Eric Bernard, CEO Sonova, im Interview
von Bob Buchheit
Moneycab.com: Herr Bernard, warum trennt sich Sonova wieder von Sennheiser?
Eric Bernard: Wir haben eine strategische Portfolioentscheidung getroffen, um Sonovas Fokus verstärkt auf Hörversorgung, Hörgeräte und Cochlea-Implantate zu richten. In diesen Bereichen sind unsere Innovationsprioritäten und unsere Marktpräsenz am stärksten. Das Consumer-Hearing-Geschäft Sennheiser Consumer Audio ist in einer anderen Kategorie mit eigenen Vertriebskanälen und Geschäftszyklen tätig. Durch den Verkauf an einen geeigneten Eigentümer wird dieses Geschäft sein volles Potenzial entfalten können, während Sonova finanzielle und operative Ressourcen auf sein Kerngeschäft konzentriert.
«Durch den Verkauf von Sonova an einen geeigneten Eigentümer wird dieses Geschäft sein volles Potenzial entfalten können, während Sonova finanzielle und operative Ressourcen auf sein Kerngeschäft konzentriert.»
Eric Bernard, CEO Sonova
Was bleibt unterm Strich?
Die Übernahme war ein strategischer Schritt, um den Markt für Hearables und Hörlösungen für den früheren Eintritt in die Kategorie zu sondieren. Diese Aufgabe ist nun abgeschlossen. Wir haben wichtige Erkenntnisse und Einblicke in das Nutzerverhalten gewonnen, beispielsweise darüber, was im Over-the-Counter-Bereich funktioniert und was nicht. Diese Erkenntnisse wurden in das Kerngeschäft von Sonova im Bereich Hörgeräteversorgung integriert.
In Zukunft sollen Ihre eigenen Hörcenter und die Grosshändler Aktivitäten zur Generierung von Kundeninteresse, also zur «Lead-Generation», gemeinsam nutzen. Besteht da nicht die Gefahr, dass sie sich gegenseitig Konkurrenz machen?
Nein, sie werden sich gegenseitig ergänzen. Anfragen, die nicht über den Sonova-Einzelhandel abgewickelt werden können, werden künftig an bevorzugte Grosshandelspartner weitergeleitet. Das ermöglicht es uns, den Umsatz über alle Vertriebskanäle hinweg zu maximieren.
Der grösste Wachstumsmarkt ist noch auf viele Jahre hinaus sicherlich China. Wie sieht dort die Krankenversicherung bei Schwerhörigkeit aus?
Cochlea-Implantate werden in den meisten Provinzen Chinas von der Krankenkasse erstattet; etwa 70–80 Prozent der Kosten werden übernommen. Hörgeräte werden in der Regel nicht von der staatlichen Krankenversicherung übernommen. In seltenen Fällen werden sie von privaten Krankenversicherungen abgedeckt. Menschen mit offiziell anerkanntem Grad an Behinderung erhalten zudem teilweise Zuschüsse über entsprechende Förderprogramme.
In Asien sehen Sie generell noch weiters Potenzial. Welche Länder sind Nummer zwei bis fünf?
Wir kommentieren unsere regionalen Schwerpunktmärkte nicht im Detail, sehen aber in mehreren asiatischen Märkten weiteres Potenzial. In Japan verzeichnen wir bereits gute Fortschritte.
In der Wertschöpfungskette wollen Sie vermehrt lokal gehen. Habe ich das richtig verstanden?
Unser Ziel, näher am Kunden zu sein, bedeutet keine stärkere Lokalisierung der Wertschöpfungskette. Es geht vielmehr um unseren Multimarken- und Multikanal-Ansatz, die richtige Marke über den richtigen Kanal zum richtigen Preis anzubieten. Die Hörgeräteversorgung ist dabei per se lokal – Märkte unterscheiden sich stark in Vertriebskanälen, Erstattungsmodellen und Kundenerwartungen. Darauf reagieren wir mit einem klar differenzierten Markenportfolio, das die jeweiligen Bedürfnisse gezielt adressiert und gleichzeitig Kanalkonflikte minimiert.
Kamen Sie in der Vergangenheit überhaupt in Supply Chain Stress?
Unser globales Lieferkettennetzwerk war und ist dabei jederzeit leistungsfähig. Wir hatten keine strukturellen Versorgungsengpässe. Im Gegenteil: Durch die gezielte Weiterentwicklung unseres Produktions- und Standortnetzwerks, also klare Standort-Mandate und spezialisierte Kompetenzen stärken wir unsere Resilienz weiter. Wir erhöhen unsere Agilität und senken gleichzeitig die Logistikkosten. Dies ist auch ein fundamentaler Baustein unserer neuen Strategie.
