Joris van het Reve, CEO Dividat, im Interview
Von Helmuth Fuchs
Moneycab: Herr van het Reve, Sie haben Dividat 2013 mit Ihrer Schwester Eva und ETH-Professor Eling de Bruin als Spin-off der ETH Zürich gegründet. Inzwischen stehen über 1’000 NEURO GYM-Geräte weltweit im Einsatz in Reha-Kliniken, Pflegeheimen und Premium-Fitnessclubs. An welchem konkreten Punkt wurde aus dem akademischen Forschungsprojekt ein wirtschaftlich tragfähiges Unternehmen und was waren als CEO Ihre bisher grössten «Learnings»?
Joris van het Reve: Unsere starken Forschungsergebnisse sind ein Privileg, aber kein Selbstläufer. Mein wichtigstes Learning als CEO war: Die Wissenschaft muss in einen greifbaren Kundennutzen übersetzt werden. Wir haben gelernt, dass Technologie, sei es in der Klinik oder im Fitnessclub, absolut intuitiv funktionieren muss. Heute arbeiten wir nicht nur an Produkten, sondern an «Value Propositions». Wir mussten den Sprung schaffen, die «Sprache des Marktes» zu verstehen, ohne unsere wissenschaftlichen Wurzeln an der ETH zu verlieren.
«Wir investieren in Lösungen, die sinnvoll sind – nicht in solche, die sich in Pitch-Decks am besten verkaufen. Dass wir im Familienbesitz sind, ist unser langfristiges Qualitätsversprechen.» Joris van het Reve, CEO Dividat
Sie und Ihre Schwester haben sich konsequent gegen klassisches Venture Capital entschieden und finanzieren Dividat aus dem laufenden Geschäft über das Modell von Hardware-Verkauf und Software-Lizenzen. In einer Branche, in der digitale Health-Konkurrenten zwei- und dreistellige Millionenbeträge verbrennen. Ist diese Unabhängigkeit ein strategisches Bekenntnis – oder die nüchterne Erkenntnis, dass die Bewertung im aktuellen Markt nicht ausreichen würde, um die Gründerfamilie nicht massiv zu verwässern?
Unsere Entscheidung gegen klassisches Venture Capital ist ein Bekenntnis zu nachhaltigem Unternehmertum. Wir sehen uns nicht als Projektleiter auf Zeit, die kurzfristigen Wachstumsphantasien nachjagen, sondern als stabiler Partner für unsere Kunden. Diese Unabhängigkeit sichert unsere Innovationskraft: Wir investieren in Lösungen, die sinnvoll sind – nicht in solche, die sich in Pitch-Decks am besten verkaufen. Dass wir im Familienbesitz sind, ist unser langfristiges Qualitätsversprechen.
In der Branche kursieren Umsatzgrössen für Dividat im einstelligen Millionen-Franken-Bereich. Wie profitabel ist Dividat heute tatsächlich – und welcher Anteil des Umsatzes stammt inzwischen aus dem wiederkehrenden Software- und Lizenzgeschäft, das an den Kapitalmärkten typischerweise mit dem Drei- bis Fünffachen der reinen Hardware-Marge bewertet wird?
Dividat ist heute profitabel, und wir reinvestieren diesen Erfolg konsequent: Jährlich fliessen über eine halbe Million Franken direkt in Forschung und Entwicklung. Unser Software-Geschäft ist dabei der zentrale Innovationstreiber mit einem monatlichen Umsatzwachstum von 6–7 %. Einzigartig in unserem Markt ist die gelebte Nachhaltigkeit: Dank voller Rückwärtskompatibilität profitieren selbst Kunden der ersten Stunde mit älterer Hardware von neuesten Features. Wir verkaufen kein statisches Gerät, sondern den langfristigen Zugang zu kognitiv-motorischem Training. Die grosse Mehrheit unserer Kunden erkennt den nachhaltigen Wert, den sie über unsere Softwarelizenz erhält.
«Dividat ist heute profitabel, und wir reinvestieren diesen Erfolg konsequent: Jährlich fliessen über eine halbe Million Franken direkt in Forschung und Entwicklung.»
Mit der seit 2024 vertieften Partnerschaft mit der medica Medizintechnik GmbH und dem Vertrieb des Senso unter der Marke THERA-Trainer haben Sie wesentliche Vertriebskanäle ausgelagert. Das verschafft Ihnen Reichweite, kostet aber Marge und Markenkontrolle. Welcher Anteil Ihres Auslandsumsatzes läuft heute über Drittlabel – und ab welcher Schwelle würde Dividat de facto zum OEM-Hardwarelieferanten, dessen wertvollste Datenströme bei einem Partner statt im eigenen Haus landen?
