – die Fertigstellung des hochmodernen Logistikzentrums, die Automatisierung in der Produktion sowie die Investition in die Weiterentwicklung digitaler Plattformen.

Das Angebot an digitalen Lösungen auf der Plattform HARTMANN easy wurde im Coronahalbjahr ausgebaut und von den Kunden fleissig genutzt. Gibt es I-technologisch neue Entwicklungen?

Digitale Lösungen sind nie fertig. Unsere Kunden erwarten, dass wir unsere Angebote stetig verbessern und weiterentwickeln. Ein Beispiel dafür ist easyShelf. Ein mit vielen Sensoren ausgestattetes Regal beim Kunden organisiert inzwischen völlig autonom die komplette Produktversorgung. Der Kunde entnimmt „nur noch“ aus einem immer gefüllten Regal die benötigten Produkte. Mit diesem vollautomatischen Bestellsystem sparen unsere Kunden, gerade im Bereich der Alters- und Pflegeheime, wertvolle Ressourcen. Die zugehörige Bestellplattform, die intelligenten Regale und der Einräumservice für das Nachfüllen der Regale werden laufend optimiert. Und das über dieses System angebotene Sortiment wird stetig ausgebaut.

Unser neues, vollautomatisiertes Logistikzentrum in Neuhausen ist ein weiterer Entwicklungspfeiler für diese Kundenlösung. Wir streben mit diesen Investitionen an, die letzte Meile zum Kunden so gut und mit so grosser Versorgungssicherheit wie möglich zu beherrschen, so dass sich Spitäler und Pflegeheime noch mehr auf ihre Kernaufgabe konzentrieren können und in der Beschaffung von Verbrauchsmaterialien in Aufwand und Prozesskosten signifikant entlastet werden.

„Ein mit vielen Sensoren ausgestattetes Regal beim Kunden organisiert inzwischen völlig autonom die komplette Produktversorgung.“

Das Gesundheitswesen wird immer regulierter, da kann die Informationstechnologie ja nur teilweise Abhilfe schaffen. Wo lauert die grösste Herausforderung?

Wir sehen gerade in den fehlenden Ressourcen eine grosse Herausforderung für das Gesundheitswesen. Medizinische und pflegerische Kräfte sind – auch in der Schweiz – zunehmend knapp und verbringen einen zunehmenden Anteil ihrer Zeit mit nicht-medizinischen und nicht-pflegerischen Tätigkeiten. Hier setzen wir mit unseren Produkten und Angeboten an. Unsere Lösungen, dazu gehören etwa HARTMANN easy oder easyShelf, machen in Spitälern, Alters- und Pflegeheimen Ressourcen frei, die in das eigentliche Kerngeschäft, nämlich die Betreuung und Pflege der Patientinnen und Patienten, investiert werden können.

Im Markt für Inkontinenzartikel, an und für sich ein Wachstumsmarkt, kämpfen sie gegen Billiganbieter und Markenartikler. Wer ist gefährlicher?

Wir haben mit MoliCare ein hochwertiges Inkontinenz-Sortiment, welches seit langem marktführend im professionellen Bereich etabliert ist. Dieses Sortiment wird stetig verbessert und Schritt für Schritt auch dem auf hohe Qualität setzenden Endkonsumenten nahegebracht.

Gibt es da eine neue Applikation?

Seit einigen Monaten vertreiben wir unsere MoliCare-Produkte über eine E-Commerce-Plattform an unsere Endkunden. Die Plattform wird Schritt für Schritt auf- und ausgebaut. Wir verfolgen dabei einen Omnichannel-Ansatz. Wir wollen in allen relevanten Kanälen vertreten sein, so dass der Kunde selbst entscheiden kann, wo er unsere Produkte bezieht.

„Es wäre ein grosser Vorteil, wenn ein Pflaster den Wundheilungsverlauf selbst beobachten könnte und bei Bedarf dem Pflegenden einen Alarm gibt.“

Wussten Sie übrigens, dass man bei der EMPA an Pflastern mit eingebauten Sensoren arbeitet?

Ja, davon habe ich gehört. Allgemein gibt es global viele Aktivitäten, vermeintlich einfache Produkte durch den Einbau von Sensorik intelligenter zu machen. So wäre es beispielsweise ein grosser Vorteil, wenn ein Pflaster den Wundheilungsverlauf selbst beobachten könnte und bei Bedarf dem Pflegenden einen Alarm gibt. IoT-Technologien werden Medizin besser machen. Aber nicht alles, was technisch funktioniert, macht auch Sinn oder ist bezahlbar.

IVF Hartmann hat heuer 150-Jahresjubiläum. Gibt es nicht wenigstens ein kleines Fest?

Wir werden dies im Rahmen des Möglichen natürlich auch feiern. Leider sind wir hier, genauso wie in unseren Geschäften, von der Corona-Situation abhängig.

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