«Unser globales Lieferkettennetzwerk war und ist dabei jederzeit leistungsfähig. Wir hatten keine strukturellen Versorgungsengpässe. Im Gegenteil.»
Für 2025/2026 erwarten Sie zu konstanten Wechselkursen 5%–9% mehr Umsatz und eine normalisiertes EBITA von 14%–18%, aber alles eher am unteren Ende der Spanne. Warum so konservativ?
Unsere Prognose für 2025/26 basiert auf einem Marktwachstum von 1–3 %. Mit einem erwarteten Umsatzwachstum von 5–9 % würden wir den Markt klar übertreffen und weitere Marktanteile gewinnen. Gleichzeitig impliziert unsere EBITA-Guidance von 14–18 % eine deutliche Margenverbesserung gegenüber dem Vorjahr – bei konstanten Wechselkursen. In diesem Kontext ist unsere Prognose nicht konservativ, sondern spiegelt unsere Ambition und das Vertrauen in unser Geschäftsmodell wider.
Ihre Sphere-Plattform benutzt die neuste AI in seinen DNN Chips. Wieviel «noise» kann das System rausfiltern?
Der entscheidende Vorteil unserer Phonak Infinio Ultra Sphere™ liegt darin, dass Sprache und Umgebungsgeräusche in Echtzeit getrennt verarbeitet werden – aus jeder Richtung. Das ermöglicht unser eigener KI-Chip und die vollständige Kontrolle über den Technologie Stack. Konkret heisst das: In dynamischen, lauten Umgebungen wie einem vollen Restaurant verbessert sich die Sprachverständlichkeit um wissenschaftlich belegte 20–30%* gegenüber den besten herkömmlichen Lösungen. Gleichzeitig reduziert sich der Höranstrengungsaufwand um bis zu 35 %.** Vereinfacht gesagt: Während klassische Hörgeräte versuchen, Lärm insgesamt zu reduzieren, kann Sphere gezielt die Stimme hervorheben, auf die man sich konzentrieren möchte – ähnlich wie unser Gehirn das natürlicherweise tut.
«Der entscheidende Vorteil unserer Phonak Infinio Ultra Sphere™ liegt darin, dass Sprache und Umgebungsgeräusche in Echtzeit getrennt verarbeitet werden – aus jeder Richtung.»
In Ihrem Strategie-Update vom Ende März spricht Sonova von grösseren strategischen Zukäufen. Wie könnten diese aussehen?
Wir fokussieren uns nicht auf grosse Übernahmen. Vielmehr verfolgen wir einen disziplinierten M&A Ansatz, bei dem wir selektiv auch grössere Zukäufe in strategischen Märkten prüfen – insbesondere dort, wo wir unsere Präsenz gezielt ausbauen wollen. Unsere Wachstumsambitionen basieren jedoch in erster Linie auf organischem Wachstum, getragen von Innovation, unserer Marktführerschaft in den Segmenten und der Stärke unseres integrierten Geschäftsmodells.
Zum Ende des Jahres soll eine neue Hörgeräteplattform herauskommen. Kann man schon dazu etwas verraten?
Aktuell noch nicht – wir werden dazu im Laufe des Jahres weitere Informationen bekannt geben.
Niemand will alt aussehen; was kann die Hörgeräteindustrie, da noch designmässig herausholen?
Gutes Design – von Grössenoptionen über Farben bis hin zu Formen – spielt eine entscheidende Rolle für die Akzeptanz von Hörgeräten. Unser kompaktes, wiederaufladbares Im-Ohr-Hörgerät Phonak Virto Infinio R ist ein gutes Beispiel: Es wirkt weniger wie ein klassisches Hörgerät, sondern eher wie ein moderner Ohrhörer – ein vertrauter Look für viele Menschen. In ausgewählten Märkten entfallen rund 30 % des Virto Umsatzes auf Modelle in Kontrastfarben statt auf hautfarbene Varianten. Das zeigt: Wenn Design vertraut wirkt und sich in den Alltag integriert, steigt die Akzeptanz deutlich.
Quellen:
*Raufer, S., Kohlhauer, P., Jehle, F., Kühnel, V., Preuss, M., Hobi, S. (2024). Spheric Speech Clarity proven to outperform three key competitors for clear speech in noise. Phonak Field Study News retrieved from: https://www.phonak.com/evidence).
**Tian, E. et al. (2025) Spheric Speech Clarity significantly improves speech understanding in a multi-talker scenario and reduces spatial listening effort with Mandarin speakers. Phonak Field Study News. Retrieved from https://www.phonak.com/evidence)