Die Partnerschaft mit medica Medizintechnik ist ein entscheidender Hebel, um den hochregulierten Medizinmarkt effizient zu erschliessen. Während medica mit der Weltmarke THERA-Trainer eine grosse Reichweite in der Rehabilitation garantiert, bleibt die technologische Hoheit bei Dividat. Wir verstehen uns hier als Enabler: 10–15 % unseres Umsatzes über Drittlabel zu generieren, ist kein Kontrollverlust, sondern ein Gewinn an Marktzugang. Datenströme haben für uns nur dann einen Wert, wenn sie direkten Nutzen für unsere Kunden stiften. Weder wir noch unsere Partner nutzen Daten für zweckfremde Eigeninteressen.
NEURO GYM bedient vier sehr unterschiedliche Welten zugleich: Premium-Fitness (GYYM Basel, Profisport wie der FC Luzern), Physiotherapie (NOW! Training + Therapie AG, Praxis Uerikon), klassische Reha- und Medizintechnik (ZURZACH Care, THERA-Trainer-Verbund) und Sturzprävention im Alter (Pflegeheime, Spitex). Wo sehen Sie für die nächsten 36 Monate die grössten Erfolgschancen – und welcher dieser vier Märkte wird der eigentliche Wachstumstreiber, der den Rest finanziert?
Der grösste Wachstumsmarkt ist die Generation der Babyboomer. Diese Zielgruppe verlangt heute nach einem Training, das weit über reine Kraft und Ausdauer hinausgeht. Mit dem ‚Neuro Gym‘ etablieren wir eine entscheidende Säule der Prävention: Wer seine Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter erhalten will, muss die neuromuskuläre Ansteuerung trainieren. Denn Kraft ohne Kontrolle ist im Alltag nutzlos. Die grösste Dynamik sehen wir aktuell im Premium-Fitness-Bereich und der spezialisierten Physiotherapie, während die Rehabilitation unsere wissenschaftliche Basis festigt. Kooperationen wie mit dem FC Luzern unterstreichen dabei den Vorzeigecharakter unseres Ansatzes: Selbst im Spitzensport ist neuroathletisches Training heute unverzichtbar, um das volle Potenzial abzurufen.
«Der grösste Wachstumsmarkt ist die Generation der Babyboomer. Diese Zielgruppe verlangt heute nach einem Training, das weit über reine Kraft und Ausdauer hinausgeht.»
Der Fitnessmarkt verspricht Volumen, Skalierung und schnelle Sichtbarkeit über Kettenkonzepte; das Medizingeräte-Segment hingegen bringt regulatorische Zulassung, Kassenfähigkeit und damit margenstarke, strukturelle Nachfrage. Welcher dieser beiden Pfade hat strategische Priorität – und wie stellen Sie sicher, dass Dividat in den unterschiedlichen Segmenten die kritische Masse erreicht?
Wir verfolgen eine duale Strategie: Der Fitnessmarkt liefert uns die Dynamik und die nötigen Stückzahlen, um unser Konzept in die Breite der Gesellschaft zu tragen. Parallel dazu sichert der medizinische Markt unsere wissenschaftliche Reputation und den Zugang zu komplexen Krankheitsbildern. Die kritische Masse erreichen wir durch einen Perspektivwechsel: Wir beweisen, dass neuromuskuläres Training kein Nischenprodukt für Patienten ist, sondern eine essenzielle Basiskompetenz für jeden Menschen – vom Spitzenathleten bis zum Senior.
Demenz, MCI und Stürze gehören zu den teuersten Volkskostenposten westlicher Gesundheitssysteme – allein in der Schweiz fallen jährlich rund 90’000 Stürze über 65 Jahre in den Spitälern an. Die ETH-Studien mit Dividat zeigen messbare kognitive Verbesserungen in nur acht Wochen. Warum ist es Dividat bisher nicht gelungen, Schweizer Krankenkassen zu einer Erstattung des NEURO GYM-Trainings innerhalb der Grundversicherung zu bewegen – und was muss konkret passieren, damit der Sprung in die Pflichtleistung gelingt, statt sich auf einzelne Zusatzversicherungen und Selbstzahler zu stützen?
Weltweite Gesundheitssysteme agieren noch immer stark kurativ, doch das Bewusstsein für Prävention wächst spürbar. Stürze zählen zu den grössten Kostenfaktoren unseres Gesundheitswesens – dabei sind sie vermeidbar. Dass die Schweiz ab Sommer 2026 präventive Leistungen in der Physiotherapie stärker vergütet, ist ein Meilenstein, für den wir uns seit Jahren engagieren. Doch wir warten nicht auf das System: Immer mehr Leistungserbringer und Endkunden erkennen den Wert unseres Trainings und setzen auf Selbstzahler-Modelle. Der Grund ist simpel: Der Erhalt der Selbstständigkeit ist unbezahlbar.
«Dass die Schweiz ab Sommer 2026 präventive Leistungen in der Physiotherapie stärker vergütet, ist ein Meilenstein, für den wir uns seit Jahren engagieren.»
Sie sind ein ETH-Spin-off, doch sitzt Dividat in Schindellegi am Etzel, statt etwa im Technopark Zürich, im BioTechnopark Schlieren oder im ETH-nahen Hönggerberg-Cluster. Was waren die Gründe für die Standortwahl im Kanton Schwyz? Wie verhindern Sie, dass die räumliche Distanz zu ETH und Universität Zürich auf Dauer zu einem Talent- und Forschungsnachteil wird – etwa beim Recruiting von Doktorierenden, AI-Engineers und Bewegungswissenschaftlerinnen?
Schindellegi bietet uns eine hervorragende Infrastruktur und hohe Lebensqualität. Wir haben bewiesen, dass Innovationskraft sicher nicht an eine Zürcher Postleitzahl gebunden ist. Wir leben eine moderne, hybride Arbeitskultur: Unser Entwicklungsleiter agiert von München aus, andere Talente weltweit. Wir rekrutieren dort, wo die besten Köpfe sind, und bieten ihnen die Chance, an der Schnittstelle von Technologie, Bewegungs- und Neurowissenschaften zu arbeiten, an Produkten mit echter gesellschaftlicher Relevanz.
Die NEURO GYM-Plattform vereint eine instrumentierte Druckmessplatte mit 20 Sensoren, eine Cloud-Plattform, über 25 Exergames, RFID-Nutzererkennung sowie integrierte Assessments für Gleichgewicht, Reaktion, Kognition und Sprung. Was davon ist tatsächlich Dividat-eigene Entwicklung – sprich Kernpatente, eigener Quellcode, eigene wissenschaftlich validierte Algorithmen – und was ist eingekaufte Standardtechnologie, etwa bei Sensorik, Cloud-Infrastruktur oder Spiel-Engine? Anders gefragt: Wo haben Sie Vorteile gegenüber günstigeren Reha-Plattformen oder neuen Anbietern aus Asien?
Unsere Stärke liegt in der vertikalen Integration: Wir setzen konsequent auf proprietäre, patentierte Hardware und eigenen Quellcode. Während viele Wettbewerber auf Standard-Komponenten wie VR-Brillen oder Consumer-Kameras vertrauen, sehen wir darin ein Risiko für Qualität und Stabilität. Solche Systeme sind für den Massenmarkt konzipiert, nicht für die spezifischen Anforderungen für Training und Therapie. Bei Dividat kontrollieren wir den gesamten Produktlebenszyklus. Mit über 25 Mannjahren Software-Entwicklung und wissenschaftlich validierten Algorithmen haben wir einen Vorsprung aufgebaut, der sich nicht einfach durch Kapital kopieren lässt. Wir verkaufen Präzision, keine Spielerei.
«Unsere Stärke liegt in der vertikalen Integration: Wir setzen konsequent auf proprietäre, patentierte Hardware und eigenen Quellcode.»
Die Bewegungs- und Reaktionsdaten Ihrer mehr als 1000 weltweit installierten Geräte dürften eine der grössten Datenschatzkammern in der kognitiv-motorischen Forschung sein. Welchen Stellenwert hat Künstliche Intelligenz heute schon konkret (Personalisierung der Trainingsprotokolle, Sturzrisiko-Prädiktion, Frühindikation von kognitivem Abbau)? Wo greifen Sie auf hauseigene Modelle zurück, wo auf Foundation Models von OpenAI, Mistral oder Schweizer Anbietern wie der Swiss AI Initiative an ETH/EPFL?
Wir verfügen über einen umfangreichen Pool an Trainingsdaten, den wir gezielt für ein personalisiertes Erlebnis nutzen. Dazu befassen uns auch intensiv mit diesen neuen Technologien. Die Foundation-Modelle der AI-Labs sind mächtig und vielseitig einsetzbar, können aber domänenspezifische Wissenschaft und Statistik nicht ersetzen. So passen unsere proprietären Algorithmen das Anforderungsniveau in Echtzeit an die Tagesform des Nutzers an, um den optimalen Lernerfolg sicherzustellen. Über Forschungsprojekte nutzen wir diese Daten zudem, um künftig noch präzisere Aussagen über individuelle Entwicklungsverläufe zu treffen. Dabei hat der Schutz der Privatsphäre oberste Priorität: Wir generieren medizinische Erkenntnisse, ohne die Anonymität unserer Nutzer zu kompromittieren.
KI-gestützte Diagnostik und Therapieempfehlungen sind in der EU mit dem AI Act und in der Schweiz mit der MepV/MDR streng reguliert. Wie weit kann Dividat mit KI-gestützten Aussagen über kognitiven Abbau, Demenz- oder Sturzrisiko gehen, ohne als Medizinprodukt der Klasse IIa oder IIb in eine ungleich teurere Zulassungsspirale zu geraten?
Unsere Strategie ist klar: Wir fokussieren uns auf das Training und die Verlaufskontrolle, nicht auf die klinische Diagnose. Diese bewusste Entscheidung erlaubt es uns, agil zu bleiben, ohne in die aufwendige Zulassungsspirale für diagnostische Medizinprodukte zu geraten. Der Kundennutzen ist dennoch unmittelbar: Wer trainiert, sieht seine Fortschritte schwarz auf weiss. Diese Erfolgserlebnisse sind die beste Medizin gegen kognitiven und physischen Abbau und die stärkste Motivation für unsere Nutzer.
«Wir fokussieren uns auf das Training und die Verlaufskontrolle, nicht auf die klinische Diagnose. Diese bewusste Entscheidung erlaubt es uns, agil zu bleiben, ohne in die aufwendige Zulassungsspirale für diagnostische Medizinprodukte zu geraten.»
Seit 2022 betreiben Sie ein Büro in Boulder, Colorado; in den USA stehen heute über 100 Geräte. Welche Lehren haben Sie aus den ersten US-Jahren gezogen, welches waren die höchsten Hürden, die Sie überwinden mussten? Welche europäischen Märkte stehen für Sie im Zentrum einer möglichen weiteren Expansion?
In den USA befinden wir uns in einer spannenden Phase des Marktaufbaus. Wir arbeiten uns dort gezielt heran und sondieren vor allem im «Senior Living»-Sektor die Hebel für künftiges Wachstum. Mit einer schlanken Struktur und starken Partnerschaften bereiten wir den Boden für eine umfassende Marktpräsenz. Parallel dazu festigen wir unsere Position in Europa: Neben der DACH-Region fokussieren wir uns auf Märkte wie Skandinavien und die Benelux-Staaten.
Mit der THERA-Trainer-Partnerschaft erhalten Sie über Nacht globale Vertriebsstrukturen, gleichzeitig bauen Sie für die FIBO 2026 in Köln einen eigenen, sichtbaren Markenauftritt. In welchen Ländern wird Dividat bewusst nur Komponentenlieferant bleiben und in welchen Märkten muss zwingend eigene Präsenz aufgebaut werden, damit die Marke NEURO GYM nicht hinter dem Label des Vertriebspartners verschwindet?
In der klinischen Welt ist Co-Branding mit starken Partnern wie THERA-Trainer der richtige Weg, um etabliertes Vertrauen und Reichweite optimal zu nutzen. Im Fitness- und Lifestyle-Markt hingegen positionieren wir Dividat Neuro Gym als das führende Label. Unser Ziel ist klar definiert: Das «Neuro Gym» soll in jedem modernen Fitnesscenter so selbstverständlich werden wie der Cardio-Bereich. Wir erschaffen hier eine völlig neue Kategorie des Trainings.
Wenn wir uns in zwei Jahren wieder unterhalten: Wo steht Dividat dann beim Umsatz, bei der installierten Geräte-Basis und bei der internationalen Präsenz – und woran werden Sie persönlich messen, ob NEURO GYM den Sprung vom Schweizer Reha-Spezialisten zur globalen Plattform für kognitiv-motorische Gesundheit geschafft hat?
In zwei Jahren werden wir unsere installierte Basis mehr als verdreifacht haben und uns im zweistelligen Millionenbereich bewegen. Aber mein persönlicher Erfolg misst sich an etwas anderem: Dass die Menschen verstehen, dass körperliche Fitness ohne das neuromuskuläre Zusammenspiel nicht vollständig ist. Wenn die breite Öffentlichkeit begriffen hat, dass wir nicht nur Muskeln, sondern die Schnittstelle zwischen Gehirn und Bewegung trainieren müssen, haben wir unser Ziel erreicht. Wenn ein Rentner ganz selbstverständlich fragt: «Habe ich heute schon mein System aus Kopf und Körper gefordert?», dann haben wir die kognitiv-motorische Gesundheit weltweit revolutioniert.
«Wenn die breite Öffentlichkeit begriffen hat, dass wir nicht nur Muskeln, sondern die Schnittstelle zwischen Gehirn und Bewegung trainieren müssen, haben wir unser Ziel erreicht.»
Joris van het Reve bei Linkedin

Dieses Interview wurde mit der freundlichen Unterstützung des Amts für Wirtschaft des Kantons Schwyz ermöglicht